Historisches Museum Frankfurt

Der doppelte Blick in den Stadtspiegel

Von Tilman Spreckelsen
 - 10:44
zur Bildergalerie

Als die Preußen Ernst machten, wollte Karl Fellner nicht mehr leben. Kampflos zogen die Eroberer am 16.Juli 1866 in die Stadt ein, der Fellner als Älterer Bürgermeister vorstand. Er bemühte sich zunächst, die exorbitanten Geldforderungen der Preußen zu erfüllen, aber als er eine Liste zum Vermögen der Frankfurter Honoratioren anfertigen sollte, erhängte er sich am 24. Juli. Bei seinem Begräbnis, zu dem trotz befohlener Geheimhaltung und unmöglicher Tageszeit an die sechstausend Frankfurter kamen, drückte Fellners Schwager dem preußischen Aufpasser den Strick in die Hand – und die geforderte Liste. Sie war leer.

Die Totenmaske des letzten Oberhaupts der unabhängigen und bald nach der Besatzung an Preußen gefallenen Stadt Frankfurt ist eines von hundert Objekten, die von heute an in einem gesonderten Bereich im Neubau des Historischen Museums der Stadt zu sehen sind. Und sie fügt sich vorzüglich in ein Konzept, das auch in den übrigen Teilen der Dauerausstellung spürbar ist: Rückblick und Gegenwartsdarstellung der Stadt sind hier erheblich mehr an ihre Bewohner als an ihre Gebäude geknüpft, Frankfurt wird mit einigem Recht als Gemeinwesen verstanden, das stolz auf seine Distanz zum Adel war (allerdings ebenso stolz auf seine Rolle bei der Wahl der deutschen Kaiser), und das in einem Maße, dass der Verlust der Selbständigkeit im neunzehnten Jahrhundert als ungeheuerliche Kränkung erlebt wurde.

Der freistehende Neubau des Historischen Museums, mit dem ebenfalls neu errichteten zentralen Empfangsbereich vor den Altbauten auf der Mainseite durch einen unterirdischen Durchgang verbunden, löst diesen Anspruch in beiden Teilen seiner Dauerausstellung ein. Die unteren beiden Stockwerke sind unter dem Titel „Frankfurt Einst?“ der Stadtgeschichte gewidmet, das oberste wird mit dem Bereich „Frankfurt Jetzt!“ gefüllt. Während allerdings der Raum unter dem Dach des speicherförmigen Gebäudes insgesamt großzügig und beinahe luftig wirkt, erinnert zwei Etagen tiefer die den hundert Objekten zur Stadtgeschichte vorbehaltene Abteilung eher an eine Wunderkammer alten Zuschnitts, so eng stehen die Exponate manchmal im langgestreckten Gang zwischen Wand und holzverkleidetem Treppenhaus beieinander.

Auf jedes Dach der Innenstadt geklettert

Das allerdings ist kein Nachteil, nicht nur, weil vieles so deutlich miteinander korrespondiert, Ansichten der Stadt etwa oder Schaustücke, die jeweils auf Handwerk, Administration, Religionsausübung oder bauliche Entwicklung in Frankfurt verweisen und mal in der Sache, mal aber auch im Objekt selbst begründet sind. Sondern auch, weil diese rasche Abfolge, begleitet von einem an der Wand angebrachten Zeitstrahl, die Basis für die übrigen Abteilungen der Dauerausstellung legt: Die große historische Linie ist da, von nun an geht es um die Themen.

Konsequent zweisprachig, auf Deutsch und Englisch, zielt das Museum ersichtlich auf Besucher, die selbst entscheiden, wie weit sie sich auf das Gebotene einlassen – wer will, kann sich im Altstadtmodell verlieren, das Hermann und Robert Treuner zwischen 1925 und 1962 schufen und für dessen Erstellung sie, wie der Museumsdirektor Jan Gerchow sagt, „auf jedes Dach“ der Innenstadt kletterten, um die Gebäude korrekt mit papierüberzogenen Vollholzmodellen reproduzieren zu können. Das Modell bildet den Zustand um 1927 ab, vor den Kriegszerstörungen also und vor den Schneisen, die danach durch die Stadt geschlagen wurden.

Die Bürger der Stadt als Glanzlicht

Das schärft den Blick enorm für das, was sich nun anschließt. Denn so wie der Verlust der Unabhängigkeit im neunzehnten Jahrhundert zugleich eine explodierende Bautätigkeit zur Folge hatte, ist auch die Rolle der Stadt nach der Katastrophe des Kriegs eine andere als zuvor. Davon erzählt die Ausstellung in anderen Stationen, die in der mittleren Etage etwa der „Geldstadt“ oder der „Weltstadt“ gewidmet sind, aber sie weist auch auf die Kontinuitäten hin, etwa mit einer prächtigen Sammlung von Münzen seit der Zeit Karls des Großen, die den Besucher über einen weiteren interaktiven Monitor dazu einlädt, nach Geldstücken verschiedener deutscher Territorien zu suchen und deren Wert ungefähr zu taxieren.

Vor allem aber geht es um diejenigen, die diese Entwicklungen hervorgebracht oder erlitten haben, und so ist die Abteilung „Bürgerstadt“ das Glanzlicht unter den Stationen von „Frankfurt Einst?“. Eine Wand ist verschiedenen Porträts von bekannten und weniger prominenten Frankfurtern gewidmet, die von der Büste über das Ölgemälde, die Miniatur, den Scherenschnitt oder auch das Polizeifoto alle Formen der Darstellung ausschöpfen. Da schaut die tragische Dichterin Karoline von Günderrode hinreißend skeptisch in die Welt, während sich unweit von ihr der Frankfurter Bürgermeister Adickes auf einem Gemälde von 1907 in Renaissance-Manier darstellen lässt oder ein Patient der psychiatrischen Klinik des Struwwelpeter-Dichters Heinrich Hoffmann stolz in die Kamera schaut. Der Besucher kann sich auf einem Bildschirm Lebensgeschichten der Dargestellten anzeigen lassen, er kann nach Persönlichkeiten suchen, die er vermisst, und er kann sein eigenes Gesicht zwischen all diese Bilder projizieren lassen. Und unweit davon widmen sich sechs kleinere Kabinette bekannten Frankfurtern wie Marcel Reich-Ranicki, dessen Schreibtisch und Telefon gezeigt wird, oder Anne Franks Schwester Margot. Sie erzählen von Widerstandskämpfern oder Aktivisten und zeigen dabei ein großes Spektrum von unterschiedlichen Darstellungsformen, um sich diesen Biographien zu nähern.

Am Ende steht der Ausblick auf eine Stadt, die sich, wie es scheint, so schnell verändert, dass man nicht immer weiß, ob das Ziel dieser Veränderung in den elementaren Bedürfnissen einer rasant wachsenden Stadt liegt oder im Rückgriff auf Verlorenes wie in den Gebäuden rund um das neue Museum. Und auch das Modell, das der niederländische Künstler Herman Helle mit einer Reihe von Mitstreitern aus den unterschiedlichsten Baustoffen geschaffen hat und das Frankfurt aufgrund von 1500 von den Bewohnern ausgefüllten Fragebögen zeigt, ist nicht statisch gedacht, sondern als wandelbar und soll deshalb regelmäßig überarbeitet werden. Es ist ein Angebot, wie man Frankfurt sehen kann, eines unter sehr vielen konkurrierenden in diesem Haus. Genau das macht seine Klasse aus.

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
TwitterGoogle+
  Zur Startseite