Die Krux mit Straßennamen

Von Königinnen

Von Jürgen Kaube
 - 15:48

Derselbe Stern, die Venus nämlich, heißt „Abendstern“ und „Morgenstern“. Den Philosophen Frege führte das einst dazu, zwischen dem Sinn und der Bedeutung eines Wortes zu unterscheiden. Die Bedeutung sei gleich: beidesmal derselbe Himmelskörper. Der Sinn hingegen verschieden: die Arten seines Gegebenseins; auffällig früh am Abend schon sichtbar und auffällig spät am Morgen noch. Während alle Eigennamen einen Sinn hätten, so Frege weiter, hätten nicht alle eine Bedeutung. „Der gegenwärtige König von Frankreich“ beispielsweise ist eine sinnvolle Bezeichnung, aber eine ohne Gegenstandsbezug, weil es gerade keinen solchen König gibt.

So weit die Philosophie, jetzt die Kommunalpolitik. Auch in ihr geht es ständig um Eigennamen. Nämlich von Straßen, Plätzen, Gebäuden. Die Bedeutung ist dabei der Ort selbst als Adresse. Aber der Sinn der Namen macht regelmäßig Ärger. Zuletzt sollte in Berlins Afrikanischem Viertel eine Straße nach der ehemaligen Königin von Ndongo und Matamba benannt werden, die bislang den Namen eines deutschen Kolonialhalunken trug. Hier schien der postrepressive Sinn der Umbenennung klar, war es aber nicht.

Trotz Frauenquote

Denn die weibliche Ikone des afrikanischen Widerstands gegen die portugiesische Kolonialmacht im 17. Jahrhundert erwies sich bei näherer Betrachtung auch als Profiteurin eines von ihr kontrollierten Sklavenhandels. Wer in der Geschichte moralisch einwandfreie Figuren nach gegenwärtigen Maßstäben sucht, muss mit solchen Sinnverschiebungen rechnen. Wir werden schon noch erleben, dass Schillerstraßen, Königin-Luise-Plätze oder Kant-Gymnasien diskutiert werden, weil die Namensgeber irgendetwas Zweifelhaftes getan haben, und wer für Mahatma Gandhi die Hand ins Feuer legen würde, kennt einfach nur dessen Biographie nicht.

Gerade diskutiert man erneut in Berlin darüber, ob ein Teil des Kreuzberger Mariannenplatzes nicht nach dem Rockmusiker Rio Reiser benannt werden könnte, der ihn – den Platz, nicht den Teil – einmal besungen hat. Heute heißt der Platz nach einer Preußenprinzessin, die ihrerseits gar nicht Marianne hieß, sondern Maria Anna. Sofern ihr nicht die Haltung von Sklaven nachgewiesen werden kann, gibt es mit der Umbenennung darum ein Problem. Denn der Berliner Stadtbezirk hat sich für Straßennamen eine Frauenquote von fünfzig Prozent auferlegt; bis sie erreicht ist, dürfen neue Namen keine männliche Bedeutung haben. Dann muss eben der Sinn ran, mag sich der Bezirksverordnete Werner Heck (Grüne) gesagt haben, und kommt mit dem Argument, Rio Reiser sei zwar ein Mann, aber als bekennender Homosexueller qualifiziere er sich trotz Frauenquote für den Straßennamen.

Die Art des Gegebenseins, übersetzen wir ins Fregische, ist ausschlaggebend, nicht das bloße Sosein. Und singen mit Rio Reisers bekanntestem Lied: „Wie es wäre, wenn ich nicht der wäre, der ich bin / Sondern Kanzler, Kaiser, König oder Königin /. . ./ Ich wäre Rio der Erste, Sissi die Zweite“ oder Marianne die Halbe, „Das alles und noch viel mehr / Würd ich machen / Wenn ich Königin von Deutschland wär.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kaube, Jürgen (kau)
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