Chemnitz und die Geschichte

Nach der Betroffenheit kommt die Abrissbirne

Von Hartwin Brandt
 - 16:15

„Nach Chemnitz“ ist in den letzten Wochen zum Schlagwort in einer politischen Debatte geworden, deren Mitwirkende sich überrascht, entsetzt, ratlos, alarmistisch, besserwisserisch und zornig geben – je nach politischer Couleur und Gemütslage. Immer geht es dabei auch um die Frage, wie „die Leute“ dazu gebracht werden können, differenzierter zu urteilen, sich einer angemesseneren Sprache zu bedienen und Verstandeskühle statt Stimmungshitze herrschen zu lassen. Und immer wieder ist zu hören (nun, „nach Chemnitz“, auch und gerade von führenden Mitgliedern der Staatsregierung), dass es dafür größerer Bildungsanstrengungen bedürfe – insbesondere in den Kindergärten, den Schulen, den Universitäten und den Instituten für Erwachsenenbildung.

Die seit Gründung des Freistaates Sachsen nach der Wiedervereinigung stets regierende CDU, die auch jetzt noch den Ministerpräsidenten stellt, muss sich allerdings fragen lassen, wie diese späten Einsichten mit ihrer bildungs- und wissenschaftspolitischen Praxis zusammengehen. Ein Blick auf das Schicksal des Faches Geschichte an der Technischen Universität Chemnitz ist aufschlussreich. Die mit großem Brimborium im Januar 1994 neugeschaffene Philosophische Fakultät avancierte schnell zur bis heute größten Fakultät. Zu den neugeschaffenen Instituten gehörte seinerzeit das Fach Geschichte mit sechs Professuren.

Betroffenheit und Tatenlosigkeit

Doch schon zwei Jahre nach dem feierlichen Aufbruch folgte die realpolitische Ernüchterung. Der damalige Finanzminister Milbradt wollte die Lehrerausbildung, das Rückgrat des Faches Geschichte, gleich wieder abschaffen. Am 9. Januar 1997 froren dagegen demonstrierende Dozenten und Studenten vor dem monumentalen Karl-Marx-Kopf in winterlicher Kälte. Der Bürgerverein „Für Chemnitz“ organisierte am selben Tag ein „Bürgerforum“, um die Lehrerausbildung in Chemnitz zu erhalten. Der damalige Dekan der Philosophischen Fakultät warnte eindringlich, es werde demnächst kaum noch Lehrer aus der Stadt und der Region in Chemnitz geben, wenn die Kahlschlagspläne verwirklicht würden. Am 6. März 1997 stimmte die absolute CDU-Mehrheit im Dresdner Landtag der Schließung der Lehrerausbildung zu.

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Das Institut für Geschichte existierte unverdrossen weiter, die Bibliotheken wurden ausgebaut, Drittmittel flossen reichlich (vor allem in den Bereich der von der Wirtschafts- und Sozialgeschichte betriebenen Automobil- und Industriegeschichtsforschung), und das Institut benannte sich zeitgerecht in eines für „Europäische Geschichte“ um mit entsprechenden neuen Studiengängen. Doch es half und hilft alles nichts: Inzwischen wird die Alte Geschichte nur noch durch eine befristete und auf baldige Abschaffung festgelegte Juniorprofessur vertreten, die Technikgeschichte existiert längst nicht mehr, die Wirtschafts- und Sozialgeschichte fällt mit dem nun erreichten Ruhestand des Fachvertreters ersatzlos weg, und die verbliebenen Institutsmitglieder sehen resigniert und empört dem Ende ihres auf Rumpfniveau gestutzten Faches an der Technischen Universität entgegen.

Zu erleben ist die deprimierende Wiederholung schon oft gespielter Stücke: Auf Sonntagsreden folgt das Montagshandeln, wenn die Limousinen abgefahren sind, rückt die Abrissbirne an. Wenn „unvorhergesehene Ereignisse“ eintreten, herrscht erst Betroffenheit und (sobald Gras über die Sache gewachsen ist) danach Tatenlosigkeit. All das nach Jahren kontinuierlich sprudelnder Steuereinnahmen. Man sollte genau hinsehen und hinhören, ob und wie es nicht nur mit „der“ Geschichte in Chemnitz weitergeht, sondern auch mit dem Fach Geschichte an der dortigen Universität.

Der Autor lehrt Alte Geschichte an der Universität Bamberg und war von 1993–2002 der erste Professor für Alte Geschichte an der TU Chemnitz.

Quelle: F.A.Z.
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