Wartezeitquote

Im Streit um Studienplätze

Von Heike Schmoll, Berlin
 - 22:51

Mit seiner Forderung nach einer Neuordnung der Zulassung zum Medizinstudium hat das Bundesverfassungsgericht in seinem Urteil vom Dezember vergangenen Jahres die Länder unter Druck gesetzt. Sie müssen bis spätestens Ende 2019 ein praktikables Verfahren vorlegen. Denn das Gericht hatte die bisherige Praxis als teils verfassungswidrig erklärt und die Unvergleichbarkeit der Abiturnoten festgestellt. Schon Anfang des Jahres hatten die Länder sich darauf geeinigt, die neue Studienplatzvergabe in einem Staatsvertrag zu regeln, der durch die Amtschefkommission, also die leitenden Beamten in den Wissenschaftsministerien der Länder, vorbereitet werden soll.

Nun haben sich die Amtschefs in einem Papier auf sogenannte Eckpunkte eines Staatsvertrags geeinigt, das dieser Zeitung vorliegt. Bis zur Sitzung der Kultusminister am 13. September soll der Hochschulausschuss der Kultusministerkonferenz einen ersten Entwurf für einen Staatsvertrag vorlegen. Die Wartezeitquote soll wegfallen. Sie hat bisher 20 Prozent der Studienplätze für Schulabgänger ohne Spitzennoten vorgehalten, die auf einen Medizinstudienplatz warten konnten. Teilweise lag die Wartezeit bei bis zu 15 Semestern, also weit über der Grenze von vier Jahren, die Karlsruhe noch für verfassungskonform hält. Was aus den Tausenden von Bewerbern wird, die auf den Wartelisten stehen, ist derzeit noch unklar.

Die Talentquote soll kommen

Diesen heiklen Punkt hat die Amtschefkommission delegiert. Der Hochschulausschuss der KMK soll gemeinsam mit der Stiftung Hochschulzulassung „unter inhaltlichen und softwaretechnischen Aspekten Vorschläge für eine Übergangslösung“ erarbeiten, die vom Sommersemester 2020 an bis zum Inkrafttreten aller Änderungen gelten soll. Der Vorsitzende des Hochschulausschusses Michael Mihatsch aus dem bayerischen Ministerium für Wissenschaft und Kunst sagte dieser Zeitung, es gelte zunächst ein Rechtsgutachten zum Umgang mit den Wartezeitlisten abzuwarten, das Anfang Juni kommen soll. Ein „Wartezeitvertrauensschutz“ für die vielen tausend Abiturienten auf der Liste sei durchaus denkbar. Da die Programmierer der Stiftung Hochschulzulassung sich nicht in der Lage sähen, die neue Zulassung zum Medizinstudium bis Anfang September 2019 softwaretechnisch zu verwirklichen, werde es eine Übergangslösung geben müssen, so Mihatsch.

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Nicht nur die NotenDezember 2017: Medizinstudium ohne Numerus Clausus

Die Abiturbestenquote von mindestens 20 Prozent soll beibehalten werden, außerdem sollen zusätzliche Kriterien in einer sogenannten Talentquote berücksichtigt werden. Die Auswahlverfahren der Hochschulen soll es ebenfalls weiter geben. Die sogenannte Talentquote, welche die Wartezeitquote ersetzt, soll Bewerbern für das Medizinstudium eine Chance eröffnen, ihre Eignung nachzuweisen, auch wenn ihr Abiturdurchschnitt eigentlich nicht für das Medizinstudium reicht. Das wäre etwa über berufliche Vorerfahrungen im medizinischen Bereich möglich oder über einen standardisierten und strukturierten Test zu leisten. Standardisiert muss der Test deshalb sein, weil das Verfassungsgericht einzelne Aufnahmeverfahren bestimmter Universitäten mit jeweils eigenen Tests oder Assessments für unzureichend erklärt hatte, weil sie die Vergleichbarkeit nicht fördern.

Es könnte also dazu kommen, dass die bisherigen Auswahlverfahren ausgesetzt werden müssen, was mit einem Eingriff in die Hochschulautonomie verbunden wäre. Da die Amtschefs damit rechnen, dass die annähernde Vergleichbarkeit der Abiturnoten im Jahre 2021 wiederhergestellt ist (wie das geschehen soll, bleibt völlig offen), sollen für eine Übergangszeit Ausgleichsmechanismen zur Verfügung stehen, die eine bessere Vergleichbarkeit der Abiturnoten ermöglichen. Die Stiftung Hochschulzulassung (Nachfolgeeinrichtung der Zentralstelle für die Vergabe von Studienplätzen ZVS) haben die Amtschefs gebeten, die Voraussetzungen für die übergangsweise Anwendung eines Ausgleichsverfahrens zu schaffen. Ob das auf die Schnelle gelingt, ist eher zu bezweifeln.

Quelle: F.A.Z.
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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