Hillary Clintons neues Buch

Wie es mit ihr gewesen wäre

Von Tobias Rüther
 - 10:24
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Dies ist ein schmerzhaftes Buch. Nicht allein, weil „What Happened“ von den Schmerzen der Politikerin Hillary Clinton erzählt, der es nicht gelang, Donald Trump zu schlagen und die erste Präsidentin in der Geschichte der Vereinigten Staaten von Amerika zu werden. Sondern auch, weil die Geschichte einer solchen Niederlage nachzulesen nicht angenehm ist, egal, ob man Hillary Clinton mag oder nicht: Man kann sich ausmalen, wie hart es sein muss, amtlich bescheinigt zu bekommen, dass 62 984 825 Millionen Menschen gegen einen sind und es viele darunter gibt, die einen sogar hinter Gitter bringen wollen. Und dann muss man sich klarmachen, dass man das, was man sich da als normaler Mensch so ausmalt, mit 62 984 825 Millionen multiplizieren muss, um dem nahezukommen, was Hillary Clinton empfinden mag. Und vorher, mit anderen Multiplikatoren, Mitt Romney und John McCain und John Kerry – oder George Bush, der 1992 gegen Hillary Clintons Ehemann Bill verlor.

„What Happened“ ist aber auch deswegen ein schmerzhaftes Buch, weil Hillary Clinton zu ergründen versucht, wie es zu dieser Niederlage kam, die weit mehr als eine Niederlage unter vielen Niederlagen in amerikanischen Präsidentschaftswahlkämpfen seit 1788 ist, sondern ein Wendepunkt. Der zweideutige Titel fängt das sehr gut ein: Was geschehen ist, lautet er übersetzt, aber eben auch: Was ist nur geschehen?

Und dann ist es gar nicht mehr allein die Geschichte der gescheiterten Präsidentschaftskandidatin Hillary Clinton, sondern wird zur Geschichte unserer polarisierten Verhältnisse: in der Hass, Ressentiment, Rassismus und Aggressivität in einem Ausmaß in die politische Auseinandersetzung zurückkehren, wie man das in der westlichen Welt seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. Auf fast jeder der fünfhundert Seiten von „What Happened“ steht man mitten in dieser Auseinandersetzung. Und sie ist ja auch hier in Deutschland längst nicht vorbei.

Natürlich stillt das Buch auch voyeuristische Impulse. Natürlich sucht man auch nach Stellen. In den frühen Stunden des 9. November 2016, als dann klar war, dass Hillary Clinton es nicht geschafft hatte, und der Sieger sich von seinen Anhängern feiern ließ, legte sich die Verliererin auf ihr Hotelbett in New York, kaum fünf Minuten von Trumps Party entfernt: „Ich hatte noch nicht geweint“, schreibt Hillary Clinton, „war mir auch nicht sicher, ob ich es noch tun würde. Aber ich fühlte mich derartig erschöpft, als hätte ich seit zehn Jahren nicht mehr geschlafen. Wir legten uns aufs Bett und starrten an die Decke. Bill nahm meine Hand, und dann lagen wir nur da.“

Das sind die betäubenden Schmerzen der Niederlage, von denen Hillary Clinton erzählt. Wie war das, als in der Nacht vom 8. auf den 9. November nach und nach alles auseinanderfiel? Und sich die Vorhersagen nicht bewahrheiteten, die Clinton als Siegerin gesehen hatten? Wer war bei ihr, was hat sie getan? Hat sie getobt, geheult, in den Fernseher geschossen? Gab es Pizza? (Ja.) Und es gab Chardonnay für die Verliererin, in den Wochen danach, daheim in Chappaqua. Und Bücher des deutschen Theologen Paul Tillich, Yoga und Atemtechnik und tröstende Anrufe von George W. Bush: „Er schlug vor, wir sollten zusammen Burger essen gehen. Ich glaube, das ist Texanisch für: ,Ich weiß, wie du dich fühlst.‘“

Vor allem aber macht Clinton sich – materiallastig, zahlengesättigt, mal auftrumpfend, mal defensiv – auf die Suche nach den Gründen für ihre Niederlage. Vielleicht als Rechtfertigung, sicher sogar. Aber ihre Fassungslosigkeit spürt man bei alldem trotzdem. Ihre Fassungslosigkeit darüber, dass ausgerechnet sie, der so viele Leute und vor allem ihr einstiger Gegner Barack Obama bescheinigt hatten, perfekt geeignet für das Präsidentenamt zu sein, an so einem Clown gescheitert ist. Und dort, wo die Gründe für dieses Scheitern eben nicht persönlich sind, es also nicht an Clintons Fehlern gelegen hat, die sie ja ohne Zweifel gemacht hat, erlebt man einfach noch einmal ähnlich fassungslos lesend mit, wie hier zwei Kandidaten gegeneinander antreten, von denen der eine sich nicht mal für die Regeln des Spiels interessiert, der dann aber genau deswegen gewinnt.

Daher ist „What Happened“ also ein Buch über unsere gegenwärtigen Konflikte. Und es gibt davon noch nicht so viele, erst recht nicht von Politikerinnen und Politikern auf der Höhe der Macht, die von innen beschreiben, wie es ist, solch einem Hass zu begegnen. Ein Buch von Angela Merkel über ihren Besuch im sächsischen Heidenau, wo ihr 2015 die unflätige Wut eines Mobs von Normalbürgern entgegenschlug, wäre genauso interessant. Und der Hass ist Hillary Clinton ja nicht nur auf der Straße begegnet: „Hey, Hillary Clinton, shut the f-- up and go away already“, schrieb ein Kolumnist der „New York Daily News“, als Clinton sich nach der Wahl in Interviews wieder zu Wort meldete. Clinton ist so zivilisiert, das Schimpfwort nicht auszuschreiben, der Kolumnist tat das auch nicht und dachte vielleicht, das würde es weniger bösartig machen. Aber dieses Fuck war in der Welt, und es gab wenigstens 62 984 825 Millionen davon, und das wird niemals reichen, und täglich werden es mehr.

Wenn in diesen letzten Wochen vor dem 24. September über das Niveau des deutschen Wahlkampfs gestritten wird, darüber, wie langweilig er ist und wie vorhersehbar, dann muss man sich klarmachen, dass Hillary Clinton genau so einen Wahlkampf geführt hat wie es momentan noch der durchschnittlichste Kandidat der demokratischen Bundestagsparteien tut.

Hillary Clinton ist also angetreten mit einem Programm. Mit dem Verweis auf die eigene Erfahrung, mit Plänen, mit Zahlen, mit dem Wunsch, allen Schichten und Kräften im Land irgendwie gerecht zu werden. Sie beruft sich auf Max Webers berühmten Satz von der Politik als „starkes langsames Bohren von harten Brettern mit Leidenschaft und Augenmaß zugleich“. Aber dann wurde sie geschlagen von einem Konkurrenten, der mit alldem nichts anfangen kann und von vielen Amerikanern gewählt wurde, die von alldem nichts mehr hören wollen, sobald es von Politikern kommt.

„Sie hat Leute, die in Großraumbüros sitzen und den ganzen Tag lang politische Programme schreiben“, hat Trump im Wahlkampf dem „Time“-Magazin in einem Interview erklärt, das Clinton zitiert. „Das ist nur Papierverschwendung.“

Programmatische Arbeit als Papierverschwendung, Analyse der Verhältnisse als verdächtiges Verhalten: Wer für zivile Regeln in der Politik ist, wer Politik für einen Wettkampf von Ideen hält, für die Kunst des Ausgleichs, für das Bohren harter Bretter oder den Ausdruck eines optimistischen Grundbedürfnisses nach Gestaltung, der liest „What Happened“ mit wachsendem Frust und Zorn. Hillary Clinton übernimmt darin die Verantwortung – das tut sie, egal, was die Rezensenten jetzt schreiben – für die vermutlich folgenschwerste Niederlage der amerikanischen Geschichte. Sie steht aber zugleich vor der Aufgabe, eine ganz normale politische Performance verteidigen zu müssen gegen den Verdacht, mit dieser Performance die Amerikaner, die sie deshalb nicht gewählt haben, zugleich im Stich gelassen zu haben. So persönlich Clintons Bericht sich auch gibt, und es ist viel von inspirierenden Begegnungen die Rede, von ihrer Mutter, von reumütigen Gegnern, von Bill als großer Stütze ihres Lebens, trotz allem, was da war – „What Happened“ ist ein kämpferisches, politisches Buch. Und ein angreifbares Buch noch dazu, weil Clinton ihrem Bedürfnis nicht widerstehen kann, noch einmal ganz genau zu erklären, was sie getan hätte als Präsidentin.

Sie verteidigt ein politisches Programm, das niemals in die Tat umgesetzt wird, jedenfalls nicht von ihr. Sie bilanziert vergebens gemachte Pläne: neue Waffengesetze, härtere Russlandpolitik, verbesserte Krankenversicherung. Sie hat einen enormen Rechtfertigungsdrang, einen Nachholbedarf, sie hält die Reden, die sie nicht halten durfte, sie hadert. Sie ist die Was-wäre-wenn-Präsidentin, die Phantomschmerzpräsidentin.

Seit in der vergangenen Woche die ersten Auszüge aus diesem Buch bekannt wurden, war der Tenor aber fast einhellig: Die schlechte Verliererin Hillary Clinton tritt nach (gegen die Medien, gegen ihren Konkurrenten im eigenen Lager, Bernie Sanders). Und gesteht eigene Fehler (der private E-Mail-Account als Außenministerin, falsche Töne gegen kleine Leute im Wahlkampf, Missachtung eben jener weißen Wähler, die sich als Verlierer des Wandels fühlen) nicht aufrichtig genug ein.

Aber so einfach ist das nicht. Einmal weil diese Kritik der immer schon verkehrten Logik folgt, Politikerinnen und Politiker machten sich verdächtig, wenn sie sich selbst für die richtigen Kandidaten hielten. Hillary Clinton wird dieser politische Überlebensinstinkt seit langem in besonderem Ausmaß angekreidet, um es freundlich zu sagen. Sie geht in den feministischen Passagen ihres Buchs auch darauf ein: „Ich habe Fehler gemacht“, schreibt sie dort, „habe mich gegen die Vorwürfe gewehrt, starrsinnig verweigert, mich zu entschuldigen: Aber das gilt für die meisten Männer in der Politik genauso. (Tatsächlich ist gerade einer von ihnen mit der Strategie ,Entschuldige dich niemals, wenn du falschlagst, greif einfach härter an‘ Präsident geworden.)“

Und was sie gegen Bernie Sanders vorbringt, den Konkurrenten aus dem eigenen Lager, der vor allem junge Wähler hinter sich versammeln konnte, ist oft stichhaltig: „Nach der Wahl schlug Bernie vor, die Demokraten sollten auch offen dafür sein, Kandidaten zu nominieren und zu unterstützen, die gegen das Recht auf Abtreibung sind“, schreibt sie. „Andere Themen, wirtschaftliche Gerechtigkeit beispielsweise, sind sakrosankt, aber die Gesundheit von Frauen offenbar nicht.“

Dass Sanders, wo er nur konnte, gegen das „Establishment“ wetterte und verrückterweise auch die Organisation „Planned Parenthood“, so etwas wie Pro Familia, dazuzählte, dass er, was die Kontrolle von Waffenbesitz angeht, näher an den freizügigen Republikanern ist als an Clinton, die strengere Gesetze forderte: Hier kann man das noch einmal lesen. Und noch einmal ihre Sicht auf die E-Mail-Affäre, bei der die Rolle des FBI-Direktors James Comey einfach dubios bleibt, egal, wie man zu Clintons dubioser Rolle steht.

„Ich dachte, ich wäre eine verdammt gute Präsidentin gewesen“, schreibt Hillary Clinton einmal. „What Happened“ versucht zu beschreiben, wie es gewesen wäre mit ihr. Und macht zugleich klar, dass es auf diese Frage, da ein Präsident im Weißen Haus sitzt, der jeden Tag andere Prinzipien ziviler Politik attackiert, schon lange nicht mehr ankommt. Das hat Hillary Clinton mit diesem Buch sicher nicht beabsichtigt, aber genau das macht es so stark.

Nach verlorenem Wahlkampf
Hillary Clinton: Die Zukunft ist weiblich
© reuters, reuters

Hillary Clinton, „What Happened“. Simon & Schuster, 512 Seiten, um 20 Euro

Quelle: F.A.S.
Tobias Ruether - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tobias Rüther
Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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