Das Jahr 1968 in Senegal

Paris–Dakar – und nicht wieder zurück

Von Birte Förster
 - 09:12

Ende Mai 1968 führten die Studierendenproteste in Dakar zur größten Regierungskrise in der Geschichte des unabhängigen Senegals. Die Proteste hatten lokale Ursachen, waren aber global vernetzt. Das lag nicht zuletzt daran, dass die Universität von Dakar selbst ein transnationaler Ort war: Zwei Drittel der Studierenden kamen aus dem Ausland, darunter 1300 aus dem frankophonen Afrika und mehr als 800 aus Frankreich. Präsident Léopold Sédar Senghor warf den Protestierenden vor, ihre weißen Kommilitonen in Paris, die toubabs, nur zu kopieren – die Auseinandersetzungen um die Finanzierung und Gestaltung von Bildung in Senegal hatten 1968 damit nicht nur eine transnationale, sondern auch eine postkoloniale Dimension.

Als der demokratische senegalesische Studierendenbund UDES am 24. Mai 1968 zur Generalversammlung einlud, waren dem Treffen monatelange Verhandlungen mit der Universitätsverwaltung vorausgegangen. Stein des Anstoßes waren die drastischen Kürzungen der Stipendien, die seit dem akademischen Jahr 1967/68 nur noch für zehn Monate gezahlt wurden und durch weitere Kürzungen faktisch um die Hälfte gesunken waren. Auch um die offizielle Anerkennung als Studierendenvertretung hatte der UDES vergeblich gekämpft.

Zwischen 400 und 500 wurden in Militärcamps interniert

In Sachen der Stipendien wurden die Studierendenvertreter mit dem Hinweis abgespeist, das werde in anderen afrikanischen Ländern ebenso gehandhabt. Auf der Generalversammlung wurde beschlossen, in den unbefristeten Streik zu treten – wie in Paris am 27. Mai 1968. Die Proteste in Senegal waren gleichwohl keine reine Kopie der französischen, sondern hatten eine spezifisch senegalesische Komponente. Die Historikerin Françoise Blum hat diese transnationale Dimension des senegalesischen Mai 1968 in verschiedenen Publikationen entfaltet, so in dem Aufsatz „Sénégal 1968. Révolte étudiante et grève générale“ (in: Revue d’histoire moderne et contemporaine, Band 59, Heft 2, 2012/Cairn), und mehrfach gefordert, in Darstellungen zur globalen Dimension von 1968 endlich auch den afrikanischen Ländern einen angemessenen Platz einzuräumen. Dieser Forderung trägt das „Handbook of the Global Sixties“, in diesem Jahr bei Routledge erschienen, mit Beiträgen von Blum, Omar Guèye, Bahru Zewde und Priya Lal erstmals Rechnung.

Die am 26. Mai 1968 publik gemachten Forderungen der Studierenden gingen über das Thema der Studienfinanzierung weit hinaus. Verlangt wurde auch die „Afrikanisierung“ von Universitätsverwaltung und Curricula. Denn die 1957 noch während der Kolonialzeit gegründete Universität von Dakar richtete sich in Studienadministration wie -inhalten am französischen Vorbild aus, wurde von einer franko-senegalesischen Kommission geleitet und zu 70 Prozent von Frankreich finanziert. Das Personal war mehrheitlich französisch. Die Universität von Dakar, so lautete die Kritik, sei eine französische und keine senegalesische Universität. Aber die Studierenden übten auch allgemeinpolitische Kritik an Senghors Regierung, die seit der Ausschaltung des Premierministers Mamadou Dia und der Einführung des Präsidialregimes 1962 immer autoritärere Züge angenommen hatte.

Diese bekamen nach Beginn des Streiks am 27. Mai auch die Studierenden und die Oberschüler, die sich dem Streik angeschlossen hatten, zu spüren. Am 28. Mai ließ die Regierung alle Schulen und die inzwischen besetzte Universität schließen. Am 29. Mai stürmten Polizei und paramilitärische Einheiten die Studierendenwohnheime. Ausländische Studierende wurden umgehend in ihre Heimatländer abgeschoben, Studierende aus Senegal wurden verhaftet, zwischen 400 und 500 wurden in Militärcamps interniert, 48 wurden von der Universität suspendiert. Bei der Aktion gab es siebzig Verletzte und ein Todesopfer. Doch gerade diese unbotmäßige Gewalt gegen die Studierenden führte zur Solidarisierung der Gewerkschaften, die noch am gleichen Tag einen Generalstreik beschlossen, den auch die Radioansprache Senghors am 30. Mai nicht abwenden konnte. Am 31. Mai kam es zum Generalstreik in Dakar, der sich auch jenseits der Hauptstadt ausbreitete. Die Verhaftung von Gewerkschaftsfunktionären führte zu Massendemonstrationen, so dass die Regierung sich zu Verhandlungen gezwungen sah und am 9. Juni alle Inhaftierten wieder freiließ. Die Einigung mit den Gewerkschaften sah zudem die Anhebung des Mindestlohns um 15 Prozent und weitere Lohnerhöhungen vor.

Die Protestierenden drehten den Spieß der antikolonialen Kritik um

Die Studierenden aber streikten noch vier weitere Monate. Mit den Protesten trafen sie Senghor, den Mitbegründer der Négritude-Bewegung, als Dichter und Förderer der Bildung quasi an seiner Achillesferse. Burleigh Hendrickson hat kürzlich auf die rhetorische Rolle der Kolonialgeschichte in den Auseinandersetzungen hingewiesen („The Politics of Colonial History. Bourguiba, Senghor, and the student movements of the global 1960s“, in: The Global 1960s. Convention, Contest and Counterculture, herausgegeben von Tamara Chaplin und Jadwiga E. Pieper Mooney, London 2017). In der Radioansprache am 30. Mai und auch in anderen Verlautbarungen warf Senghor den Studierenden vor, ihre Proteste seien von außen gesteuert, darin komme ein ausländischer Imperialismus zum Ausdruck. Die fehlgeleitete Revolte der Studierenden und Arbeiter könne niemals eine senegalesische Revolution sein – was als senegalesisch galt, wollte der Präsident in klassischer nationalistischer Manier selbst definieren.

Die Protestierenden drehten den Spieß der antikolonialen Kritik um und bezeichneten ihrerseits den poète-président als Franzosen, mit dem die geforderte Loslösung von Frankreich nicht möglich sei. Hier trat der Unterschied der Generationen ans Licht: Frankophonie und Négritude waren für die Studierenden in Dakar nicht länger zentrale Bezugspunkte, ihr Denkrahmen war kulturell wie politisch sowohl ein afrikanischer wie ein globaler, aber eben nicht mehr vorrangig an der früheren Kolonialmacht ausgerichtet. Die Proteste sind damit sowohl Ausdruck kolonialer Verflechtungsgeschichte wie der fortschreitenden, auch kulturellen Dekolonisierung.

Im September 1968 wurde Senghor mit dem Friedenspreis des deutschen Buchhandels geehrt. Dafür, dass er den Preis nicht ungestört entgegennehmen konnte, sorgte in Frankfurt kein Geringerer als Daniel Cohn-Bendit, unterstützt vom SDS. Die deutsche Studierendenbewegung hatte die Solidarität mit der damals so genannten „Dritten Welt“ auch für sich entdeckt, und so wurde der Geehrte als „Diktator“ und „Ideologe des Kolonialismus und Neokolonialismus“ beschimpft – musste sich also die Anklagen anhören, die ihm auch in Senegal entgegengeschlagen waren. Zu diesem Zeitpunkt hatte sich Senghor allerdings längst mit den Studierenden in Senegal geeinigt. Er war auf alle ihre Forderungen eingegangen, auch die Suspendierten konnten ihr Studium fortführen.

Senghor, so legt jetzt der senegalesische Historiker Omar Guèye in seinem Buch „Mai 1968 au Sénégal“ (Paris 2017) dar, einigte sich mit den Studierenden vor allem deshalb, weil er seine Felle davonschwimmen sah und um die Zukunft seiner Regierung fürchtete. Guèye schätzt die Folgen des Mai 1968 in Senegal deshalb als eher gering ein. Senghor blieb noch bis 1980 im Amt und mit ihm die autoritäre Präsidialdemokratie. Immerhin: Die Studierendenvertretung wurde anerkannt, die Schüler wurden an der Überarbeitung der Lehrpläne beteiligt, und die Mindestlöhne waren zumindest auf das Inflationsniveau angehoben worden.

Quelle: F.A.Z.
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