Im Freibad

Jetzt musst du springen!

Von Jan Wiele
 - 11:41

Die Elementarsituation, die man gerade wieder überall in Freibädern beobachten kann, hat noch keiner besser beschrieben als die Band Element of Crime: „Jetzt endlich weißt du, dass deine Eltern nur / Dich zeugten, damit du hier wie ein Vollidiot / Fröstelnd und ohne Not über allem stehst / Und nicht vorwärts gehst.“ Halbnackt allein von schwankenden Brettern in die Tiefe zu schauen, während unten der Vater sich fragt: „Wird er es bringen?“, und die Mutter sagt „Nein“: Das ist eine für manche witzige, für andere sehr ernste Lebensmetapher, die bei vielen noch weit über die Kindheit hinaus trägt. „Jetzt musst du springen“ heißt das Lied.

Ist das peinlich?

Der Sprungturm ist allerdings nicht der einzige Ort von hohem Symbolcharakter im Freibad – es gibt da auch noch die Rutsche. Und während auf dem Turm des Mutes das Kind schlotternd steht und fragt, ob es schon muss und warum eigentlich, fragt sich angesichts der Rutsche des Vergnügens mancher Erwachsene, ob er noch darf. Muss es ihm peinlich sein, zwischen lauter Menschen, die nur ein Drittel seiner Größe haben, auf der Treppe anzustehen, sollte er sich schämen, zwischen diesen Fliegengewichten, eine dicke Bugwelle schiebend, platschend ins Wasser einzuschlagen? Manch verächtlicher Blick scheint das sagen zu wollen – oft kommt er von jenen Eltern, die ihr Kind als Alibi benutzen, um zusammen mit ihm rutschen zu können als angebliche Aufsichtspersonen.

Springen müssen, rutschen dürfen: Es wird klar, dass Turm und Rutsche nicht nur Symbole der eigenen Ängste und Wünsche sind, sondern vielmehr solche gesellschaftlicher Erwartungen und Zwänge. Dass trotzdem beide zusammen in einem Freibad stehen, lässt intelligentes Design vermuten: Der große Architekt wollte uns damit vielleicht bildlich vor Augen führen, wie im zivilisierten Freibad Hedonismus und Zurückhaltung stets abzuwägen sind. Und vielleicht auch die Möglichkeit aufzeigen, dass im besten aller Freibäder, vorbehaltlich gewisser Sicherheitsvorkehrungen, jeder ganz frei entscheiden kann, ob er springt, rutscht, überhaupt schwimmt oder einfach auf der Wiese liegen bleibt.

Quelle: F.A.Z.
Jan Wiele
Redakteur im Feuilleton.
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