Dichter und Lehrer

Ich bin’s doch!

Von Tilman Spreckelsen
 - 08:56

Wer seinen Kindern bei den Hausaufgaben hilft, wird oft genug an seine Grenzen stoßen. Mal abgesehen davon, dass die Bereitschaft bei Jugendlichen nicht immer sehr ausgeprägt ist, gerade den eigenen Eltern mit der fürs Verstehen notwendigen Ruhe zuzuhören, ist da auch die Tatsache, dass selbst noch so gute Kenntnisse in Mathematik, Naturwissenschaften oder auch in der Grammatik von Fremdsprachen über die Jahre einrosten können.

Anders sieht es aus, wenn es um Gegenstände geht, die dem Erwachsenen nach wie vor vertraut sind. Aber selbst ein professioneller Mathematiker kann es mit einem in der Schule verlangten Lösungsansatz zu tun bekommen, der sich von dem, den er eigentlich favorisiert, unterscheidet – und den er seinem Kind dann trotzdem beibringen wird, damit es in der Schule nicht aneckt.

Was aber, wenn der Vater in einer Sache gefragt wird, in der er sich auskennt wie kein Zweiter? Der britische Autor Ian McEwan erzählte kürzlich, wie er seinem Sohn Greg, der in der Schule ausgerechnet zum Werk seines Vaters arbeiten sollte, ein paar Hinweise zum Roman „Liebeswahn“ (1997) geben sollte. Das väterliche Engagement war gut gemeint. Der Sohn allerdings kam mit einer miserablen Note nach Hause, weil sich der Blick des Lehrers auf den Roman gründlich von dem des erklärenden Autors unterschied.

Richtig überraschend ist das nicht, schließlich haben bereits vor mehr als hundert Jahren Alfred Polgar und Egon Friedell in ihrem Stück „Goethe im Examen“ durchgespielt, wie unterschiedlich die Perspektive eines Schöpfers von der eines Interpreten sein kann. Dabei will in diesem Stück auch Goethe eigentlich nur helfen, und zwar einem Literaturstudenten mit Prüfungsangst: „Ich wer die Prüfung für Ihne mache“, sagt Goethe, „ich wer mich in Ihne verwandle! Da wird emal der Schüler mehr wisse wie die Herre Lehrer! Alle wern glaube, Sie sind’s und derweil wer ich dastehe und alle Frache großartig beantworte. Wenn irchend jemand das Zeich weiß, so bin ich’s doch!“

Das endet im Desaster, Goethe muss sich über sein Verhältnis zu Frau von Stein vom Prüfer ebenso belehren lassen wie über seine Motive zum Fortsetzen des „Wilhelm Meister“ und darüber, dass die „Farbenlehre“ keineswegs sein wichtigstes Werk sei. „Ich denke, diese Frage ist bereits von kompetenteren Köpfen entschieden worden, als Sie es sind“, wird er beschieden, und auch Ian McEwan würde sich vermutlich in einem Disput mit dem Lehrer seines Sohns nicht notwendig durchsetzen.

Zum einen mag man sich beim Schreiben eine Menge denken, das bei den Lesern dann von ganz anderen Eindrücken überlagert wird. Zudem ist eine neuerliche Rezeption zwanzig Jahre nach Erscheinen des Romans von gewandelten literarischen und außerliterarischen Aspekten abhängig – wäre das nicht fruchtbar, müsste man sich dem Werk nur noch unter musealen Vorzeichen nähern. Dem Autor aber bleibt es vorbehalten, die Deutungen der Interpreten zur Kenntnis zu nehmen, interessiert, skeptisch oder amüsiert: „Goethe“, so lautet die Regieanweisung in Friedells und Polgars Stück, „hat erst unwillig und erstaunt, dann immer vergnügter zugehört; am Schluß schüttelt er sich vor Lachen.“

Quelle: F.A.Z.
Tilman Spreckelsen
Redakteur im Feuilleton.
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