Helmut Kohls Grab in Speyer

Unter den Domherren wie ein König

Von Patrick Bahners
© Imago, F.A.Z.

Mit der scherzhaften Bitte an den toten Helmut Kohl, im Himmel nicht sogleich wieder einen CDU-Ortsverband zu gründen, hat Jean-Claude Juncker, der katholische Christdemokrat aus Luxemburg, eine Gedankenwelt in Erinnerung gerufen, in der so etwas vorstellbar gewesen wäre. Mindestens für die Dauer des lateinischen, christlich-undemokratischen Mittelalters, das staatsrechtlich erst 1806 zu Ende ging, dachte man sich die Welt des Himmels als Spiegelbild der irdischen Gesellschaft, nach Rängen geordnet und aus Gruppen bestehend. Und im Himmel setzte man fort, was man auf Erden begonnen hatte: zuallererst den Lobpreis Gottes.

Im Totengedenken nahm dieser Gedanke auch politische und ökonomische Gestalt an. Wie die Erlösten bei Gott für die auf Erden Verbliebenen Fürsprache einlegten, so kümmerten sich umgekehrt die Überlebenden um die Verstorbenen, indem sie um Gnade für deren Seelen beteten. Nicht nur Angehörige trafen sich zum Gebet, sondern auch Freunde. Ja, charakteristisch für die mittelalterliche Gesellschaftsordnung sind Freundschaftsbünde, die um der Totensorge willen geschlossen wurden, zum Zweck des Gebets und der Delegation des Gebets. Wer Mitglied in einer solchen Gebetsbrüderschaft wurde, betrieb Vorsorge fürs Jenseits, zahlte in eine spirituelle Rentenkasse Lebenszeiteinheiten ein, in Erwartung der Ewigkeit.

Kämpfende und triumphierende Kirche

Geläufig ist noch die Vorstellung, dass sich die große Solidargemeinschaft in die beiden Abteilungen der kämpfenden Kirche hier unten und der triumphierenden Kirche dort oben gliedert. Das katholische Gesellschaftslehramt hat nicht erst unter Papst Franziskus das Bild des Christenlebens im Diesseits tendenziell entmilitarisiert. Man möchte eigentlich nicht jeden Streit etwa über den staatlichen Ehebegriff wie die letzte Entscheidungsschlacht der Heilsgeschichte angehen. Könnte es sein, dass es im Licht einer zeitgenössischen Theologie der letzten Dinge auf der Jenseitsseite ein komplementäres Interesse an Militanz gibt? Wenn nicht alles hienieden im Streit entschieden wird, bleibt ja Klärungsbedarf übrig – und dann könnte neben den Bach-Chören und Rahner-Lesekreisen im Himmel vielleicht doch Platz für eine CDU sein.

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Warum wurde Helmut Kohl in Speyer auf dem Friedhof des Domkapitels begraben?
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Ein Begräbnis im Dom ließ das Kirchenrecht nicht zu. Bei den Domherren liegt Helmut Kohl richtig.
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Der Bonner Historiker Aloys Schulte erforschte das Rechtsinstitut des königlichen Domkapitulars.

Die parteipolitische Auseinandersetzung führte Helmut Kohl mit einer Lust an der letzten Zuspitzung, die auf die kulturkämpferischen Quellen der politischen Energie in Deutschland verweist. Allerdings wurde schon der junge Landespolitiker in den Auseinandersetzungen um die Grenze von geistlicher und weltlicher Sphäre nicht als Mann der Kirche wahrgenommen – im Gegenteil. Der Gebietsreformer Kohl schaffte auch die Konfessionsschule ab und wurde in einer Bürgerversammlung von einem Dorfpfarrer als „Luzifer“ beschimpft.

Unerschöpflich im Sichherausziehen

Anton Schlembach, der frühere Bischof von Speyer, hat dem rheinland-pfälzischen Landeskorrespondenten dieser Zeitung berichtet, dass Kohl eine besondere Verbundenheit mit dem Kaiser aus der Reihe der im Dom von Speyer bestatteten Salier empfand, der aus Klerikermund dieselbe Verwünschung zu hören bekam, freilich in der juristisch elaborierten Form, die der Fluch haben muss, wenn ihn der Papst allerhöchstpersönlich ausspricht. Hermann Heimpel charakterisiert Heinrich IV. als „unerschöpflich im Sichherausziehen aus verzweifelten Lagen, so unverwüstlich, wie der bloß Schlaue nicht sein kann“.

Schädel Heinrichs IV. aus dem Dom von Speyer
© Bistum Speyer, F.A.Z.

Jahre vor seinem Tod hatte Kohl sondieren lassen, ob ihm eine Grabstätte im Kaiserdom zugeteilt werden könnte. Seit 1817 ist der Dom Bischofskirche und auch Grabeskirche der Bischöfe. Nach dem Kirchenrecht dürfen andere Personen dort nicht mehr bestattet werden. So blieb Kohl die postume Gleichstellung mit den Kaisern verwehrt. Stattdessen wurde ihm ein anderes Privileg eingeräumt: die Bestattung auf dem Friedhof des Domkapitels.

Königliche Mitbrüder

Der Kaiser galt im alten Reich nicht als Laie wie jeder andere und wurde im Zeremoniell vielfach wie ein Kleriker behandelt. So durfte er in der Weihnachtsmesse das Evangelium singen, weil dort der Satz vom Kaiser Augustus vorkommt. In Aachen und Köln war der König geborenes Mitglied des Domkapitels, ebenso in Bamberg. Der Bonner Historiker Aloys Schulte widmete diesem eigentümlichen Rechtsinstitut 1934 eine Abhandlung im „Historischen Jahrbuch“ der Görres-Gesellschaft: „Deutsche Könige, Kaiser, Päpste als Kanoniker an deutschen und römischen Kirchen“. Schulte war darauf gestoßen, dass in den Memorialbüchern der Kapitel, den Kalendern des Gebetsgedächtnisses, einzelne Könige als „Brüder“ geführt wurden, das hieß: Mitbrüder. In Speyer waren das Konrad III. und Friedrich Barbarossa.

Dass Kohl postum sozusagen zum Domherrn honoris causa gemacht wurde, ist eine würdige Vorstellung. Das Domkapitel ist der Hausherr im Dom, nicht der Bischof. Im Tod trat Kohl noch einmal in einen Personenverband ein, in dem er einer unter Gleichen ist.

Den Bamberger Reiter deutete Schulte als „König-Kanonikus, wie er heranreitet, um die Domkirche zu betreten“. Er wendet den Kopf nach rechts. „Ob zu der Geistlichkeit, die ihn an der Kirchenpforte empfangen will, oder zu dem Volke, das ihn jubelnd umgibt?“ Heinrich IV. starb im Unfrieden mit seinem Sohn, der gleichfalls in Speyer bestattet ist. Schulte beschreibt den Reiter als jungen Mann, vor dem „noch eine glänzende Zukunft“ liegt. „Ihn belastet noch nicht eine kampfvolle Vergangenheit, wie sie keinem deutschen Könige erspart blieb.“

Quelle: F.A.Z.
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