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Goethes Einfluss auf Amerika

Ein Geschlecht, das ihm gleich sei

Von Kai Sina
 - 10:21

Goethe als Nationaldichter der Vereinigten Staaten? Wer sich das Organisationskomitee der 1949 in Aspen, Colorado abgehaltenen „Goethe Bicentennial Convocation“ anschaut, kann sich dieses Eindrucks kaum erwehren. Man habe für die Planung der Festveranstaltung anlässlich des großen Goethe-Jubiläums, so liest man in einer Ankündigungsbroschüre, einige der „herausragenden Bürgerinnen und Bürger dieser Nation aus Wirtschaft, Industrie, Bildung, Wissenschaft, Politik, Musik und Literatur“ zusammengebracht – „Männer und Frauen, die einen Sinn haben für die intellektuellen und kulturellen Anliegen der Weltgemeinschaft“. An der Spitze: der ehemalige amerikanische Präsident Herbert C. Hoover, der Nobelpreisträger und Neu-Amerikaner Thomas Mann sowie der Kanzler der University of Chicago und führende Bildungstheoretiker des Landes, Robert M. Hutchins.

Das amerikanische Interesse an Goethe entspringt nicht bloß dem Willen zu humanistischer Traditionspflege. Vielmehr lässt sich eine intellektuelle Nähebeziehung zwischen den Vereinigten Staaten und Goethe ausmachen. Dies kommt in einem Radiogespräch zum Ausdruck, das Hutchins und der Theologe Reinhold Niebuhr in zeitlicher Nähe zur Jubiläumsveranstaltung führten. Gleich zu Anfang des Gesprächs ging es um ein für Goethes Leben und Denken charakteristisches Spannungsverhältnis. Niebuhr: „Vielleicht besteht darin seine wahre Größe – dass er eine universelle Lebensform will, welche die Unabhängigkeit des Einzelnen, die Einzigartigkeit eines bestimmten Bestandteils innerhalb der Weltkultur nicht aufhebt.“ Hutchins: „Das Ganze und die Teile.“ Niebuhr: „Das Ganze und die Teile.“

Goethe erscheint hier geradezu als Personifikation des Wappenspruchs im großen Siegel der Vereinigten Staaten: „E pluribus unum“. Aber worum ging es Niebuhr genau? Er sprach von der Unabhängigkeit des Einzelnen, der in einen Gesamtzusammenhang eingebunden ist, ohne sich zugleich in ihm aufzuheben. Die Formulierung ist unscharf genug, um sowohl als individuelles Bildungskonzept wie auch als globale Gesellschaftsidee verstanden zu werden – und darum nicht zuletzt als Kommentar zur Weltlage 1949: Im gleichberechtigten Verhältnis der Teile und des Ganzen, des Einzelnen und der Gemeinschaft erkannten die Diskutanten einen westlichen Gegenentwurf zum Menschen- und Gesellschaftsbild sowjetischer Prägung. Die intellektuelle Essenz, die sich für Niebuhr und Hutchins mit dem Namen Goethe verband, wurde in einen Zusammenhang eingefügt, den die neuere Forschung als „Cold War Literature“ bezeichnet.

Goethes Idee des Kollektiven

Der ungebrochene Zugriff auf Goethe nach 1945 mag aus deutscher Sicht erstaunen. So weist Ernst Osterkamp kritisch auf das „Unvermögen“ der Aspen-Teilnehmer hin, „die Frage an sich heranzulassen, ob die humanistische Tradition durch den Zivilisationsbruch der Jahre 1933 bis 1945 beschädigt worden sei“. Man darf allerdings die Kontextgebundenheit der Tagung nicht aus dem Blick verlieren. Mit ihren Aktualisierungsbemühungen beriefen sich Hutchins und Niebuhr auf eine Goethe-Rezeption, die bis in den Transzendentalismus des neunzehnten Jahrhunderts zurückreicht.

Ralph Waldo Emerson ging in seinen für die kulturelle Begründung der Vereinigten Staaten wegweisenden Schriften wiederholt auf die in Goethes Spätwerk entfaltete Idee des Kollektiven ein. „Kollektiv“ ist für Goethe, so resümiert das „Goethe-Wörterbuch“, all das, was „heterogen, aus einzelnen Elementen, Teilen bestehend“, dabei aber zugleich „völlig zur Einheit verschlungen ist“, und zwar im Sinne eines „Verbandes der disparatesten Einzelheiten“.

Für Emerson war diese Idee in mehrfacher Hinsicht von Belang: Wie ließ sich angesichts der für die Vereinigten Staaten unausweichlichen Bezogenheit auf die Philosophien, die Literaturen, die Wissenschaften der europäischen Welt überhaupt so etwas wie eine allgemeine, einheitliche Kultur des Landes denken? Indem Emerson das Verschiedenartige und Zusammengesetzte zum Programm erhob, transformierte er Goethes Idee des Kollektiven zum amerikanischen Kulturprinzip schlechthin: „Unser Land, unsere Bräuche, Gesetze, unsere Ziele und unsere Vorstellungen von Angemessenheit und Gerechtigkeit, wir haben sie nicht selbst gemacht, wir fanden sie schon fertig; wir zitieren sie nur.“

Eine allgemeine Zufriedenheit

In der Überzeugung, dass literarische Texte in einer komplementären Beziehung zur gesellschaftlichen Ordnung stehen sollten, stellte sich für Emerson die Frage nach einer genuin amerikanischen Dichtung. Ein von Goethe in einem Gespräch kurz vor seinem Tod geäußerter Satz findet sich an gleich mehreren wichtigen Stellen bei Emerson: „Zu meinen Werken haben Tausende von Einzelwesen das ihrige beigetragen, Toren und Weise, geistreiche Leute und Dummköpfe, Kinder, Männer und Greise, sie alle kamen und brachten mir ihre Gedanken, ihr Können, ihre Erfahrungen, ihr Leben und ihr Sein ... mein Lebenswerk ist das eines Kollektivwesens, und dies Werk trägt den Namen Goethe.“ Emerson sprach von der „Lockerheit“ vieler Werke Goethes. Was sich hier abzeichnet, ist eine „Poetik des Mittleren“ (Carlos Spoerhase), die elastisch genug ist, um Mannigfaltiges in sich aufzunehmen, ohne zugleich den Anspruch der Einheitsbildung aufzugeben.

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Emersons großer Essay über „Goethe; or, the Writer“ war ein Aufruf an die Schriftsteller der Vereinigten Staaten zur Goethe-Nachfolge. Und dieser Aufruf wurde vor allem von einem Autor erhört, in dessen schillerndstem Vers die goethesche Idee eines kollektiven Ich denn auch sehr deutlich mitklingt: „Ich bin groß“, schreibt Walt Whitman im „Song of Myself“, und: „Ich enthalte Vielheiten.“

Die transatlantische Karriere des Kollektiven ist weniger fernliegend, als es zunächst scheinen mag. Man denke nur an Goethes spätes Romanexperiment „Wilhelm Meisters Wanderjahre“, in dem das Auswandern nach Amerika ein Zentralmotiv ist, und hier wiederum bloß an den Namen einer weiblichen Zentralfigur. Vertauscht man die Reihenfolge der Buchstaben, so wird aus dem Namen Makarie: Amerika. Wie niemand anders im Roman repräsentiert Makarie die glückliche Verbindung von Individualität und Gemeinschaft: „Das Verhältnis sämtlicher vorübergehenden Personen zu Makarien war vertraulich und ehrfurchtsvoll, alle fühlten die Gegenwart eines höheren Wesens, und doch blieb in solcher Gegenwart einem jeden die Freiheit, ganz in seiner eigenen Natur zu erscheinen. Jeder zeigt sich wie er ist, mehr als je vor Eltern und Freunden, mit einer gewissen Zuversicht, denn er war gelockt und veranlaßt nur das Gute, das Beste was an ihm war an den Tag zu geben, daher beinahe eine allgemeine Zufriedenheit entstand.“

Es muss nur zusammengesetzt werden

Es sind Begriffe der Sozialität („alle fühlten die Gegenwart“) und der Individualität („ganz in seiner eigenen Natur“), die hier zusammengeführt werden. Aber wie genau? In Makaries Charakterisierung geht es um nichts anderes als um das bei Niebuhr angesprochene Verhältnis zwischen „dem Ganzen und den Teilen“, also um die Idee einer gesellschaftlichen Einheit, die der Individualität des Einzelnen nicht entgegensteht, sondern sie, im Gegenteil, noch zu befördern scheint.

Dass sich für Goethe mit dieser Vorstellung eine Grundeigenschaft des jungen Amerikas verbindet, deutet sich aber nicht ausschließlich in jener anagrammatischen Namensgebung an. Es lässt sich außerdem mit Stellungnahmen aus derselben Werkphase belegen. Von hoher Aussagekraft ist ein Stück aus den „Maximen und Reflexionen“, das sich der religiösen Vielfalt im fernen „Neu York“ widmet: „In Neu York sind neunzig verschiedene Religionen, christliche Confessionen, von welchen jeder auf ihre Art Gott und den Herrn bekennt, ohne weiter an einander irre zu werden. In der Naturforschung, ja in jeder Forschung, müssen wir es so weit bringen; denn was will das heißen dass jedermann von Liberalität spricht und den andern hindern will nach seiner Weise zu denken und sich auszusprechen?“

Die Vielfalt an Religionen in der rasch prosperierenden Stadt am Hudson River stellt die gesellschaftliche Einheit also nicht in Frage, nein, hier ist ein erstaunlicher Zustand des sozialen Miteinanders erreicht: „ohne weiter an einander irre zu werden“. Und dies wiederum wird auf eine Haltung der „Liberalität“ zurückgeführt, die nun auch im Bereich des Säkularen wünschenswert sei: im Sinne einer meinungsfreien „Naturforschung“, ja einer von Denk- und Sprechverboten befreiten Wissenschaft insgesamt. New York erscheint bei Goethe als ein stadtgewordenes Kollektivwesen, das über den amerikanischen Kontext hinaus als Vorbild auch für andere Bereiche des sozialen Lebens dienen könnte und sollte.

Bei dieser Reflexion des Kollektiven als eines Sozialprinzips belässt es Goethe allerdings nicht, sondern dehnt seine Reflexionen, wie nach ihm Emerson, auf den Bereich der Poetik aus: Die „Wanderjahre“ seien eine Arbeit, „die sich selbst als collectiv ankündiget“, schreibt er in einem Brief. Besonders deutlich kommt dies in der zum Roman gehörigen Aphorismensammlung „Aus Makariens Archiv“ zum Ausdruck, mitunter in selbstbezüglicher Weise: „Wissenschaften entfernen sich im Ganzen immer vom Leben und kehren nur durch einen Umweg wieder dahin zurück. Denn sie sind eigentlich Kompendien des Lebens; sie bringen die äußern und innern Erfahrungen ins Allgemeine, in einen Zusammenhang.“

Der Kernbegriff dieser Sätze, der Begriff des Kompendiums, steht für Goethe in engstem Zusammenhang mit dem Begriff des Kollektiven. Jenseits der buchstäblichen Wortbedeutung, als ein zusammenfassendes Lehrbuch, ist das Kompendium für ihn jene Buchform, in der Vielfältiges und Unterschiedliches zusammengestellt und zugleich als Gesamtheit miteinander verbunden werden. Das Einzelne verliert sich dabei nicht im Ganzen oder löst sich gar in ihm auf, sondern kommt, im Gegenteil, in ihm erst angemessen zur Geltung. Was Makarie als Person in intellektueller und sozialer Hinsicht verkörpert – im ästhetischen Charakter des Archivs, im vielstimmigen Zusammenhang aus Einzelheiten, findet es seine ästhetische Entsprechung.

Der poetische Text ist für Goethe also beides zugleich, nämlich Ausdrucksform und Reflexionsmedium des Kollektiven als eines sozialen und ästhetischen Grundproblems. Was Emerson in den Mittelpunkt seiner Konzeption einer neuen amerikanischen Literatur stellen, was sich von dort aus in Whitmans hymnische Selbstreflexion als „Vielheit“ eintragen und noch bei Hutchins und Niebuhr durchklingen wird – im Grunde ist all dies hier schon angelegt, ja es musste nur zusammengesetzt werden. Vor allem aber zeigt sich in der Gesamtsicht, dass die literarhistorische Rekonstruktion des Kollektiven zugleich eine Ideengeschichte der offenen Gesellschaft ist, verstanden als eine soziale und politische Gemeinschaft der vielen Einzelnen und Verschiedenen. Es ist eine Idee, die ihre Brisanz bis heute nicht eingebüßt hat.

Quelle: F.A.Z.
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