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Forschungslücke

Sisyphos im Aktenlager

Von G.H.H.
 - 15:00

Genaue Zahlen gibt es nicht. Hunderttausende waren es, aber wie viele bei Ende des Ersten Weltkrieges? Die Zentralkartei der deutschen Kriegsgefangenen, die es beim Waffenstillstand am 11. November 1918 in Frankreich gab, erfasst vor allem einfache Soldaten, nur wenige sind Offiziere. In welcher geistigen Verfassung kamen die Kriegsgefangenen aus Frankreich zurück nach Deutschland? Unmöglich, dazu klare Aussagen zu treffen, denn die Quellen sind kaum erschlossen. Daran hat die Flut der Publikationen zum Ersten Weltkrieg nichts geändert. Vergessen ist auch, dass die Kriegsgefangenen erst fünfzehn Monate nach dem Waffenstillstand nach Hause entlassen wurden. Dabei gerieten sie zum Teil unmittelbar in den Kapp-Putsch hinein, der am 13. März 1920 begann. Die Putschisten hatten offenbar auf Unterstützung durch die Rückkehrer gerechnet. Möglicherweise war die Mehrzahl der Rückkehrer für Bürgerkriegsparolen nicht mehr oder noch nicht zu gebrauchen. Aber auch das ist eine bloße Vermutung.

Nur der Demograph Jacques Renard befasst sich mit dem Thema. Er arbeitet am Centre Roland Mousnier, einer Forschungseinrichtung der Sorbonne und des Centre National de Recherche Scientifique (CNRS). Renard kommt aus der Schule der historischen Demographie, die in Frankreich zwischen Geschichtswissenschaft, Anthropologie und Geographie seit langem fachlich selbständig ist. Als er versuchte, einen zufälligen Aktenfund besser einzuordnen, der das Kriegslazarett in Issodun (Indre) betraf, wurde er darauf aufmerksam, dass die Zentralkartei der Kriegsgefangenen noch vorhanden ist. Die Forschungslücke, auf die er dabei stieß, berührt Grundfragen der deutschen Geschichte zwischen den beiden Weltkriegen.

Worum es geht, veranschaulicht der Fall von Robert Ley, dem späteren Reichsorganisationsleiter der NSDAP und Führer der Deutschen Arbeitsfront. Nach Aufenthalten in mehreren Lazaretten verbrachte er die Jahre 1918 bis 1920 im Lager für kriegsgefangene Offiziere in Châteauroux (Indre). Ley war seit 1924 unter der belgisch-französischen Besatzung an Rhein und Ruhr als Hitler-Anhänger aktiv, wenige Jahre nach dem Ende seiner langen Kriegsgefangenschaft in Frankreich. Die Zeit im Lager hat Ley selbst als entscheidend für seine spätere Entwicklung bezeichnet.

Unerträglich war die Enge, bei den Offizieren die Langeweile

Vom Winter 1918/19 an organisierte Robert Ley in Châteauroux den Lagerunterricht. Er war Chemiker und gab selbst Chemiekurse. Der Bericht eines Schweizer Delegierten vom Frühjahr 1919 im Bundesarchiv in Berlin bestätigt, dass er dabei sehr erfolgreich war, zeigt aber auch, dass Ley schon im Lager die Reichweite seiner Tätigkeit weit überschätzte. Darin zeigte sich die Folge einer schweren Gehirnverletzung, die er im Krieg erlitten hatte. Nach seiner Selbsttötung 1945 in Nürnberg wurde sie bei der Obduktion festgestellt. Seit dem Krieg, vermutlich also bereits im Offizierslager in Châteauroux, überschlug sich sein Hass auf die Juden in so reiner Bösartigkeit, dass dies später auch unter Nationalsozialisten auffiel. Auch wenn es schwerfällt, Robert Ley als Opfer des Krieges betrachten zu müssen, hätte er sich ohne Krieg, Verwundung und Gefangenschaft vielleicht anders entwickelt. Ohne eine umfassende Auswertung der Zentralkartei in Caen lässt sich sein Fall nicht vergleichend betrachten.

Die lange Gefangenschaft nach dem Waffenstillstand erlebten die Kriegsgefangenen als Unrecht. Unerträglich war die Enge, bei den Offizieren die Langeweile, da sie nicht arbeiten durften. Im Lager verharrten die Kriegsgefangenen bei all dem, was sie im Krieg nicht nur erlebt, sondern erlitten hatten. In psychologischer Hinsicht waren sie völlig auf sich gestellt, denn darüber konnten sie nicht reden und redeten sie erfahrungsgemäß auch ihr ganzes Leben nicht. Den historischen Demographen nun zeichnet aus, dass für ihn die Daten aller Lebensläufe gleich wertvoll sind. Erst deren umfassende Dokumentation ermöglicht in weiteren Schritten die statistisch-qualitative Analyse. Anders als der Historiker ist der historische Demograph dabei nicht auf Ereignisse fixiert. Ihm entgeht nicht, inwiefern die Kriegsteilnehmer nicht nur Täter waren, sondern zugleich freiwillig-unfreiwillig Opfer des Krieges. Aber der historische Demograph Jacques Renard ist bisher bei dem Versuch gescheitert, Unterstützung für seine Arbeit von Stiftungen oder Forschungseinrichtungen in Deutschland zu erhalten. Bis zum Frühjahr 1920, hundert Jahre nach der Heimkehr der deutschen Kriegsgefangenen aus Frankreich, sollte sich daran eigentlich noch etwas ändern lassen.

Erst der Vergleich der Zentralkartei der Kriegsgefangenen mit den deutschen Verlustlisten ermöglicht es zu überprüfen, ob die Personen- und Ortsnamen der Zentralkartei richtig geschrieben sind. Denn viele Einträge der Karteikarten beruhen nicht auf schriftlichen Vorlagen, sondern auf mündlicher Mitteilung. Nicht Historiker, sondern Genealogen haben die 8,5 Millionen Einträge der deutschen Verlustlisten digitalisiert und zugleich ein Datenbankprogramm entwickelt, das Renard bei der Auswertung seines Materials unterstützt. Abseits des akademischen Milieus gibt es hier schon eine deutsch-französische Zusammenarbeit. Die deutsche Geschichtswissenschaft spielt dabei keine Rolle.

Quelle: F.A.Z.
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