Hochschulbauten

Man gönnt sich wieder etwas

Von Arnold Bartetzky
 - 12:11
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Vergangenes Jahr wurde in Lüneburg Daniel Libeskinds Zentralgebäude der Leuphana Universität eingeweiht, ein ebenso wuchtiger wie effektheischender Solitär. Die Hochschule wollte erkennbar ein unverwechselbares gebautes Logo haben und setzte ganz auf die Prominenz seines Entwerfers. Der Kontrast zu den früheren Leitbildern der Universitätsarchitektur könnte größer nicht sein. Hochschulbauten waren über Jahrhunderte Modelle für funktionale Raumbildung und soziale Interaktion – von den klösterlich abgeschirmten Kollegien des Mittelalters über die angelsächsischen Campusareale der Neuzeit bis zu den als technokratische Idealstädte konzipierten Megastrukturen der sechziger und siebziger Jahre.

Im Nachkriegsdeutschland lösten die steigenden Studentenzahlen damals einen Universitätsbauboom aus, der von der Planungseuphorie der Moderne angetrieben war. Ideen der Rationalisierung und Standardisierung einerseits und der Demokratisierung und Egalisierung andererseits bestimmten die Riesenkomplexe, die meist auf den grünen Wiesen an den Stadträndern aus dem Boden gestampft wurden, beispielsweise in Bochum, Bielefeld, Konstanz, Stuttgart-Vaihingen oder West-Berlin.

Es dauerte allerdings nicht lange, bis die als Schrittmacher für gesellschaftlichen Fortschritt erbauten Massenuniversitäten in Verruf gerieten und als monotone Betonmoloche gebrandmarkt wurden, die ganz entgegen ihrem Programm für eine autoritäre Architektur stünden. Es lag wohl auch an ihrer abschreckenden Wirkung, dass ambitionierte Hochschulbauprojekte in der Folgezeit zu einer Seltenheit wurden. Mittlerweile ist der Blick auf die Universitätsbauten der Nachkriegsmoderne differenzierter. Selbst die Ruhr-Universität Bochum, lange Zeit Inbegriff des Scheiterns eines megalomanen, tyrannischen Funktionalismus, erlebt inzwischen unter Architekturhistorikern einige Wertschätzung.

Konkurrenz unter den Hochschulen

Der neue Bauboom, den die Hochschullandschaft seit rund eineinhalb Jahrzehnten erlebt, folgt ganz anderen Modellen. Der Architektur kommt dabei eine andere Rolle zu. Waren einst gesellschaftliche Modernisierungsvisionen die treibende Kraft, so stehen die heutigen Neubauten im Zeichen des Wettbewerbs zwischen den Hochschulen. Es geht dabei um Verbesserung der Studienbedingungen, aber auch um Schauwert, Imagebildung und Marketing. Manche Universität setzt dafür ganz auf die Werbewirkung spektakulärer Stararchitektur.

Den Anfang machte der gekurvte Glaskoloss mit bedruckten Fassaden, den das Basler Architekturbüro Herzog & de Meuron, damals ein aufgehender Stern der internationalen Szene, für die Bibliothek der Brandenburgischen Technischen Universität in Cottbus entwarf. 2004 wurde er fertiggestellt. Wenig später setzte Norman Foster in die sogenannte Rostlaube – das geistes- und sozialwissenschaftliche Zentrum der Freien Universität Berlin aus den sechziger und siebziger Jahren – eine silbrig geschuppte Riesenglasblase als Domizil für die Philologische Bibliothek. Die damals noch für ihre Kühnheit bestaunten Bauten wirken heute geradezu zurückhaltend im Vergleich zu Libeskinds zackigen Exaltationen in Lüneburg.

Nicht nur in Deutschland versuchen Universitäten, sich mit teurem baulichem Spektakel in Szene zu setzen. Bei den seit 2009 entstandenen Neubauten der Wirtschaftsuniversität Wien stehlen sich Platzhirsche der globalen Look-at-me-Architektur gegenseitig die Schau. So trumpft Zaha Hadid mit den wuchtig in die Höhe ragenden, verkeilten Baukörpern des „Library & Learning Center“ auf. In Konkurrenz zu der herrischer Exzentrik tritt ein von Peter Cook mit seinem Londoner CRABstudio entworfener, weitläufiger Flachbau, der mit seinen gewundenen Fassaden in schrillen Gelb- und Orangetönen um die Aufmerksamkeit buhlt. Als „Karneval der Alphatiere“ wurde diese Ego-Architektur in der österreichischen Presse verspottet.

Die Nützlichkeit steht hinten an

Bei allen Vorteilen von Werbeeffekt und Wiedererkennungswert tun sich die Hochschulen mit solchen architektonischen Paukenschlägen keinen Gefallen. Die starken Gesten gehen meist zu Lasten des Nutzwerts. Der Mut zur Raumverschwendung lässt nur wenig brauchbaren Arbeitsplatz. Außerdem geht es auf Kosten von Ortsbezug und Ensemblebildung. Solch eine selbstverliebte Architektur wirkt gerade an Orten deplaziert, die dem beharrlichen Streben nach Erkenntnis gewidmet sind. Und schließlich ist ihre ästhetische Halbwertszeit oft von kurzer Dauer. Was heute modisch ist, kann schon morgen peinlich gestrig wirken. Ein krasses Beispiel dafür bietet die nach einem Entwurf des Basler Büros Degelo Architekten weitgehend neu gebaute Universitätsbibliothek in Freiburg, ein städtebaulich unsozialisierbares Gebäude, das mit seinen funkelnden, nach dekonstruktivistischer Mode zerklüfteten Glasfassaden schon zum Zeitpunkt der Eröffnung im Jahr 2015 wie aus der Zeit gefallen wirkte.

Neben dem Wunsch nach hippen gebauten Logos lässt sich in vielen aktuellen Hochschulbauten auch ein neuer Sinn für materielle Solidität, gestalterische Disziplin und Beständigkeit beobachten. Stilbildend in seiner formalen Strenge wurde das 2009 als Zentralbibliothek der Berliner Humboldt-Universität eröffnete Jakob-und-Wilhelm-Grimm-Zentrum von Max Dudler.

Klare, kantige Formen prägen auch den Campus Westend der Frankfurter Goethe-Universität, das wohl größte universitäre Bauvorhaben der letzten Jahre. Sie sind kein Zeichen spartanischer Bescheidenheit. Nach einem städtebaulichen Masterplan des Frankfurter Architekten Ferdinand Heide von 2003 ist unter Beteiligung verschiedener renommierter Entwerfer ein wohlgeordnetes und ausgesprochen großzügiges Ensemble entstanden, das mit dem Fassadenmaterial und der Ausstattung einzelner Bauten Mut zum Luxus zeigt.

Militärareale umfunktioniert

Den städtebaulichen Ausgangspunkt und zugleich die gestalterische Qualitätsvorgabe des Westend-Campus bildet die einfühlsam renovierte einstige Konzernzentrale der IG Farben, ein Meisterwerk von Hans Poelzig aus den zwanziger Jahren. Im Umgang mit diesem Großbau zeigt sich ein Leitbild, das den Planern der sechziger Jahre fremd war: die Orientierung am Bestand und die Verknüpfung mit existierenden städtischen Strukturen. In einem wesentlich kleineren Maßstab artikuliert sich diese Haltung in dem kürzlich vom Bund Deutscher Architekten ausgezeichneten Neubau für das Philosophische Seminar der Universität Münster, den der Kölner Architekt Peter Böhm so selbstbewusst wie subtil einem innerstädtischen Altbau zur Seite gestellt hat.

Viele der Hochschulbauprojekte hauchen ehemaligen Industrie- oder Militärarealen neues Leben ein. Auch dafür bietet der IG-Farben-Bau, der nach der Auflösung des Konzerns vier Jahrzehnte lang von der US-Armee genutzt worden war, ein Beispiel. Ehemalige Kasernen wurden außerdem durch die Leuphana in Lüneburg, die Universität des Saarlandes oder die private Zeppelin Universität Friedrichshafen umgenutzt, für die ein räumlich ausgeklügelter, 2016 eröffneter Flachbau des Berliner Architekturbüros as-if in den Hof eines U-förmigen Altbaus eingefügt wurde. Die HafenCity Universität besetzt mit ihrem scharfkantigen Baukörper der Dresdner Code Unique Architekten ein exponiertes Areal im früheren Hamburger Freihafen. Er wurde 2014 eröffnet. In Mülheim entstand 2016 auf dem Gelände eines Eisenbahn-Ausbesserungswerks der Campus für die Hochschule Ruhr West, der von einem beeindruckenden Bibliotheksquader der Büros ASTOC aus Köln und HPP aus Düsseldorf dominiert wird.

Eher Unternehmenszentrale als Universitätsbau

In Darmstadt sind 2013 Hörsäle der Technischen Universität unter die imposante, bogenförmige Dachkonstruktion eines ausgedienten Maschinenhauses aus dem frühen 20. Jahrhundert eingezogen. Auf dem Gelände der Zeche Zollverein wurde im vergangenen Herbst das vom Stuttgarter Büro MFG Architekten entworfene Domizil für den Fachbereich Gestaltung der Essener Folkwang Universität der Künste eingeweiht. Ein prominenter Nachbar des unspektakulären, dafür durch Alltagstauglichkeit überzeugenden Neubaus ist der von der Kritik gefeierte Kubus des Tokioter Architekturbüros SANAA. Er wurde vor gut zehn Jahren für die private Design School Zollverein errichtet und nach deren Pleite von der Folkwang Universität übernommen. Bei allen Unterschieden im architektonischen Ansatz und Niveau sind die vielen, meist den Bestand einbeziehenden Neu- und Umbauten ein Beitrag zur städtebaulichen Nachhaltigkeit. Das Tabula-rasa-Ideal hat auch im Hochschulbau ausgedient.

Das konzeptionelle und gestalterische Spektrum der kaum noch überschaubaren Bauprojekte der letzten eineinhalb Jahrzehnte ist breit. Eines haben sie jedoch gemeinsam: Sie lassen die serielle Kargheit und materielle Sprödigkeit der Hochschulkomplexe aus den Sechzigern und Siebzigern hinter sich. Vorbei ist es auch mit dem Mief und Siff der Seminarräume, den abgeranzten Fluren und stinkenden Toiletten. Mancher Dozent wird die anarchische Rotzigkeit des Ambientes seiner Studienjahre vermissen. Doch das ist kein Grund, den heutigen Studenten ihre neuen hochwertigen Lernorte nicht zu gönnen. Und wenn dadurch die Wertschätzung gegenüber der Institution Hochschule steigt, ist es auch kein Nachteil. Die öffentliche Hand, nach wie vor Bauherr der meisten Hochschulen, greift dafür tief in die Tasche. Allein in Hessen stehen im Rahmen des Bauprogramms Heureka von 2008 bis 2025 vier Milliarden Euro für Sanierung und Ausbau von Hochschulen zur Verfügung.

Bei einigen Projekten liegt der Vorwurf der Verschwendung von Steuermitteln nahe. Mancher Universitätsbau kommt so großspurig daher, dass man ihn eher für eine Unternehmenszentrale als für eine Ausbildungsstätte hält. Und zumindest ein Teil des Geldes für Neubauten wäre für die Personalausstattung der Hochschulen noch besser angelegt. Dass die Universität als öffentliche Bauaufgabe wieder den Rang zurückerlangt hat, der ihr gebührt, ist aber in jedem Fall ein Gewinn.

Quelle: F.A.Z.
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