Zum Tod von Erich Meuthen

Eherner Jäger der Weisheit

Von Johannes Helmrath
 - 17:30

Mit Erich Meuthen hat die deutsche Mediävistik einen ihrer bedeutendsten Gelehrten verloren. Geboren 1929 in eine Lehrerfamilie im rheinischen Mönchengladbach, studierte er in Köln Geschichte, Philosophie und Germanistik bei Gerhard Kallen, Josef Koch und Richard Alewyn. Ein Werk über die Gestalt des Mephisto brach er ab, wurde mit einer Arbeit über den Geschichtssymbolisten Gerhoch von Reichersperg promoviert. Kallen und Koch führten ihn, wie seinen lebenslangen Freund Hermann Hallauer, zu Nikolaus von Kues (gestorben 1464). Meuthen ging für drei Jahre auf eine Italienische Reise, bei der er eine Fülle unbekannter Quellen zu Cusanus entdeckte – und als Forscher zu sich selbst fand. „Die letzten Jahre des Nikolaus von Kues“ (1958) waren der Ertrag.

Aus seiner Ausbildung zum Archivar bezog er das eherne methodische Fundament für seinen zukünftigen Umgang mit originalen Quellen. Nach einer Anstellung als Archivdirektor in Aachen und einer Habilitation über die „Aachener Pröpste bis zum Ende der Stauferzeit“ erhielt er einen Ruf an die Universität Bern für sechs glückliche Jahre (1971 bis 1976), dann an die Universität zu Köln, wo er bis zuletzt wirkte (1976 bis 1995).

Seine ureigenste Schöpfung (an der er selbst auch am meisten hing) waren die – gemeinsam mit Hallauer betriebenen und jetzt in Berlin fortgeführten – „Acta Cusana. Quellen zur Lebensgeschichte des Nikolaus von Kues“. Das auf circa zwanzig Bände angelegte Werk sammelt und ediert sämtliche Textspuren dieser exemplarischen Person und erschließt dabei zugleich fast alle Facetten der Politik, Kirche und Kultur seines Jahrhunderts. Neben seiner Lehrtätigkeit als Professor brachte Meuthen insgesamt fünf Bände heraus, die beispielsweise Kues’ bedeutende Reformreise von 1451/52 durch das Reich dokumentieren.

Edieren war für Meuthen immer sowohl Grundlagenforschung als auch kreative historische Arbeit. Neben den „Acta Cusana“ setzte seine Edition der „Aachener Urkunden 1100–1250“ Maßstäbe. Über Cusanus kam Meuthen zum Basler Konzil (1431 bis 1449), dessen bester Kenner er wurde. Seine zahlreichen Aufsätze und die größeren Opera zeichnen sich durch Weitblick, unerschütterliche Fundiertheit – er beherrschte die Kunst der Fußnote als zweiter Stimme des Textes –, argumentative Stringenz sowie verhaltene stilistische Eleganz aus. Eines seiner bleibenden Verdienste ist die Neubewertung des Spätmittelalters, namentlich des fünfzehnten Jahrhunderts, das er der Perspektive machtpolitischer Dekadenz und vorreformatorischer Teleologie entzog und als Epoche sui generis, als „Scharnierzeitalter“, zu verstehen anleitete. Das verband ihn mit Forscherkollegen wie Hermann Heimpel, mit dem er über Jahre korrespondierte, oder mit Peter Moraw und Hartmut Boockmann.

Zum Spätmittelalter zählten für Meuthen zentral auch Humanismus und Renaissance, eine Sicht, die ihn bei eingefleischten Mittelalterhistorikern geradezu verdächtig machte. Seine Geschichte der alten Universität Köln (1388 bis 1794) wurde zum Kabinettstück moderner Universitätshistoriographie (1988). Meuthen gehörte der Nordrhein-Westfälischen Akademie der Wissenschaften, der Historischen Kommission bei der Bayerischen Akademie der Wissenschaften (Leitung des Projekts „Deutsche Reichstagsakten“) und dem Beirat des DHI in Rom an. Er war Mitherausgeber der „Historischen Zeitschrift“, Träger der Kölner Universitätsmedaille.

Man erlebte ihn als begeisternden Lehrer von höchstem Niveau. Seine glasklaren Vorlesungen komprimierten Bibliotheken. Eine europäische und vergleichende Perspektive war dabei selbstverständlich. Seine letzten Pläne, vor allem eine große Biographie des Nikolaus von Kues, machte die Krankheit obsolet. Ein Jahrzehnt Matratzengruft ertrug er in christlicher Geduld. Jetzt ist Erich Meuthen in Köln gestorben.

Quelle: F.A.Z.
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