Google lässt forschen

Ist dieser soziale Blindenhund bissig?

Von Frank Rieger
 - 13:23

Der größte Internet-Konzern der Welt gründet in Berlin, an der Humboldt-Universität, ein Institut, um die Wechselwirkung von Internet und Gesellschaft zu erforschen. Es wurde, wenn man Googles Chef Eric Schmidt glauben mag, absichtlich im sonst gern verspotteten Datenschutz-Deutschland angesiedelt, um eine kontinentaleuropäische Perspektive auf die Online-Welt zu bekommen. Die Themenliste der neuen Institution enthält die ganz dicken Bretter aktueller Digitalpolitik: Wie wird Mitbestimmung gestaltet, wenn Algorithmen und Geschäftsmodelle im Alltag wichtiger werden als Gesetze? Wie soll die Zukunft geistigen Eigentums aussehen, falls es überhaupt noch eine Zukunft hat? Wie sollen Regeln und eine Regulierung für das Internet zukünftig entstehen, und wie sollten sie beschaffen sein?

Diese Institutsgründung ist eine schallende Ohrfeige für die deutsche Forschungspolitik. Dass ein solches Institut erst durch eine Spende ausgerechnet des Konzerns möglich wurde, der einen Großteil der gesellschaftlichen Veränderungen durch das Netz maßgeblich selbst antreibt und davon auch kräftig profitiert, zeigt die Misere der hiesigen Wissenschaft. Echte Forschung zu den Folgen und Auswirkungen von Computerisierung und Vernetzung findet an deutschen Universitäten traditionell nämlich nur ganz am Rande statt, getragen von einer vergleichsweise kleinen Zahl unterfinanzierter Wissenschaftler, die um ihre Lehrstühle hart kämpfen müssen, wenn es an die nächste Kürzungs- oder Umverteilungsrunde geht.

Ernsthafte Wissenschaft erforderlich

Gesellschaftliche Folgen von Technologieentwicklung zu erforschen und zu lehren, eine ethische Grundlage für die technischen Eliten von morgen zu erschaffen, die mit mehr faktischer Macht ausgestattet sind als alle Generationen vor ihnen, ist im Angesicht der Durchdigitalisierung unserer Welt dringender denn je. „Das interessiert die Industrie doch sowieso nicht“, heißt es dann aber, wenn es an die Mittelzuteilung geht. „Lasst uns doch lieber mehr Wirtschaftsinformatik und Onlinewerbung-Optimierung machen.“ Dafür gibt es schließlich Drittmittel aus der Wirtschaft, und nach deren Höhe bemisst sich dann die Wertschätzung in den Augen der Leitungsgremien.

Viele der industrienahen Lehrstühle zeichnen sich, wenig überraschend, denn auch nicht gerade durch besondere Innovationskraft aus. Die Belohnung durch mehr Sponsorengeld gibt es vor allem für die verlässliche Produktion von in der Wirtschaft reibungslos verwendbaren Absolventen und für das Beackern von möglichst anwendungsnahen Forschungsfeldern. „Wes Brot ich ess’, des Lied ich sing’“, war schon immer das Lebensmotto von Hofnarren, PR-Agenten und leider auch oft von Wissenschaftlern. Für große, radikale Ideen, riskante Experimente oder gar interdisziplinäre Grundlagenforschung bleibt zwischen ausufernden Lehrverpflichtungen, Förderantragschreiben und Universitätsbürokratie einfach keine Zeit.

In der Konsequenz droht, zusammen mit dem sinkenden Niveau von Feldern wie der Informatik, auch die Technikfolgenforschung in Deutschland zu verkümmern. Wenn man erfolgreich und wirkmächtig über das Wechselspiel von Technologie und Gesellschaft nachdenken und forschen will, braucht man unbedingt den direkten Kontakt zur Technik von morgen und übermorgen, die jedoch in Deutschland zunehmend weniger entsteht. Und es bedarf eines klaren Bekenntnisses zur Aufgabe der Universitäten, ernsthafte Wissenschaft zu betreiben und nicht nur Dienstleister, Zulieferer und akademischer Erfüllungsgehilfe der Wirtschaft zu sein.

Ruf nach Regulierung des Machtpotentials

Google kann durch die Analyse der Daten, die wir dieser Firma mit jeder Suchanfrage und jeder E-Mail anvertrauen, mehr über unseren kollektiven Seelenzustand, unsere Ängste, Sehnsüchte und Wünsche wissen als irgendjemand sonst. Der Konzern ist auch einer der weltgrößten Arbeitgeber für Akademiker.

Wozu benötigt er also ein neues Institut? Zur Erforschung von Fragen, die hausinterne Wissenschaftler durch einen analytischen Spaziergang in den eigenen Datenhalden beantworten könnten? Der Schlüssel liegt wohl in der geradezu penetranten Betonung der Unabhängigkeit der Forscher des neuen Instituts. Die eigentlichen Ziele der Gründung dürften mehrdimensional und vielschichtig sein. Google lernt in Amerika gerade schmerzlich, wie wichtig die langfristige Beeinflussung des politischen Meinungsbildes für die Erhaltung der eigenen Geschäftsmodelle ist. Der Konzern hat ein Machtpotential angesammelt, das intensive Rufe nach Regulierung, Beschränkung, Kontrolle lautwerden lässt. Dass Google sich nun aber anschickt, die akademische Seite der anstehenden europäischen Debatten über den Weg in die durchdigitalisierte Gesellschaft frühzeitig zu beeinflussen, kann nicht weiter verwundern.

Verbündete in der digitalen Welt

Mit wenig Geld ist hier ein subtiler, aber nachhaltiger Einfluss auf politische und gesellschaftliche Denk- und Entscheidungsprozesse zu gewinnen, die auch für die Zukunft des Konzerns höchst relevant sind. Die 4,5 Millionen Euro für das „Institut für Internet und Gesellschaft“ verdient Google in etwa sechs Stunden – so vehement sprudelt der Geldspringbrunnen aus dem Geschäft mit der Online-werbung. Dass Google durch die Konstruktion der Förderung keinen direkten Einfluss auf die Themen und Forschungsergebnisse hat, mag in der Praxis sogar stimmen. Den Verdacht, dass wesentliche Wissenschaftler, deren Ideen und Expertisen zukünftige politische Regulierungsversuche beeinflussen werden, in ihren Arbeiten im Zweifel den größten Werbeverkäufer im Internet schonen könnten, muss das neue Institut aber erst noch widerlegen.

Man sollte nicht den Fehler machen, Google blindlings zu dämonisieren. Nicht umsonst hat das Unternehmen viele Verbündete, gerade wenn es um die Erhaltung der digitalen Freiheiten geht: die große Mehrheit der Internetnutzer. Die notwendigen Voraussetzungen für Googles Erfolg sind schließlich nahezu deckungsgleich mit dem, wie die meisten Digitalbürger ihr Netz gernhaben: frei, offen, gleich, sicher, unzensiert und ohne Beschränkungen für Innovation. Rücksichtnahme auf überkommene Geschäftsmodelle, die von Digitalisierung und Vernetzung gefressen werden, liegt ihnen genauso fern wie Google.

Aspergerartige Betriebsblindheit

Immer kritischer wird jedoch die monopolistische Machtkonzentration, die stetig wachsende Abhängigkeit von Googles Diensten und Systemen gesehen. Und ein deutlich zunehmendes Unbehagen gibt es bei der Privatsphäre, der Konzentration der digitalen Lebensspuren in wenigen, vorwiegend amerikanischen Händen. Die Unternehmenspolitik von Google ist es erklärtermaßen, bei Diensten, die die Privatsphärenwahrnehmung der Nutzer beeinträchtigen könnten, genau bis an die „creepy line“ zu gehen, aber nicht darüber hinaus. „Creepy“ sind in der Google-Diktion Funktionen, bei denen die Macht von Rechenleistung und Datenaggregation zu sehr spürbar wird, wo also eine große Zahle der Nutzer sich bevormundet, durchschaut, beobachtet fühlt. Wo genau die „creepy line“ derzeit verläuft und welche Funktionen bei ihrer Überschreitung zu verheerenden PR-Katastrophen werden können, ist für Google nicht immer einfach zu erkennen. Mehrmals musste jedenfalls wegen eines öffentlichen Aufschreis zurückgerudert werden.

Es scheint, als hätte das Unternehmen hier eine gewisse aspergerartige Betriebsblindheit entwickelt, eine Unfähigkeit, die oftmals unlogisch erscheinenden Gefühle seiner Nutzer zu erkennen und vorherzusehen. Ein externes Forschungsinstitut als sozialer Blindenhund kann hier sicher nützlich sein, um nicht zu schnell voranzupreschen. Wenig subtil erklärte denn auch einer der Berliner Google-Lobbyisten die Forschungsfinanzierung: „Wir freuen uns auf die Ergebnisse, die uns auch helfen werden, bessere Produkte zu machen.“

Quelle: F.A.Z.
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