Studenten-Projekt

Deutsch für Flüchtlinge

Von Nina Bub
 - 15:11

An jedem Mittwochabend helfe ich mit, die Flüchtlingskrise zu bewältigen. Ich bringe Flüchtlingen Deutsch bei. Ehrenamtlich in einem freiwilligen Kurs an der Frankfurter Universität, eineinhalb Stunden die Woche. Zugegeben, ein kleiner Beitrag. Aber es heißt doch immer, nur mit Sprachkenntnissen könne die Integration gelingen.

Also los: Smartboard an, Teilnehmerliste abfragen. Wer mindestens die Hälfte aller Unterrichtsstunden da ist, bekommt am Ende eine Teilnahmebestätigung. Vielleicht hilft das später bei der Suche nach einem Praktikumsplatz: Seht her, ich gebe mir Mühe, ich habe auf eigene Faust schon eure Sprache gelernt.

An diesem Abend sind fünfzehn Flüchtlinge gekommen, zwölf Männer und drei Frauen. Sie sind vermutlich nicht repräsentativ für alle 1,5 Millionen, die seit 2015 nach Deutschland gekommen sind. Aber es ist meine Klasse. Und sie machen mir Hoffnung. Ganz vorne sitzt Herr Dede aus der Türkei, ein rundlicher Mann, 60 Jahre alt, sein Deutsch ist schon ganz gut, er hilft oft den Schwächeren im Kurs.

Ich war froh über die Zusage

Weiter hinten, groß und schlank, die Haare zum Dutt hochgesteckt, Frau Balewa, die in Äthiopien als Juristin gearbeitet hat und Englisch kann. Irgendwo dazwischen sitzt Herr Tarzi aus Afghanistan, er kommt jede Woche mit seinem Vater in den Kurs, ist ungefähr genauso alt wie ich und eine Frohnatur, er sorgt für gute Laune, meldet sich auch dann, wenn er sich nicht so sicher ist – und lacht, wenn ich ihn verbessere. Gesiezt werden in meinem Kurs übrigens alle Teilnehmer, egal wie alt. Allerdings haben sie andere Namen, die sind für diesen Artikel geändert worden.

Vor drei Jahren, als Bundeskanzlerin Angela Merkel „Wir schaffen das“ sagte, hatte ich gerade erst angefangen zu studieren, musste mich erst einmal an der Uni einleben. Damals gab es viele, die den Flüchtlingen helfen wollten. Auch das Frankfurter Projekt „Start ins Deutsche“, in dem Studenten Flüchtlingen Sprachunterricht geben, wurde damals ins Leben gerufen. Ganz am Anfang wurde direkt in den Turnhallen unterrichtet, wo die Flüchtlinge in den ersten Monaten unterkamen, viel wurde improvisiert. „Willkommenskultur“ hieß das.

Dann kam die Silvesternacht in Köln mit den Übergriffen von Nordafrikanern auf Frauen. Die AfD ist in die deutschen Parlamente eingezogen. Die grausamen Verbrechen in Freiburg, Kandel und jetzt in Wiesbaden beherrschen die Schlagzeilen. Viele ehrenamtliche Initiativen finden keine Helfer mehr. Mit „Start ins Deutsche“ ist es anders. Die Studenten werden dafür in einer zweitägigen Schulung vorbereitet, und es gibt immer noch mehr Bewerber als Plätze in diesen Schulungen. Heute gibt es sogar eigene Unterrichtsräume und Übungshefte für die Teilnehmer. Ich war froh, als ich im Frühjahr eine Zusage auf meine Bewerbung bekommen habe.

Was, wenn sie es ablehnen mit einer fremden Frau zu sprechen?

Meine größte Sorge war, ob ich als Lehrerin vor einer Klasse bestehen würde. Das war Neuland für mich. Die Schulung hat mir geholfen. Es gab eine Einführung ins Arabische, in der kein Wort Deutsch gesprochen wurde – da konnte ich mich schon einmal in die Situation meiner zukünftigen Schüler hineinversetzen.

Gut ist auch, dass immer zwei oder drei Studenten zusammen einen Kurs unterrichten, ich bin dabei also nie alleine, das gibt Sicherheit. Aber wie werden ein Dutzend vorwiegend muslimische Männer reagieren, wenn eine junge Frau ihnen Deutsch beibringen will? Wie zieht man sich dafür angemessen an? Und was, wenn die Männer es ablehnen, mit fremden Frauen Dialoge zu üben?

In meiner Klasse ist das zum Glück kein Thema. Herr Dede aus der Türkei hat keine Scheu, mit Frau Balewa aus Äthiopien ins Gespräch zu kommen. Und ich fühle mich in meiner Rolle wohl, habe mich noch nie angestarrt oder angemacht gefühlt. Wenn es dazu käme, gibt es im Projekt professionelle Hilfe: Einmal im Monat treffen wir uns zu einer Supervisionssitzung.

Sind Einkaufslisten eine deutsche Spezialität?

Im Deutschkurs ist das Thema diese Woche: Einkaufen. Um die Vokabeln zu klären, teilen wir ein Memory-Spiel aus, zu jedem Bild gilt es, in Gruppenarbeit das richtige deutsche Wort zu finden. Danach besprechen wir gemeinsam die Lösung. Äpfel, Bananen, Tomaten – das können viele schon, rufen die Lösungen einfach rein.

Ich muss die besonders Eifrigen bremsen, damit auch die Schüchternen zu Wort kommen. Schwieriger ist es, auch noch den richtigen Artikel für die Vokabeln zu nennen. „Heißt es die Apfel? Oder das Apfel?“, fragt Herr Dede. Den Stift hat er in der Hand, um die richtige Lösung direkt zu notieren, so macht er das immer. Er geht sogar noch zusätzlich zu den Stunden in unserer Klasse in einen Förderkurs. Und er will es genau wissen: „Tschuldigung, heißt es ein Liter Milch oder ein Milch Liter?“

Es ist ein Anfängerkurs, hier wird nichts vorausgesetzt, es geht um die Grundlagen für den Alltag. Sprachbürokraten sagen dazu: Niveau A1. Wie kommt es, dass Flüchtlinge, die schon seit zwei Jahren in Deutschland leben, immer noch einen Anfängerkurs brauchen? Vielleicht liegt es daran, dass es zu wenige Kurse gibt, die Wartelisten lang sind. Vielleicht aber auch daran, dass einige Flüchtlinge lieber direkt Geld verdienen wollen, statt sich in einen Sprachkurs zu setzen.

Zu den allgemeinen Integrationskursen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge gehört auch eine Sprachprüfung. Da fällt ungefähr jeder Zweite durch. Bei uns ist die Erfolgsquote erfreulicherweise höher, durchschnittlich bestehen zwei Drittel den Test am Ende des Semesters.

Allerdings ist unser Test anders aufgebaut als die staatliche Abschlussprüfung. Aber wahrscheinlich ist es auch ein Vorteil, dass zu uns nur diejenigen kommen, die wirklich etwas lernen wollen. Frau Balewa, die Äthiopierin, ist das Paradebeispiel dafür. Sie will in Deutschland studieren. Ihr kann es gar nicht schnell genug gehen. Wenn wir die Zahlwörter wiederholen, protestiert sie: „Das hatten wir gestern schon!“

An der Aufgabe, eine Einkaufsliste zu schreiben, hat sie dagegen nichts auszusetzen. Damit haben eher die Männer im Kurs Schwierigkeiten. „Warum soll ich vorher aufschreiben, was ich einkaufen will?“, fragt einer. Sind Einkaufszettel etwa eine deutsche Spezialität? Oder kümmern sich darum in den Herkunftsländern nur die Frauen? Egal.

Wir haben bei der Vorbereitung den Ramadan vergessen

Bei der Frage nach ihrem Leibgericht sind sich die meisten im Kurs schnell einig: Lammfleisch mit Reis. Nur Herr Tarzi, der junge Scherzkeks aus Afghanistan kritisiert den Unterrichtsstoff am Ende der Stunde. „Gerade ist Ramadan – und wir reden die ganze Zeit vom Essen.“ Stimmt.

An die muslimische Fastenzeit, in der die Gläubigen erst nach Sonnenuntergang essen, haben wir bei der Vorbereitung der Stunde nicht gedacht. Das machen wir nächstes Mal anders.

Die Autorin ist 22 Jahre alt und studiert Politikwissenschaft und VWL an der Goethe-Universität in Frankfurt.

Quelle: F.A.S.
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