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Identität und Rolle

Wie Trump sich in Umlauf brachte

Von Berit Glanz
 - 12:02

Was erklärt den Erfolg von Donald Trump? Die mutmaßlich zuständigen Fachleute, von den politischen Journalisten bis zu den „presidential historians“ (in der amerikanischen Geschichtswissenschaft eine eigene Subdisziplin), wirken ratlos. Eine Enthüllungsreportage wie Michael Wolffs Buch „Fire and Fury“ führt die Absurditäten der Präsidentschaft drastisch vor Augen – und verstärkt dadurch die Erklärungsbedürftigkeit des Phänomens. Eine Entzauberung der Person Donald Trump kann offenbar nicht mit den herkömmlichen Methoden der Beschreibung des politischen Betriebs durch Insider gelingen. Im Gegenteil tragen die mimetischen Zugriffe viel eher zu einer Verharmlosung bei, indem sie auf Verlacheffekte setzen.

Dass man Trump mit dem Besteck der Philologien zu Leibe rücken kann, hat Gyburg Uhlmann in der F.A.Z. in ihrer Analyse von Trumps Rhetorik gezeigt. Sie diagnostiziert eine Rückwendung zur sophistischen Rhetorik, die sich der inhaltlich fundierten Debatte und damit auch der politischen Verantwortung entzieht. Aus kulturwissenschaftlicher Sicht ist an Uhlmanns Analyse die Frage anzuschließen, welche Diskursveränderungen es ermöglicht haben, dass diese fehlende Angreifbarkeit der Person Trumps akzeptiert wird. Anregungen liefern die Theorien von Stephen Greenblatt, einem der Begründer des New Historicism, der wesentlich zur Etablierung kulturwissenschaftlicher Arbeitsweisen in der Literaturwissenschaft beigetragen hat.

Der Renaissancemensch als Vorbild

Kunst und Gesellschaft werden vom New Historicism nicht mehr als separate Bereiche gedacht, sondern als Vielfalt verknüpfter Diskurse, deren Inhalte sich in ständiger Zirkulation befinden. In dem 1987 veröffentlichten Aufsatz „Towards a Poetics of Culture“ wendet sich Greenblatt gegen den Marxisten Fredric Jameson und dessen Überlegungen zur Entfremdung des Individuums aufgrund der Trennung von privater und öffentlicher Sphäre im Kapitalismus, lehnt aber im Gegenzug auch Jean-François Lyotards These ab, dass der Kapitalismus das Individuum zerstöre und die Sphären von Kunst und Politik vollständig ineinander auflöse. Greenblatt postuliert ein Schwanken zwischen der Abgrenzung von Diskursen und der gleichzeitigen Verwischung dieser Grenzen, er nennt dies das „Oszillieren zwischen Totalisierung und Differenz“. Für Greenblatt bezieht der Kapitalismus genau aus diesem Hin und Her seine Kraft und erzeugt so seine eigene Ästhetik.

Zum Beleg zieht Greenblatt ein 1987 gerade erschienenes Buch des Politikwissenschaftlers Michael Rogin heran: „Ronald Reagan, The Movie And Other Episodes in Political Demonology“. Rogin zeigt, wie in Reagans Reden die Grenzen zwischen Politik und Hollywood aufgelöst wurden. Er war der erste amerikanische Präsident mit einer nennenswerten vorherigen Karriere in den Unterhaltungsmedien. Rogin schreibt über Reagans Persönlichkeit, diese sei durch seine Filmrollen so stark geprägt, dass er auch die Präsidentschaft nicht verkörpere, sondern nur eine Rolle spiele: „not an actual political leader but the image of one“. Greenblatt interessiert sich nicht nur für Rogins Beispiele für Reagans Nutzung von Filmzitaten in der politischen Rhetorik, sondern besonders für die Verteidigung des Präsidenten durch einen Redenschreiber des Weißen Hauses, der auf Rogins Untersuchungen reagierte. Dieser Ghostwriter betonte zwar seinerseits die Vermischung von Filmrollen und realem Leben als Kennzeichen der Zeit, grenzte aber im selben Atemzug Ästhetik und Politik wieder ganz klar gegeneinander ab – für Greenblatt ein Musterbeispiel für das gleichzeitige Unterscheiden und Vermengen der Diskurse.

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Hire and Fire im Weißen HausTrumps Drehtür

Ist auch das seltsame Bild eines politischen Führers, das Trump abgibt, auf dem Hintergrund eines solchen Oszillierens zu verstehen? Bei der Prüfung dieser Arbeitshypothese ist der nächste Schritt die Frage, welche ästhetischen Texte für diese Präsidentschaft und ihre Wählerdemographie relevant waren und sind. Greenblatt hat 1980 in einem Buch zur Renaissanceliteratur das Konzept des „self-fashioning“ entwickelt, der Gestaltung einer individuellen Identität und einer damit korrespondierenden öffentlichen Person. Dieser Prozess wird gesteuert und reglementiert durch die Normen der Gesellschaft; Greenblatt knüpft an Michel Foucault an. Die modische Selbststilisierung im frühmodernen Persönlichkeitskult ist im Werk Greenblatts sozusagen das Modell für die Zirkulationsbewegung zwischen ästhetischen und gesellschaftlichen Diskursen. Greenblatt untersucht Übergänge und Überschneidungen zwischen Formen der persönlichen Identitätsfindung und der Konzipierung literarischer Figuren. „Self-fashioning“ bestimmt er als die Möglichkeit, das Bild der eigenen Person zum Gegenstand von Verhandlungen und Tauschgeschäften zu machen: Der Renaissancemensch lernt, eine öffentliche und eine private Identität auszubilden und sie voneinander abzugrenzen.

Um die Jahrtausendwende sind zwei sehr populäre Genres medialer Unterhaltung entstanden, die auf den ersten Blick wenig miteinander zu tun haben, aber sich beide mit Fragen von Identität und Authentizität befassen: Wir befinden uns in einer Ära des Reality-TV und der Superhelden-Blockbuster.

Identität als Gegenstand unabgeschlossener Verhandlungen

Der Welterfolg des Reality-TV hat tiefgreifende Wirkungen auf unser Verständnis von Identität, öffentlichen Personen und Ruhm gehabt. Die durch Fernsehserien aus dem zugerichteten wirklichen Leben produzierten Berühmtheiten verwischen Vorstellungen eindeutiger Abgrenzung von privater Identität und öffentlicher Rolle stärker als je zuvor. Die Frage nach der Authentizität der Figuren, der Gemachtheit der Sendungen zieht sich durch alle Gespräche über die jeweiligen Formate. Auch Donald Trump, erfolgreicher Star der Reality-TV-Show „The Apprentice“, wurde immer wieder zur Echtheit der von ihm dargestellten Figur befragt. Penibel wurde analysiert, inwieweit die Show vorgeschriebenen Skripten folgte oder auf der Authentizität des narzisstischen Unternehmers aufbaute.

Superhelden-Filme behandeln die Frage nach der Identität auf eine andere Weise. Die späte Eroberung des Kinos durch die Superhelden, diese Pioniere der amerikanischen Popkultur, ist ebenfalls auf die Jahre um 2000 zu datieren. Mittlerweile sind die Filmreihen, die sich aus dem Fundus der Comicheftverlage Marvel und DC bedienen, stark ausdifferenziert, und der Erzählmodus wird durch ironische Anti-Helden gebrochen. Es gibt zahlreiche Forschungsbeiträge, die sich mit dem Erfolg dieses Genres auseinandersetzen, die den Eskapismus der Filme analysieren, die Veränderung des Heldenarchetyps reflektieren oder die Popularität des Genres im zeitgeschichtlichen Kontext lokalisieren. Sehr wichtig waren die Batman-Filme von Christopher Nolan.

Die Superkräfte des Fledermausmenschen sind nicht durch genetische Mutationen entstanden, sondern manifestieren sich vor allem als Kombination seines materiellen Reichtums und seiner individuellen Willenskraft. Als Verbrecherjäger bewegt sich Batman in einem ethischen Graubereich, oftmals außerhalb der Rechtsnormen. In der Anlage der Figur gibt es Parallelen zu anderen Figuren wie Iron Man, dem Alter Ego des Multimilliardärs Tony Stark. Entscheidend ist, dass die als Superheldenrolle performativ dargestellte Identität das Individuum ermächtigt, sich außerhalb der Legalität zu bewegen. Gleichzeitig wird immer wieder gezeigt, dass für Batman seine Identität ein Gegenstand unabgeschlossener Verhandlungen ist. Es bleibt unklar, ob Batman oder sein Alter Ego Bruce Wayne die vorgespielte Rolle ist.

Die Struktur der Figur umkreist in Sachen Identität somit ein ähnliches Problem wie das Phänomen Reality-TV: Wo endet die öffentlich präsentierte Figur, wo fängt die private Identität an? Beide Genres werfen die Frage auf, ob eine Trennung verschiedener Identitätsbereiche überhaupt noch Sinn ergibt. Der Zerfall der Identitäten scheint es der Figur zu ermöglichen, sich eine Position außerhalb der gesellschaftlichen Normen zu schaffen.

Sowohl Reality-TV als auch Superhelden-Figuren zeigen, dass es verfrüht wäre, den New Historicism als historisch abzutun, als Produkt akademischer Moden der Epoche vor 1989. Das von Greenblatt beschriebene Oszillieren von öffentlicher und privater Identität, Authentizität und Rolle ist nicht bloß hochkulturelles Spiel, sondern massenkulturelle Alltagserscheinung. Hier bewährt sich eine der methodischen Grundentscheidungen Greenblatts, wie er sie in seinem Buch „Verhandlungen mit Shakespeare“ (1988, deutsch 1990) durchexerziert hat: Kanonische Texte werden mit scheinbar randständigen Quellen rückgekoppelt.

Eine Schwingbewegung zwischen öffentlicher und privater Figur, die sich mit den aus der Politiktheorie im Rückgriff auf die Renaissance geläufigen Konzepten von Rolle und Maske wohl noch umreißen, aber nicht mehr fassen lässt, findet sich nun auch bei Donald Trump. Dessen rhetorische Verweise auf seine Reality-TV-Persönlichkeit verstärken die Identitätsverwirrung noch mehr, je nach Kontext beruft er sich durch Zitate aus der Fernsehserie „The Apprentice“ einerseits auf die Rollenhaftigkeit der Figur „Donald Trump“, aber reklamiert damit andererseits auch eine scheinbare Authentizität, die angenommene Deckungsgleichheit seiner medialen und privaten Person. Interessanterweise zieht diese Form von flirrendem Self-Fashioning eine Verzerrung der Verantwortung nach sich, wie sie in den Superhelden-Narrativen durchgespielt wird. Warum bleiben Trumps Fehltritte folgenlos? Ist die Identität einer Person dermaßen ungreifbar geworden, dann versagen auch Konzepte moralischer Wertmaßstäbe und individueller Haftung für das eigene Handeln.

Quelle: F.A.Z.
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