Gottschalks Laudatio auf Reich-Ranicki

Diese funkensprühende Begeisterung für Literatur

Von Thomas Gottschalk
 - 16:19
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Lieber Marcel,

ich lasse mir diese persönliche Anrede auf der Zunge zergehen, denn ich genieße die Schmerzen, die der eine oder andere Kulturschaffende gerade empfindet, weil ich heute, auf Deinen Wunsch hin, hier als Vertreter derer sprechen darf, die bei Müller an Fußball oder Milch denken, aber nicht an den Literatur-Nobelpreis. Und du hast mir das Du ja nicht verschämt und heimlich in Auerbachs Keller angeboten, sondern öffentlich vor Millionen von Fernsehzuschauern. Du hast sozusagen den Deutschen Fernsehpreis abgelehnt und mich gleichzeitig angenommen, was Du inzwischen bereut haben magst, aber nun ist es zu spät: Hier stehe ich und kann nicht anders, als mit Freude festzustellen, dass Du Dir mit fortschreitendem Alter eine zunehmende Beschwingtheit gönnst. Zu Deinem Fünfundachtzigsten musste ich als Redner noch gegen Frank Schirrmacher und Richard von Weizsäcker antreten. Heute sind wir mit Henryk Broder schon zwei Unterhalter und den Schirrmacher werden wir bis zu Deinem Fünfundneunzigsten auch noch los.

Ich will Dich hier nicht als Unterhaltungskollegen vereinnahmen und auf eine Ebene zerren, auf die Du nicht gehörst und die Deiner Lebensleistung im deutschen Literaturbetrieb nicht gerecht würde, ich führe auch den Fernsehpreis nicht wie den Dolch im Gewande, um ihn Dir heute ein zweites mal erfolglos aufzunötigen. Aber eines musst Du Dir von jemandem, der etwas davon versteht, sagen lassen, auch wenn Du es immer wieder barsch von Dir weist: Du bist, ob du es sein willst oder nicht, ein begnadeter Entertainer.

Deine funkensprühende Begeisterung für die Literatur macht auch und gerade Deinen heiligen Zorn unterhaltsam, Deine Unduldsamkeit ist mühsam für Deine Gesprächspartner aber mitreißend für das Publikum und für Deine Spontaneität gibt es keinen besseren Zeugen als mich. Obwohl ich auch nicht gerade langsam reagiere, war meine Bestzeit für die Rückgabe eines Fernsehpreises vier Wochen, Du hast Deinen erst gar nicht angenommen und bist damit in dieser Kategorie für alle Zukunft uneinholbar.

Kein Außenseiter, eine Ausnahme

Zum anderen kann ich es Dir nicht durchgehen lassen, dass Du Dich immer wieder als „Außenseiter“ bezeichnest und Dich offensichtlich selbst gerne als solcher siehst. Wer sich mit den Medien, mit dem Fernsehen vor allem, einlässt, der kann sich seine Freunde und Feinde ebenso wenig aussuchen wie der Autor seine Kritiker. Sie wachsen einem zu, ob man sie will oder nicht.

Und wer so unverwechselbar und lautstark wie Du seine Stimme erhebt, der darf sich über das Echo nicht wundern. Überraschend ist Dein Erfolg beim Publikum insofern nur, als Dein Thema, nämlich die Literatur, ansonsten im Fernsehen kaum vermittelbar ist. Du bist also kein Außenseiter, sondern eine Ausnahme. Und weil Dir das vor anderen, die das Gleiche erfolglos versucht haben, ein bisschen peinlich sein müsste, aber nicht wirklich ist, stilisierst Du Dich zum Sonderling, von den Deinen nicht geliebt und vom Rest der Welt nicht verstanden.

Mit den Deinen musst Du selbst klarkommen, die mögen mich erst recht nicht. Aber mit dem Rest der Welt kenne ich mich aus. Und wann immer Du mir zuliebe den Olymp der Literatur verlassen hast, warst Du keineswegs heimatlos.

In meiner Late Night Show hast Du seinerzeit ein kompetentes Fachgespräch mit der in Literatenkreisen kaum beachteten Theresa Orlowski geführt und kanntest Dich im Geschäftsbereich der Sexunternehmerin sehr viel besser aus, als diese sich in der Frankfurter Anthologie. Die „Bild am Sonntag“, die Dich gerade zu Deinem Neunzigsten interviewt hat, erklärte ihren Lesern zur Sicherheit in Fußnoten, wer die von Dir erwähnten Herren Rilke und Tucholsky waren, aber Dich brauchten sie ihren Lesern nicht näher zu erläutern. Und einige Journalisten verstanden den Sinn meiner Partnerin Michelle Hunziker bei „Wetten, dass . . ?“ erst, als ich ihre Rolle mit der von Sigrid Loeffler im „Literarischen Quartett“ verglichen habe. Nein, als Außenseiter nimmt Dich die große Mehrheit der Deutschen sicher nicht wahr. Eher als dringend benötigten Mahner und Erzieher.

Der schwierige Spagat zwischen Unterhaltung und Erziehung

Ich habe Dir bereits zu Deinem Fünfundachtzigsten an dieser Stelle öffentlich dafür gedankt, dass Du mir und vielen anderen meiner Generation die deutsche Geschichte im Spiegel Deiner Lebenserinnerungen anschaulicher vor Augen geführt hast als jedes Geschichtsbuch. Sprachlich und intellektuell auf höchstem Niveau, eindringlich ohne jedes Pathos und für jedermann verständlich. Diesen Dank möchte ich heute wiederholen, denn inzwischen haben auch meine beiden Söhne Deine Biographie gelesen und Du hast mir als Vater die Bürde abgenommen, ihnen die jüngste Geschichte ihres Vaterlandes so zu beschreiben dass keine ihrer dunkelsten Seiten verborgen blieb und die nachwachsende Generation trotzdem ihre Heimat lieben kann.

Nun möchte ich Dich noch einmal als Lehrer bemühen und ich bin sicher, ich habe viele Väter an meiner Seite, die wie ich, mit mehr oder weniger Entsetzen feststellen, wie Ihnen der Nachwuchs das Bildungserbe ebenso wenig abnimmt, wie Du mir den Deutschen Fernsehpreis. Wenn ich meinen Söhnen ein mahnendes „Quidquid agis, prudenter agas et respice finem“ entgegenschleudere, halten sie das für einen missglückten Rap-Versuch. Und als ich Deinen ausdrücklichen Wunsch, Friedrich Schiller im Samstagabendfernsehen zu promoten, erst einmal zu Hause getestet habe, bin ich schon dort den Quotentod gestorben.

Deine Ermahnung, gleichzeitig unterhaltend und pädagogisch zu wirken, würde ich gerne öfter in die Tat umsetzen, und das öffentlich-rechtliche Fernsehen wäre der geeignete Ort für eine solche Bemühung. Allerdings darf man da keinen falschen Blütenträumen nachhängen. Das ZDF überträgt beispielsweise die heutige Veranstaltung und obwohl das beliebte Duo „Marcel und Thommy“ darin mitwirkt und trotz musikalischer Verstärkung durch den populären Pianisten Harald Schmidt, wird die Quote mickrig sein. Würde er statt dessen die Geburtstagsfeier von Heidi Klum mit dem Festredner Stefan Raab und einem Auftritt von „Lady Gaga“ ausstrahlen, stünde mein Intendant bei Politik und Medien bei der monatlichen Endabrechnung besser da.

Man stelle sich vor, die Bestsellerliste des deutschen Buchhandels würde nur die sogenannte werberelevante Zielgruppe der dreizehn- bis neununddreißigjährigen Buchkäufer berücksichtigen, wie das in meinem Geschäft inzwischen üblich ist. Das würdest Du vielleicht Martin Walser gönnen, aber ansonsten wäre diese Vorstellung für die Mehrzahl aktueller Autoren, an denen Dir soviel liegt, ziemlich deprimierend. Hier kann ich Dich nur um Deine Fürsprache bei den Kollegen vom Feuilleton bitten, bereits gutgemeinte Versuche der Fernsehsender als solche zu erkennen und den dafür Verantwortlichen Mut zu machen, anstatt sie wegen der mageren Quoten, die sie mit solchen Programmen zwangsläufig einfahren, auch noch der Erfolglosigkeit zu bezichtigen. Ansonsten klafft die Schere zwischen dem, was sich das Publikum wünscht und dem, was Du dem Publikum zu dessen Bildung wünschen würdest, noch weiter auseinander.

Freunde eines Kritikers

Du selbst willst jetzt zurecht in erster Linie die Füße hochlegen und wünschst Dir von Journalisten nur noch kurze Fragen, die Du knapp beantworten kannst. In diesem Sinne habe ich meine Redezeit freiwillig reduziert und Du hast in dem bereits erwähnten „Bild am Sonntag“-Interview die kurze Frage, ob ich Dein Freund sei, entsprechend knapp mit den Worten beantwortet: „Ach Gott ja, soll mir recht sein!“ Da konnte ich mitfühlen, wie es in Horst Köhler kurz vor seinem Rücktritt ausgesehen haben muss. Und wenn Du die nachfolgende Frage, ob Du viele Freunde hast, wiederum barsch und etwas traurig mit einem „Nein, leider nicht“ beantwortest hast, dann muss ich Dir ebenso widersprechen, wie Du in Deinem Leben vielen Menschen widersprochen hast, die glaubten es besser zu wissen.

O ja, Du hast viele Freunde. Du kannst sie Dir nicht aussuchen und Du musst sie nicht alle in die Arme schließen. Mit Deinem öffentlichen Wirken für die Literatur magst Du Dir in diesem Land ein paar Feinde gemacht haben aber doch ungleich sehr viel mehr Freunde. Und ob Du es willst oder nicht, ich gehöre zu ihnen.

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