Reale Welt und digitale Welt

Google oder Die Abschaffung der Politik

Von Mark Siemons
 - 10:26
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Die Frequenz der Stellungnahmen Googles zur Welt – zur Ernährung, Sexualität, Arbeit, zu Car-Sharing und was auch immer anliegt – steigt mit jedem Tag. Aber die zentrale Frage, die seine sprunghaft anwachsenden Daten und globalen Aktivitäten aufwerfen, lässt der Konzern unbeantwortet: die Frage nach seiner politischen Agenda. Man weiß, dass das Unternehmen zahlreiche Kontakte zu Regierungen, vor allem zur amerikanischen, pflegt und dabei auch Spitzenpersonal austauscht (der ehemalige außenpolitische Berater von Hillary Clinton steht heute dem Thinktank „Google Ideas“ vor, während eine frühere Google-Managerin jetzt als Chief Information Officer im Weißen Haus arbeitet).

Aber es ist nach außen nicht ersichtlich, welche politischen Kriterien die unüberschaubar gewordenen diplomatischen und unternehmerischen Initiativen miteinander und mit dem gewaltigen Potential der gesammelten Daten gemeinsam haben: worauf sie eigentlich hinauslaufen. Sicher ist nur, dass Google von Anfang an den Anspruch hatte, „die Welt zu verändern“ (ein anderes Motiv würde laut Google-Gründer Larry Page auch gar nicht ausreichen, damit die Angestellten jeden Morgen mit Schwung aufstehen). Doch wie diese Welt dann am Ende aussehen soll, wollen ihre Veränderer nicht sagen.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Seit diesem Jahr tritt der Konzern nun zum ersten Mal direkt als politischer Akteur in Erscheinung. Googles „Government Innovation Lab“ berät die drei kalifornischen Regierungsdistrikte Alameda, Kern und San Joaquin, um deren Politik etwa in den Bereichen Wirtschaftsentwicklung, öffentliche Sicherheit oder Justizwesen zu verbessern. In jedem der drei Distrikte trainieren die Google-Mentoren jeweils fünfzig höhere Beamte mit dem Ziel, „große innovative Führer hervorzubringen“. Der Distrikt San Joaquin will vor allem die Arbeitslosenquote von acht auf vier Prozent senken; Alameda hat einen Schwerpunkt in der Wohnungspolitik, Kern in der Bekämpfung der Rückfallkriminalität. Natürlich ist mit solchen Zielen der Ehrgeiz nicht erschöpft. Die Zusammenarbeit mit den Kommunen soll dem Konzern dabei helfen, ein Ausbildungscurriculum für Regierungen auszuarbeiten, das in allen Weltgegenden und auf jeder Ebene der Macht gleichermaßen angewendet werden kann.

Denken bis zum Mond

Was ist das Spezifische dieser Art Politikberatung? Google selbst nennt es das „Moonshot-Denken“. Laut Larry Page ist es unbefriedigend, jeden Tag nichts anderes zu wollen, als um zehn Prozent besser zu sein als eine Konkurrenz, die ohnehin fast das Gleiche tut wie man selbst. Bei Google gehe es daher nicht darum, zehn Prozent, sondern zehn Mal besser zu sein als alle anderen, also immer etwas zu machen, was auf einem ganz anderen Planeten angesiedelt ist. Nun sollen also auch aus Verwaltungsangestellten und Interessenpolitikern kühne Veränderer werden, die keine Scheu haben, ihre entlegensten Gedanken zu äußern.

Die Pointe dieser institutionalisierten Revolution ist, dass es das utopische Gestirn, auf das die braven Funktionäre gebeamt werden sollen, tatsächlich schon gibt: Es ist die Firma Google selbst und deren zentraler Sitz im kalifornischen Mountain View, genannt „Googleplex“. Die Menschen leben dort wie in einer großen Familie, sie erhalten kostenloses Essen und Gesundheitsvorsorge („Wenn man die Leute so behandelt, bekommt man größere Produktivität“, erklärt Larry Page), jeder kann, wie eine offizielle Website versichert, „sein ganzes Selbst zur Arbeit bringen“, vor allem aber fördert die Arbeitskultur eine „gesunde Missachtung des Unmöglichen“. So wird die Findigkeit einer Internetfirma, immer neue Bedürfnisse und Produkte zu erfinden und damit ständig den Rahmen zu verändern, in dem sie agiert, zum Prototyp für die Politik.

Die Menge der Daten über die Welt und deren Bewohner, über die Google verfügt, gibt dabei auch für sich genommen banal wirkenden Motivationsstrategien, wie sie bei jeder Unternehmensberatung üblich sind, Brisanz. Indem sie hier in demokratisch organisierten Gemeinwesen zur Anwendung kommen, findet eine subtile Veränderung der Parameter statt: Gemäß der alten Google-Weisheit „Konzentriere dich auf den User, und alles andere wird folgen“ wird der Bürger als Nutzer interpretiert, also nicht zuerst als Teilhaber eines demokratischen Prozesses, sondern als Verbraucher und Teilnehmer eines übergreifenden Netzwerks.

Googles Bedingungen der Freiheit

Eine nähere Beschreibung dieses Netzwerks liefert eine Broschüre, die Google Deutschland kürzlich zu 25 Jahren deutscher Wiedervereinigung veröffentlicht hat. Da werden Befragungen junger Leute, die um den Mauerfall herum geboren wurden, zu Themen wie Konsum oder Heimat ausgewertet. Doch zugleich definiert Google in seinen Kommentaren da die Bedingungen der Freiheit, für die es sich einzusetzen beansprucht: Internet („Digitaler Zugang heißt ja auch: grenzenlose Möglichkeiten“), Kapitalismus („Der Kapitalismus ist die Basis für die Freiheit, sich weiterbewegen zu können“), Gegenwärtigkeit („Sich nicht länger über historische Ereignisse definieren zu wollen. Die Generation 25 lebt im Hier und Jetzt“), Mitmach-Bereitschaft („Technik braucht keine Klischees, sondern aktive Teilnahme“). Im Umkehrschluss muss man vermuten, dass alle Bedenkenträgerei und Geschichte, alle Wirtschaftsformen und analogen Erscheinungen außerhalb dieses Rahmens ausgeschlossen sind.

Bei einer der Brainstorming-Konferenzen der von Google ins Leben gerufenen „Solve for X“-Bewegung, die wissenschaftliche „Moonshots“ hart am Rand des Unmöglichen initiieren will, protokollierte denn auch ein Reporter den erstaunten Ausruf eines Londoner Investors: „Bei euch sehe ich kein ,Ja, aber‘. Das ist alles nur cool.“ Der Optimismus korrespondiert mit der Art der Probleme, die diese Weltsicht als Probleme erkennt. „Wir meinen, dass die meisten großen Probleme der Welt Informationsprobleme sind“, schreiben Eric Schmidt und Jonathan Rosenberg in ihrem Buch „Wie Google tickt“: „Das heißt, dass mit einer ausreichenden Datenmenge und der Möglichkeit, sie zu verarbeiten, praktisch jede Herausforderung der Menschheit bewältigt werden kann.“

Wenn alle Probleme im Kern Datenprobleme sind, können sie auch mit Daten gelöst werden. Dieser Zirkelschluss verändert die Legitimationsgrundlage der Politik gründlicher, als es zuerst den Anschein hat: Wenn es bei der Politik vor allem um Information und Kommunikation geht und nicht um Interessen und Ideen, dann ist sie auch nicht länger ein Ergebnis von Auseinandersetzungen in der Gesellschaft, sondern eines Managements, das sein Maß in der bloßen Service-Effizienz findet. Ein ähnlich technokratisches und meritokratisches Verständnis von Politik haben sonst nur Singapur und China.

Selbstfahrend
Im Herbst letzten Jahres: Google und Tesla mit ihren Auto-Neuheiten
© Reuters, Reuters

Mehr Probleme, mehr Daten

Um immer mehr Probleme lösen zu können, müssen also immer mehr Daten gesammelt werden. Und je mehr Daten gesammelt und Probleme gelöst werden, desto mehr fällt die „Welt“, die Google verändern will, mit der Google-Welt zusammen. Es ist ein wechselseitiger Prozess: Google erschließt immer mehr Zonen der Erde der Digitalisierung, etwa indem bei seinem Projekt „Loon“ Ballons aus der Stratosphäre das Internet noch in die verlorensten Winkel herunterladen. Und gleichzeitig erschließt sich der Konzern immer mehr nicht digitale Bereiche wie die Politik, aus denen es dann auch wieder neue Daten gewinnt. Eric Schmidt machte dieses Jahr in Davos die bemerkenswerte Prophezeiung, dass das Internet das Leben bald so durchdringen wird, dass es aus dem Gesichtskreis verschwindet: „Es wird so viel Sensoren, so viele Apparate geben, dass man es nicht einmal mehr bemerkt, es wird überall sein.“

Das perfekte Realsymbol für diese fließenden Übergänge zwischen den Welten ist der Entwurf, den Google mithilfe der renommierten Architekturbüros von Thomas Heatherwick und Bjarke Ingels für seinen neuen, beträchtlich vergrößerten Zentralsitz verfertigt hat. Einzelne Bauelemente und Module sollen dank kleiner Roboter innerhalb von Stunden auf- und abgebaut werden können, so dass sich die architektonische Statik der virtuellen Dynamik jederzeit anpassen kann. Und auch die Natur soll unter den Glasbaldachinen dieser Gebäude gleichzeitig gebannt und aufgehoben sein. Es ist eine sich selbst genügende, vollständige Welt, die aber gleichzeitig teilweise offen sein soll für die Passanten der benachbarten Stadt. So zumindest war der Plan, denn zu Googles Überraschung lehnte der Rat der Stadt Mountain View trotz gewaltiger finanzieller Offerten weite Teile des Konzepts erst mal ab und stellte stattdessen LinkedIn einen größeren Baugrund zur Verfügung. Offenbar herrschte in der Stadt die nicht unplausible Sorge vor, ihre Souveränität zu verlieren.

Konstruktion einer Parallelwelt

Google wird sich von einem solchen Rückschlag kaum aufhalten lassen, weiter an der Konstruktion einer Parallelwelt zu arbeiten, die immer mehr Funktionen der zurzeit noch als solche erkennbaren ersten Welt übernimmt. Schon vor zwei Jahren hat Larry Page gefordert, politisch autonome Regionen zu experimentellen Zwecken zur Verfügung gestellt zu bekommen: „Ich glaube, als Techniker sollten wir einige sichere Plätze haben, wo wir einige neue Dinge probieren und herausfinden können, was deren Wirkung auf die Gesellschaft ist.“

Schon jetzt vereint die dieses Jahr durch Google ausgerufene Holding „Alphabet“ unter ihrem Dach lauter Subunternehmen, die große Teile der künftigen Existenz abdecken. Man wird in rundum optimierten Städten („Sidewalk Lab“) in digital gesteuerten Wohnungen („Nest“) leben, wird sich in selbstfahrenden Autos fortbewegen („Google X“), wenn man sich seinen täglichen Bedarf nicht ohnehin durch Drohnen liefern lässt („Wing“), und dies bis in alle absehbare Ewigkeit, da Nano-Pillen jegliche Alterskrankheiten abschaffen („Calico“). Die Fährnisse der Seele werden unterdessen durch eine ausgefeilte, mit buddhistischen Versatzstücken operierende Technologie des Selbst in Schach gehalten, wie jetzt schon beim Google-Mitarbeiterprogramm „Search inside yourself“, dessen Leiter Chade-Meng Tan verspricht: „Dieses Glück wird sich schließlich auf der ganzen Welt ausbreiten.“

Dies ist umso wahrscheinlicher, als die Menschen ab den dreißiger Jahren mittels Nano-Robotern im Kopf direkt mit der Cloud kommunizieren werden können, wodurch sich natürliche Wahrnehmung und Computer-Wahrnehmung endgültig nicht mehr unterscheiden lassen. So sagte es diesen Juni der Science-Fiction-Realisator Ray Kurzweil voraus, der seit 2012 für Google arbeitet. Das Resultat ist, dass das, was man heute noch unter Politik versteht, gar nicht mehr nötig sein wird. Unterschiedliche Sichtweisen werden mit der alten Welt verschwinden, da sie bloß eine Folge der analogen Beschränkungen und deren unzureichender Informationen sind. Googles Politik läuft auf eine Abschaffung der Politik hinaus.

Quelle: F.A.S.
Mark Siemons
Feuilletonkorrespondent in Berlin.
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