Hauptstadt der Symbole

Das seltsame Berlin

Von Heinz Bude
 - 17:41
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Bis heute lebt Berlin von der Abstraktion eines Symbols. Der Name „Berlin“ steht für das Traditionslose, Offene, Fragmentarische und Provisorische der einzigen deutschen Großstadt. Man kommt hierher, weil die Stadt anscheinend nur darauf wartet, geprägt, benutzt und vereinnahmt zu werden. Der Mythos handelt von einem riesigen Museum von Behauptungen, die von den Sentimentalen wiederbelebt und von den Destruktiven gebrochen werden.

Man kann hier vom jungen Preußen, vom klassischen Bauhaus, von den Einstürzenden Neubauten träumen – oder wirklich was in Gang setzen, ausprobieren oder eine Unterscheidung treffen wollen.

Immer bildet Berlin die Bühne, auf der Protagonisten von woanders her Platz schaffen und Perspektiven aufreißen. Nirgendwo sonst scheint die Banalisierung des Neuen allerdings auch so weit fortgeschritten zu sein wie in diesem enormen „Notgebilde“ (Karl Scheffler), wo das Unvergängliche, so Bernard von Brentano mit der Sensibilität des 20.Jahrhunderts, keine Zeit zu haben scheint, um zu entstehen.

In unserem Jahrhundert hat eine neuerliche Musealisierung der Berlin-Erwartung im Pop stattgefunden. Dazu gehört zum Beispiel die Geschichte von David Bowie und Iggy Pop, die 1977 für zwei Jahre nach Berlin kamen und die Hauptstraße in Schöneberg mit den Samstagnachmittagen in den Wannenbädern im Stadtbad gegenüber vom Prälat Schöneberg, mit den Schlangen vor den Schaltern der BVG-Zentrale am Kleistpark und dem „Anderen Ufer“ als schwul-lesbischem Ort mit heteronormativer Gelassenheit weltberühmt machten.

Im räudigen Teil der Mauerstadt

Zwischen Kebab-Träumen und Ur-Berliner Ekeligkeit sind in diesem räudigen Teil der Mauerstadt die Bowie-Alben „Low“ und „Heroes“ und Iggy Pops Supertitel „The Passenger“ entstanden. Auf ihren Berliner Touren waren die beiden nicht nur im „Dschungel“ in der Nürnberger Straße, sondern sie haben auch bei Rolf Eden „glittring champagne on ice / garish and overpriced“ getrunken und sind in der „Lützower Lampe“, wo der Barmann, der Türsteher und der Typ auf der Bühne ein und dieselbe Person waren, mit „Daddy Cool“ von Boney M. versunken.

So wurde der Punk vorbereitet, der dann für die Hausbesetzer der frühen achtziger Jahre den Sound für das Befreiungspathos von „No Future“ geliefert hat.

Der Name „Berlin“ ist seitdem mit dem Stimmungsbild der achtziger Jahre aufgeladen. Die geteilte Stadt war trotz des 1969 gegründeten „Zentralrats der umherschweifenden Haschrebellen“, aus denen die offen linksterroristisch eingestellten „Tupamaros West-Berlins“ hervorgingen, nie ein Ort für Hippies.

Erst die Punk-Generation der Hausbesetzer, die zeitweise immerhin 165 Häuser besetzt hielten, brachte eine Szene von popkulturellem Belang hervor, die sich als wüst und empfindsam, hemmungslos und wagemutig darstellte. In den okkupierten Häusern konnte man sich in Genres jenseits der eingezäunten Bereiche von Musik, Malerei oder Theater ausprobieren.

Ein Club namens „Gott“

In der Adalbertstraße gab es den Club „Gott“, an der Yorckbrücke die Frauenkneipe „Blocksberg“, man fertigte Ohrringe aus Beton, und die „Zwischenchefs“ brachten Töne von Leuten hervor, die zu viel mit sich selbst zu tun hatten, um für andere da sein zu können. „Alles Vibration, ohne Emotion.“ Die Heroen dieser Tage sind entweder längst tot oder genießen im glücklich erreichten Alter stilles Wasser und Fencheltee.

In der Zeit der Wende nahm eine „Generation Berlin“ die Stadt in ihren Besitz. Bei den seinerzeit Dreißigjährigen mischten sich zum ersten Mal West- und Ostherkünfte, die als Spezialisten von „Beobachtungen zweiter Ordnung“ in ihren jeweiligen gesellschaftlichen Ordnungen schnelle Unterscheidungsgewinne zu erzielen vermochten.

Mit dem Einsatz einer Existenz ohne Letztbegründung eroberte diese Generation die vielfachen Freiflächen der Stadt mit ihrem unternehmerischen Elan. Die Gründung durch Umzug hatte Berlin wider alle Erwartungen zum exemplarischen Ort der Jetztzeit für eine neue Bundesrepublik gemacht. Es gab die „Berliner Seiten“ in dieser Zeitung, die Kuppel auf dem Reichstag und die Ichzeit-Prosa aus dem Neunziger-Nacht-Pop von dem aus München zugezogenen Rainald Goetz. Die Parole hieß: Definieren statt Kritisieren.

Erster Technotempel der Welt

Auf der Stadtrundfahrt für Eingeweihte kann man heute erahnen, wo sich die Hansa-Studios am Potsdamer Platz befanden, wo in der Eylauer Straße die besetzten Häuser standen, wo die Loveparade entlangführte und wo der „Tresor“ seinen Ort hatte, der als erster Technotempel der Welt gilt. Dafür haben Jungmenschen aus aller Herren Länder Interesse, die es in die Partyhauptstadt zieht, wo sie in dunklen Nächten auf die „Vertierung“ des Menschen (Heiner Müller) hoffen, die selbst in Helsinki, Cardiff, Lüttich, Bari oder wo sie sonst noch herkommen nicht gelingen will.

Die Clubszene ums Schlesische Tor, das Dong Xuan Center in Lichtenberg und natürlich das „Berghain“, in dem das Ende des Partywochenendes erst am Sonntagabend verkündet wird, laden dazu ein, die Welt untergehen zu lassen.

Wie schauen die Berliner, die hier geboren und aufgewachsen sind, auf diese Selbstinszenierung ihrer Stadt? Die aus dem Wedding, wo, wie in Zeiten von Joseph Roth, Geld und Grammatik nach wie vor rar sind; die aus dem Grunewald, wo man im Café „Am Hagenplatz“ die Sonntage zu hassen lernt; die aus Pankow, die den Tonfall von Bolle in Autohäusern, an Discounter-Kassen und selbst in HNO-Praxen nicht aussterben lassen; die vom Jakob-Kaiser-Platz, wo man am frühen Abend schnell und müde in hohen Häusern mit rumpelnden Aufzügen verschwindet?

Man darf nicht vergessen, dass Berlin seine Arbeiterklasse im Westen wie im Osten aus den innerstädtischen Bezirken evakuiert hat. Durch Serienbauweise am Stadtrand sollten die eingesessenen Bewohner Kreuzbergs oder Neuköllns beziehungsweise Prenzlauer Bergs und Friedrichshains eine „neue Heimat“ finden.

Neue Heimat am Stadtrand

Der Geschmack der Mietskaserne mit Kachelofen und Außentoilette, mit dem die Zugezogenen aus den achtziger Jahren noch konfrontiert waren, sollte durch das Flair eines sozialen Wohnungsbaus mit Fernwärme und Nasszelle ersetzt werden. In Gropiusstadt wurden bis Mitte der siebziger Jahre 150000 Wohneinheiten errichtet, und in Marzahn, Hohenschönhausen und Hellersdorf entstanden bis Mitte der achtziger Jahre mit insgesamt ebenfalls 150000 Einheiten die größten Plattenbausiedlungen in Deutschland.

So wurden die innerstädtischen Quartiere von „alter Mitte“ und „neuem Westen“ frei für die neuen Verwalter des Namens „Berlin“. Die Umgesiedelten scheinen seitdem die Umwelt für das Berlin zu bilden, das sich unentwegt zum Gefäß eines fremden Willens macht. Was haben diese beiden Seiten Berlins miteinander zu tun? Das Berlin des Experiments und der Erfindung und das der Trägheit und des Phlegmas?

Dazu existieren in der Stadt zwei Haltungen. Die eine nehmen jene ein, die in die Stadt gekommen sind, um sich hier selbst zu finden. Die existentialistisch gestimmten Exilanten des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders, die missratenen Nachkömmlinge der sozialistischen Dienstklasse aus den Provinzen der DDR, die verstiegenen Esoteriker der Gesellschaftstheorie auf beiden Seiten der Mauer, die entschlossenen Geschichtsunterbrecher des Punks in West und Ost, die blasierten Kinder des New Waves.

Die Berliner Nicht-Berliner

Als natürliche Ethnologen des Inlands haben sie Dinge gesehen, für die die Einheimischen gar keinen Blick hatten. Verlassene Orte, wackelige Schönheiten, durchpoetisierte Hinterhöfe, vom Krieg zeugende Einschusslöcher und die rätselhafte Unüberwindbarkeit einer Demarkationslinie, die sich wie eine Spur des Schmerzes durch die Stadt zieht.

Gewisse Bürgersteige, notierte Uwe Johnson 1961, sind nur durch eine Türschwelle getrennt von Gaststätten oder Wohnräumen, in denen anderes Geld gilt. Unter diesen Berliner Nicht-Berlinern hat sich die bewusste Entscheidung für das Fragment entwickelt: nicht als skeptisches Zurückweichen vor der vollständigen Synthese, auch nicht als müder Verzicht aufs Ganze, sondern als tastende, träumende, tendierende Methode des Denkens und des Lebens.

Berlin hat sich durch die Zugezogenen der Nachkriegszeit einen romantischen Ernst angeeignet, der ihm eigentlich wesensfremd ist. Wenn Franz Hessel aus „jenen zwanziger Jahren“ (Theodor W. Adorno) sich an den unersättlich offenen Mündern der hurtigen und straffen Großstadtmädchen nicht satt sehen konnte, zeigten die sich von dem Zeitlupenblick des harmlos sich wähnenden Flaneurs deutlich genervt .

„Na watten nu?“ Der heutige Betrachter hat immer schon eingeholt, was ihm passiert. Der Flaneur weiß sich im Berlin der Gegenwart, das seit 1989 mehr als ein Drittel seiner Einwohnerschaft ausgetauscht hat, nur noch als Zitat eines Flaneurs.

Den Berliner Berliner ficht nichts an

Die Berliner Berliner ficht solche Distanz in der Nähe nicht an. Man schaut sich beim alljährlichen „Karneval der Kulturen“ oder beim Christopher Street Day viel nacktes Fleisch an oder sieht in der S-Bahn über Menschen, die man nicht zuordnen kann, hinweg. Die U- und S-Bahnen sind heute die Transitzonen der Stadt, in denen man sich wechselseitig als eine aus Bewohnern, Zweitwohnungsbesitzern, Touristen, Flüchtlingen und sonstigen Anwesenheitskategorien bestehende Population Berlins zur Anschauung bringt.

Ansonsten informieren sich die indigenen Berliner über solch provinziell anmutende Massenmedien wie die „Berliner Zeitung“, die „Abendschau“ oder „Radio Eins“ über das, was in ihrer Stadt passiert. Die darin liegende Haltung der Unbekümmertheit markiert den Unterschied zu den Zugezogenen, die trotz aller Coolness in allem und jedem ihre Empfindsamkeit pflegen.

In Tempelhof oder Weißensee sitzt man beim Thailänder oder beim Griechen mit der Freundschaft zusammen, zu denen inzwischen türkischstämmige und russischstämmige Deutsche gehören, und lässt, wie immer schon, das Surrogat für das Echte gelten. Darin zeigen die Ursprungsberliner ihr natürliches Talent zum Hybriden, denn das macht für sie den Witz des Lebens aus.

Mit Gehen kommt man nicht weiter

Die vielfach gedemütigte Stadt bietet ihren Bewohnern weder eine goldene Vergangenheit noch eine helle Zukunft. Hier stürzt man nur, könnte man mit Klabund soufflieren, mit Gehen kommt man nicht weiter.

Nach dem Motto „Die schärfsten Kritiker der Elche waren früher selber welche“ schließen die Arrival-Berliner von heute ihre Reihen gegen die Easyjet-Barbaren, die die Stadt Wochenende für Wochenende heimsuchen. Sie versorgen sich im Görlitzer Park mit Drogen aller Art, bevölkern mit elendem Gitarrenklimpern die Admiralbrücke und geben sich zuletzt im „Trinkteufel“ die Kante.

Die Altbaubewohner, die als Stadtplanerinnen, Rundfunkredakteure und Kieferorthopädinnen tätig sind, verteidigen ihre ganz persönlichen Berliner Errungenschaften der achtziger, neunziger und nuller Jahre, als hier so viel Anfang wie nie war. Jetzt verwandeln Airbnb, „Motel One“ und „Riu Plaza“ gemeinsam mit Dependancen der New York University, der Middlesex University oder der Bahçeşehir-Universität Istanbul ihre Stadt in ein Plastik-Berlin, das niemandem mehr etwas abfordert.

Der dauernde Remix der Bevölkerung

Die Verzweiflung steht ihnen ins Gesicht geschrieben, wenn sie zischen, Berlin müsse sich rar machen, teurer werden und verbotener erscheinen, damit es wieder zu sich selbst finde.

Die Berliner Berliner ficht das alles nicht an. Auch eine Highline wie in New York oder eine Garden Bridge wie in London wird Berlin wegstecken. Davor steht die Beusselstraße mit ihrem multikulturellen Glitzern, die Berliner Allee mit der M4 und der Hermannplatz mit dem Klotz von Karstadt.

Hier drückt sich ein Leben aus, das die Ideologien, den Krieg, die Teilung und den dauernde Remix der Bevölkerung überstanden hat. Der Ausdruck des Geschichtlichen an den Berliner Dingen, könnte man mit den „Reflexionen aus dem beschädigten Leben“ sagen, ist nichts anderes als der vergangener Qual.

Ach, wenn’s ganz dicke kommt, verschlägt’s einem vor solchem Hintergrund nicht die Sprache. Es wird nur ein bisschen besser (mit dem Wirtschaftswachstum, dem Schuldenabbau und der Bautätigkeit), und schon gibt der Berliner Berliner wieder an wie ’ne offene Selters.

Der Autor lehrt Makrosoziologie an der Universität Kassel und veröffentlichte zuletzt „Das Gefühl der Welt. Über die Macht von Stimmungen“ (Hanser).

Quelle: F.A.S.
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