Goethe über das Feuer

Brandwärme

Von Andreas Platthaus
 - 19:38

Einmal im Jahr kommt in der Glosse des F.A.Z.-Feuilletons anlässlich seines Geburtstags Johann Wolfgang von Goethe zu Wort. Wenn es in diesem Jahr nun zum zweiten Mal geschieht, ist der Grund dafür die Zerstörung des Frankfurter Goetheturms an diesem Donnerstag durch ein Feuer, von dem noch unklar ist, wie es entstand. Goethes Werk weist zwei bemerkenswerte nächtliche Brandszenen auf, eine in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“, erschienen 1795, die andere aus der späten „Novelle“ von 1826.

In der Letzteren schreibt Goethe über die Erinnerung eines Fürsten an ein Jahrmarktsfeuer: „Fürchterlich wohl war jener Fall, überraschend und eindringlich genug, um zeitlebens eine Ahnung und Vorstellung wiederkehrenden Unglücks ängstlich zurückzulassen, als zur Nachtzeit auf dem großen budenreichen Marktraum ein plötzlicher Brand Laden auf Laden ergriffen hatte, ehe noch die in und an diesen leichten Hütten Schlafenden aus tiefen Träumen geschüttelt wurden; der Fürst selbst als ein ermüdet angelangter erst eingeschlafener Fremder ans Fenster sprang, alles fürchterlich erleuchtet sah, Flamme nach Flamme, rechts und links sich überspringend, ihm entgegen züngelte. Die Häuser des Marktes, vom Widerschein geröthet, schienen schon zu glühen, drohend sich jeden Augenblick zu entzünden und in Flammen aufzuschlagen; unten wüthete das Element unaufhaltsam, die Bretter prasselten, die Latten knackten, Leinwand flog auf und ihre düstern an den Enden flammend ausgezackten Fetzen trieben in der Höhe sich umher, als wenn die bösen Geister in ihrem Elemente um und um gestaltet sich, muthwillig tanzend, verzehren und da und dort aus den Gluten wieder auftauchen wollten.“ Das meiste wird ein Raub der Flammen.

So verhält es sich auch in den „Lehrjahren“, als Wilhelm Meisters Haus angesteckt wird und er nur mit Mühe seinen kleinen Sohn Felix retten kann, doch welch ein Unterschied in der Betrachtung: „Indessen hatte das Feuer gewaltsam mehrere Häuser ergriffen und erhellte die ganze Gegend. Wilhelm besah das Kind beim roten Scheine der Flamme; er konnte keine Wunde, kein Blut, ja keine Beule wahrnehmen. Er betastete es überall, es gab kein Zeichen von Schmerz von sich, es beruhigte sich vielmehr nach und nach und fing an sich über die Flamme zu verwundern, ja sich über die schönen, der Ordnung nach, wie eine Illumination, brennenden Sparren und Gebälke zu erfreuen ... Wilhelm war verlegen wegen seiner Freunde, nicht wegen seiner Sachen. Er getraute sich nicht die Kinder zu verlassen, und sah das Unglück sich immer vergrößern. Er brachte einige Stunden in einer bänglichen Lage zu. Felix war auf seinem Schoße eingeschlafen, Mignon lag neben ihm und hielt seine Hand fest. Endlich hatten die getroffenen Anstalten dem Feuer Einhalt getan. Die ausgebrannten Gebäude stürzten zusammen, der Morgen kam herbei, die Kinder fingen an zu frieren und ihm selbst ward in seiner leichten Kleidung der fallende Tau fast unerträglich. Er führte sie zu den Trümmern des zusammen gestürzten Gebäudes, und sie fanden neben einen Kohlen- und Aschenhaufen eine sehr behagliche Wärme.“

Hier also keine Implantation von „Ahnung und Vorstellung eines wiederkehrenden Unglücks“ durch das Feuer, sondern Wiedergewinnung von Geborgenheit. Und auch in „Novelle“ sagt ja der Fürst: „Es ist an Mord und Todschlag noch nicht genug, an Mord und Untergang, die Bänkelsänger müssen es an jeder Ecke wiederholen. Die guten Menschen wollen eingeschüchtert seyn, um hinterdrein erst recht zu fühlen, wie schön und löblich es sey, frei Athem zu holen.“ Mit dem Goetheturm ist ein Gebäude zerstört worden, keine Existenz. Und auch nicht das Gedenken an den Namensgeber. Gerade das nicht.

Goetheturm
„Wer nicht oben war, ist kein echter Frankfurter.“
© dpa, FAZ.NET
Quelle: F.A.Z.
Andreas Platthaus - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
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