Bildungsmisere

Neue Marketingstrategien für die alten Sprachen?

Von Melanie Möller
 - 08:30

Die Bildungsmisere an den Schulen ist eine traurige Angelegenheit. Noch trauriger sind allerdings die Konsequenzen, die daraus gezogen werden: Außer Digitalisierung scheint unseren Politikern nicht viel einzufallen. „Digital first – Bedenken second“ – in dem dümmlichen Wahlslogan der Freien Demokraten ließe sich die Vorsilbe der „Be-Denken“ ohne Probleme streichen. Was soll „Digitalisierung“ eigentlich heißen? Fraglos ist es wichtig, dass Kinder beizeiten einen verantwortlichen Umgang mit den digitalen Medien lernen und Erwachsene sie dabei nach Kräften unterstützen. Und gewiss lassen sich wertvolle Fertigkeiten und Kenntnisse mit Hilfe der digitalen Medien erwerben. Über das Tempo dieser Informationsversorgung wird emsig beraten: Schnellere Netze sollen her, und das möglichst flächendeckend. Aber über die Inhalte dieser digitalen, ja überhaupt der Bildung spricht leider kaum jemand in vernehmlicher Weise. Dabei weisen selbst hartgesottene Digitalfans mit Nachdruck darauf hin, dass die ganze Netzwerkerei ohne Inhalte wenig Sinn ergibt. Also, bitte schön: „Denken first, digital second“.

Was aber soll gelehrt und gelernt werden? Blickt man in die entsprechenden Curricula, fährt einem der Schreck in die Glieder: Unausgegorenes Zeug in bisweilen wenig reflektierter, floskelhafter Sprache paart sich mit völlig überzogenen Ansprüchen. Und überall wird mit der heißen Nadel die Digitalisierung hineingestrickt. Für die mit dieser verbundenen Pläne müssen Kapazitäten frei werden – traditionelle Inhalte müssen weichen, vor allem solche, die in datenversessenen Zeiten wenig praktisch und lebenstauglich scheinen. Was könnte in einem größeren Gegensatz zu der digitalen Welt der Zukunft inmitten blühender Schullandschaften mit hochqualifizierten, dem nationalen wie internationalen Wettbewerb genügenden Schülern stehen als – na, sagen wir zum Beispiel die alten Sprachen, Griechisch und Latein? Folgerichtig geht es denen mal wieder an den Kragen. Und zwar heftiger denn je. Vor allem dem vielerorts bereits fast ganz von der Landschaft verschwundenen alten Griechisch, der an der „Wiege der europäischen Kultur“ genutzten Sprache. Doch auch Latein wird immer stärker an den Rand gedrängt. Davon zeugen die jüngsten Entwicklungen an vielen humanistischen beziehungsweise altsprachlichen Gymnasien, die über Generationen hinweg für einen gewissen Qualitätsstandard sorgten. Sinkende Schülerzahlen an vielen dieser Schulen werden mit einem merklich nachlassenden Interesse am Alten, nicht Businessmäßigen, zu wenig Digitalen erklärt. Schließlich stehen auch die Schulen unter zahlenmäßigem Konkurrenzdruck – möglichst viele Schüler müssen her, so wie an den Universitäten möglichst viele „Studierende“ zu „generieren“ sind (müssen wir uns diese grausame, militärisch-biologistische Sprache eigentlich gefallen lassen? Wer will schon zu einer „stabilen Kohorte“ gehören oder dem „Studierendenaufwuchs“ zuträglich sein?). Für den Zusammenhang von mangelnden Schülerzahlen und altsprachlichen Profilen nun gibt es kaum hinreichende Belege.

Gleichwohl setzt angesichts der schlechten Marktlage der alten Sprachen ein allenthalben zu beobachtender Aktionismus ein. Man macht sich attraktiv. Man überlegt sich Marketingstrategien. Man wirbt. Und womit? Mit „neuen Konzepten“ und „Ideenwettbewerben“, mit Preisausschreibungen, mit Castings, mit Mitmachaktionen. Und vor allem mit Digitalisierung. Entsprechende Konzepte sind bald in den altsprachlichen Unterricht integriert, bald als Lockangebote konzipiert: Hier sollen die Schüler gar nicht merken, dass sie, während sie mit ihren Tablets schmusen, nebenbei noch ein bisschen bittere altsprachliche Medizin schlucken – wenn überhaupt. Der Nutzen solcher Aktionen ist jedenfalls fragwürdig, so verständlich sie im Einzelnen sein mögen. Eher zu empfehlen wären da schon Durchhalteparolen: Abwarten und gute Arbeit machen. Vielleicht ein paar Flauten aushalten. Das Alleinstellungsmerkmal auch als solches vermarkten. Da müsste die Politik natürlich mitspielen; man müsste ihr gebetsmühlenartig vor Augen führen, wie katastrophal es ist, Bildung in Zahlen messen zu wollen. Sie lässt sich jedenfalls nicht in rein quantitative ökonomische Korsetts zwängen, wie sie derzeit in Mode sind – das wird sich langfristig rächen, auch wirtschaftlich. Man sollte dieser schlechten Bildungspolitik ganz sicher nicht in die Hände spielen, indem man sich auf die Zahlenspiele einlässt. Sondern mit Qualität gegensteuern und wirklich auf die vielbeschworenen Inhalte setzen. Was kann die Beschäftigung mit den alten Sprachen und Texten nicht alles lehren über das moderne, auch wohl digitale Leben (sogar der Begriff ist ja, mal wieder, lateinischen Ursprungs): alles Wissenswerte über Krieg und Frieden, über Liebe und Hass, über Politik und Demokratieverständnis, über Ethik und Ästhetik, Kunst und Kultur. Und das vor dem Hintergrund einer Tradition, deren zeitliche Dauer und räumliche Breite einmalig ist. Ein Zeitraum von über 2500 Jahren in all seinen kulturellen Zusammenhängen, Kontinuitäten und Brüchen bietet eine denkbar schillernde Palette an Gegenständen, mit denen es sich zu beschäftigen lohnt, und zwar in möglichst enger Orientierung an den Objekten, um oberflächlich gewonnene – historische, kulturelle, ästhetische – Urteile mit fundierten Argumenten entkräften zu können. Das ist es, was Schüler fit machen kann für die globalisierte digitale Welt der Gegenwart und Zukunft. Auf diese Traditionen können sie stabiler bauen als auf den Sand der digitalen Getriebe.

Die Autorin lehrt Latein an der Freien Universität Berlin.

Quelle: F.A.Z. / Bildungswelten
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