Houellebecq im Fernsehen

Der Körper als Angriff

Von Cord Riechelmann
 - 19:21

Unter den Milliarden Bildern, die das Fernsehen und andere Bildmedien jeden Tag von den Milliarden Menschenkörpern, die es gibt, produzieren, gibt es gerade ein Körperbild, das nicht in den Rahmen zu passen scheint. Es zeigt den Körper von Michel Houellebecq in Film und Fernsehen.

Es gab Ende August im Magazin „Le Point“ im französischen Arte ein Interview mit Houellebecq und Guillaume Nicloux, das den vorläufigen Höhepunkt der Eigenständigkeit dieses Houllebecqschen Körperbildes zeigte. Nicloux ist der Regisseur des Filmes, der im deutschen Arte unter dem Titel „Die Entführung des Michel Houellebecq“ am 27. August gezeigt wurde.

Der deplazierte Körper

Der Film ist auch der Anlass des Interviews. Anhand von ein paar Ausschnitten aus dem Film, in denen man Houellebecq beim Autofahren sieht, reden der Regisseur und Houellebecq mit dem Chef des Magazins über „Vitesse“. Vitesse steht im Französischen für Geschwindigkeit, Tempo, aber auch die jugendliche Kraft, mit der man die Dinge der Welt und des Lebens angeht. Houellebecqs Haare sind etwas länger und noch strähniger geworden. Seine sowieso schon schmal-bewegungslose Oberlippe ist fast ganz erstarrt, die Backen sind eingefallen, und natürlich raucht er irgendwann auf seine Art, mit der Zigarette in die Mitte der vier Finger geklemmt.

Geistig ist er unter der müde-zurückhaltend gehaltenen Fassade seines Gesichtsausdrucks wie immer im Fernsehen hellwach. Und doch stimmt hier was nicht, fällt etwas komplett aus dem Rahmen und wirkt nachhaltig deplaziert. Und das ist schlicht der Körper von Houllebecq. Ein Körper, der weder die Geschwindigkeit des Autos mitmacht noch die Aufbruchsstimmung, die der jung wirkende Interviewer mit dem Vier- oder Fünftagebart, dem schicken Jackett und dem offenen weißen Hemd wie jeder Fernsehinterviewer verbreitet.

Die Moderation fehlt vollends

Dieser Körper von Houellebecq fällt einfach unter dem spezifischen Gewicht von Wasser und Knochen immer tiefer. Dieser Körper ist schlicht von seiner Last nicht mehr zu unterscheiden. Dieser Körper wird von seinem Zerfall, von seinem Fallgesetz, weder durch strotzende Gesundheit noch durch Sport und ausgekostetes Vergnügen je erlöst werden. Der Körper ist, was der Fall ist. Das ist es, was man hier sieht. Natürlich kann man sagen, dass das das Schicksal jedes Körpers ist, dass er irgendwann zugrunde geht. Aber das stimmt eben nicht, wenn es um die Bilder vom Körper geht. Selbst noch die schrecklichsten Bilder vom Körper werden seit der Moderne immer im Modus des Aufbruchs, des Es-geht-immer-weiter und Wird-vielleicht-auch-mal-besser moderiert.

Man konnte es kürzlich an einer der schrecklichsten Bildfolgen der letzten Zeit gut sehen. Die Bilder zeigten einen jungen Mann, der auf einem Marktplatz in Monrovia, der Hauptstadt Liberias, etwas zu Essen gestohlen hatte, während alle Menschen vor ihm zurückwichen. Erklärt wurde einem dazu, dass der Mann mit Ebola infiziert worden und aus seiner Quarantäne ausgebrochen sei, weil er dort nichts zu essen bekommen habe. Irgendwann tauchte dann aber mumifiziertes Gesundheitspersonal auf, fing den Mann ein und verfrachtete ihn auf die Ladefläche eines Autos. Auch im schrecklichsten Schrecken wird in den Bildern immer etwas getan - und sei es nur, dass die Bilder moderiert werden.

Die Möglichkeit einer Idylle

Houellebecq hingegen moderiert seinen Körper nicht, er zeigt ihn nicht einmal, er läuft oder sitzt nur mit ihm herum. Eine Tatsache, die er natürlich nur so ins Bild rücken kann, weil er ein sehr erfolgreicher und bekannter Autor ist, der zudem im Umgang mit öffentlichen Bildern genug Erfahrungen gesammelt hat. Auch weil Houellebecq kaum eine Talkshoweinladung ausgeschlagen hat, kann man den (Nieder-)Gang seiner Bewegungen und seines Körpers in einer fast schon natürlich zu nennenden Weise verfolgen.

Es gibt einen Talkshowauftritt vom ihm mit Iggy Pop im französischen Canal+ aus dem Jahr 2009, der diesen Körper im Kontrast in seiner eigensten Bewegung zeigt. Iggy Pop sitzt da gerade, trotz oder wegen der Heroin- und Kokaineskapaden blendend aussehend, das Hemd bis zum Bauchnabel offen, immer bereit zum nächsten großen Rock ’n’ Roll- oder Punksprung. Er ist der glänzende Ausdruck von Verve und Vitesse gegen den unaufhaltsamen Zerfall des Körpers in zudem grandios gutgelaunter Klugheit.

Houellebecq hat in der Sendung auch gute Laune. Auch wenn er den Kampf um den tiefsten Ausschnitt verliert, lächelt seine Oberlippe noch beweglicher, die Backen sind voller und die Haare kürzer und frisierter. Aber im Gang gibt es schon dieses Gebückte, das nach vorn Überhängende, dem er offensichtlich einfach folgt und das er im gemeinsamen Konzert mit Iggy Pop betont, indem er nie seinen Kopf beim Singen vor dem Mikrofon nach hinten wirft. Wobei das Großartige an diesem Auftritt in einer Hochglanztalkshow ist, dass sich Pop und Houellebecq unter dem Motto der „Möglichkeit einer Idylle“ (le possibilité d’une idylle) versammeln.

Kein medizinischer Anlass

Und vielleicht ist das französische Fernsehen, sind die französischen Medien allgemein ja für Houellebecq genau die mediale Idylle, die ihm überhaupt erst den Anstoß zu diesem seltenen Körperauftritt gegeben haben. In Frankreich hat man einfach mehr Erfahrungen im Umgang mit den derangierten Körpern von Intellektuellen. Im Arte-Interview gibt es einen Moment, in dem Houellebecq sich von seinen Partnern abwendet und verstohlen aus seiner Wasserflasche trinkt. Da sieht er fast aus wie Antonin Artaud auf späten Fotos, auf denen sein Gesicht tief gezeichnet ist von Psychiatrie, Elektroschocks und dem langen Wahn, den die Mittel gegen ihn eher verschlimmert als verbessert haben. Und Houellebecqs vom Nikotin vergilbte Finger erinnern manchmal an die Hände von Gilles Deleuze im mehr als siebenstündigen Fernsehfilm „Das ABC des Gilles Deleuze“.

Deleuzes extrem lange Fingernägel sind darin nicht zu übersehen, haben aber ihren natürlichen Grund in einer unerträglichen Überempfindlichkeit der Fingerkuppen. Bei Houellebecq gibt es aber, und das macht den Unterschied aus, keinen solchen medizinischen Anlass für die Mängel seines Körpers. Er folgt ihm einfach, ohne jede Illusion der Verschriftlichung oder Einschreibung dieses Falles, und das ist die wirkliche Sensation.

Quelle: F.A.S.
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