Information und Moral

Kurs Sotschi

Von Edo Reents
 - 20:13

Gilt wieder: Dienst ist Dienst, und Schnaps ist Schnaps? Es wird doch eher alles eingeebnet: Politik, Wirtschaft, Sport, Ästhetik und Moral. Da sieht man dieser Tage Belege in zwei ganz verschiedenen Sphären. Erster Fall: Seit vergangenem Sommer wissen wir, dass amerikanische IT-Konzerne dem Geheimdienst NSA beim Sammeln von Daten und Überwachen von Kunden behilflich waren. Das ist die Moral. Und jetzt kommt das Fressen: Wer sich die ohnehin unverhältnismäßig ausführlichen Börsenberichte in den öffentlich-rechtlichen Sendern ansieht, muss annehmen, dass diese Diskreditierung der Konzerne dabei bis heute absolut keine Rolle spielt. Sie zu thematisieren ist auch nicht die vornehmste Aufgabe solcher Berichte.

Irritierend ist aber, dass in ein und derselben Sendung, sagen wir: in den „Tagesthemen“, zuerst die politische Dimension der NSA-Affäre zur Sprache kommt und man etwa über die Aussichten eines No-Spy-Abkommens spricht, wohl auch noch einmal betont, wie übel diese ganze Abhörerei ist. Und dann kommt auch schon ein ARD-Börsenexperte zu Wort. Er tut dann, wie immer, nur seine Arbeit. Aber merkwürdig ist es schon, wie in flach optimistischem Ton die neuesten Geschäftszahlen von Google und Facebook referiert werden - Tenor: Das muss diesen sagenhaft tollen Unternehmen erst einmal jemand nachmachen!

Dass diese nicht nur die Infrastruktur für die Überwachung bereitstellen, sondern auch sonst Anlass für Fragen geben, kann man vielleicht nicht jedes Mal erwähnen. Aber man sollte bei der Bewunderung doch einfach mal halblang machen und sich etwas Neutralität verordnen. Die Börsenexperten aber erwecken mit ihrer ewigen Jetzt-wird-wieder-in-die-Hände-gespuckt-Art, die in ihrer ausschließlichen Konzentration auf Wachstum ohnehin schon stumpfsinnig genug wirkt, den Eindruck, als zitterten sie mit den Unternehmen auch immer ganz persönlich mit.

Jetzt zum Sport: Dass in und um Russland nicht alles zum Besten steht, wissen wir; umso diskussionswürdiger die Winterspiel-Vergabe nach Sotschi. Jetzt aber, wo es bald losgeht, werden wir, wiederum von den Öffentlich-Rechtlichen, mit Sendehinweisen eingedeckt, die in ihrer grotesk reißerischen Countdown-Spannung, in ihrem hektischen Dabeisein-Gestus etwas geradezu Obszönes haben, zumal, wenn eben noch die Rede von Menschenrechtsfragen war. Krasser war die Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen lange nicht zu erleben.

Wenn ein Sportler sagte: Ich fahre nach Sotschi; was dort sonst passiert, interessiert mich nicht und kann ich ohnehin nicht ändern, dann wäre das wenigstens ehrlich. Aber wenn Sender, die von der Allgemeinheit finanziert werden, jetzt meinen, ihre Zuschauer könnten es alle gar nicht mehr erwarten, dass es endlich losgeht, weil sie ja übertragen, dann ist man dort schiefgewickelt. Eine Naivität oder Ignoranz, wie sie Berti Vogts im WM-Jahr 1978 zum Ausdruck brachte, als er sagte, er habe in Argentinien keine politischen Gefangenen gesehen, ist kaum mehr denkbar. Aber besser ist dadurch, dass heute alle so gut informiert sind, noch nichts geworden.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Reents, Edo (edo.)
Edo Reents
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