Interview

Geigerin Midori: "Musik ist ein Privileg der gesamten Menschheit"

 - 15:12

Seit bereits 20 Jahren spielt die Geigerin Midori in den großen Konzerthäusern dieser Welt. Die heute 30-Jährige hat bereits mit Leonard Bernstein, Mstislav Rostropowitsch, Zubin Mehta und Claudio Abbado zusammen gearbeitet. In dieser Woche gastiert Midori mit einem Kammermusikprogramm in Berlin und Bonn.

FAZ.NET sprach mit der Künstlerin über die Rolle von Gefühl und Überlegung in der Musik, über die "universelle Sprache" und das Glück, sich mit Musik beschäftigen zu können.

Wie viel Zeit verbringen Sie mit Musik?

Das hängt vom jeweiligen Tag ab. Musik ist nicht das einzig Wichtige in meinem Leben. Das meiste, was ich mache, hat eine Beziehung zu Musik: Ich denke über sie nach oder arbeite in meiner Stiftung. Aber damit, Musik zu machen, verbringe ich eigentlich gar nicht so viel Zeit. Ich übe natürlich, wenn es nötig ist. Das sind schon mal sieben oder neun Stunden an einem Tag. Wenn es zwei Stunden sind, ist das aber auch in Ordnung. Und manchmal nehme ich mir einen Tag frei.

Welche Rolle spielt das Nachdenken über Musik für Ihre Arbeit?

Das ist sehr wichtig. Es gehört dazu, sich ein Musikstück anzueignen. Als Musiker muss man viel nachdenken, man muss ein Musikstück auch verstehen können, ohne es zu spielen.

Wie sind die emotionale und die intellektuelle Seite von Musik miteinander verbunden?

Es muss eine gute Balance geben, und die intellektuelle Seite muss verinnerlicht sein. Ich mag es, mir die einzigartige Sprache eines Komponisten und eines Stückes zu erschließen. In meinem Gefühl ist es jedes Mal neu.

Hat für Sie eine Musik ihre eigene Stimmung, oder ergibt sich die Stimmung der Musik jedes Mal neu im Moment ihrer Aufführung?

Genau das passiert. Es gibt kein vorgegebenes Gefühl, keine vorgegebene emotionale Stimmung eines Musikstückes. Es gibt bestimmte Tendenzen, aber das ist nie festgeschrieben.

Musik wird oft eine „universelle Sprache“ genannt. Was ist damit gemeint? Und was macht diese Sprache universell?

Ich halte Musik für eine Form der Kommunikation. Und ich denke, dass es zum Wesen der Menschen gehört zu kommunizieren. Ohne diesen Wesenszug gäbe es auch keine Sprache. Wir wollen verstanden werden. Wir wollen uns ausdrücken und jemanden damit erreichen. Kommunikation ist aber nie einseitig. Wir wollen zugleich wissen, was andere sagen, und wir wollen sie verstehen. Musik ist eine solche Kommunikationsform. Und weil Musik nicht - wie eine Sprache - auf einem konkreten Vokabular basiert, können wir, wenn wir zuhören, der Musik unsere eigene Bedeutung geben. Das ist der Unterschied zu einer gesprochenen Sprache. Die Freiheit, Bedeutungen zu schaffen, ist größer.

Wenn man in Japan westliche klassische Musik hört, oder klassische japanische Musik hier in Europa, kann man sich, obwohl sie ganz fremd wirkt, von ihr berühren lassen.

Was wir in der Musik hören, ist die Art, wie wir sie verstehen. Der Hörer erzeugt die Bedeutung. Man hört Musik und kann sich von ihr berühren lassen. Man kann sich bewusst machen, welchen Weg die Musik in einem nimmt. Dann kann man von einer musikalischen Erfahrung sprechen.

Gibt es Voraussetzungen für eine solche musikalische Erfahrung? Braucht es eine bestimmte Erziehung?

Das hängt von jedem einzelnen ab. Manche haben einen ganz spontanen Zugang zu Musik, andere nicht. Manchmal kann die Erziehung den eigenen Zugang zur Musik auch behindern. Jeder muss seine eigene Balance finden.

Mit Ihrer Stiftung „Midori and Friends“ fördern Sie den Musikunterricht und die Ausbildung an Schulen in New York. Was bietet die Stiftung konkret an?

Wir ermöglichen den Kindern eine kostenlose musikalische Ausbildung. Dabei arbeiten wir mit ganz verschiedenen Arten von Musik. Wir treten nicht nur vor den Kindern auf, sondern wir begleiten sie das ganze Jahr über. Wir arbeiten mit den Schullehrern, wir stellen Musiklehrer. Wir unterrichten auch selbst als Künstler, vom Kindergarten bis zur Abschlussklasse. Wir bieten Workshops an, wöchentlichen Instrumentalunterricht in den höheren Klassen.

Welche Bedeutung hat die Beschäftigung mit Musik heutzutage?

Wenn man selbst musiziert, erfährt man die Kunst ganz körperlich. Die Aktivität ist sehr wichtig, eine ganz besondere Erfahrung. Nicht nur in der Musik. Man geht anders ins Theater, wenn man das Stück gelesen hat oder laut gelesen hat - oder sogar selbst schon einmal auf der Bühne stand.

Ist diese Fähigkeit ein Privileg?

Musik ist ein Privileg der gesamten Menschheit. Nur wir Menschen kennen Musik als eine Form bewussten künstlerischen Ausdrucks. Musik gehört allen Menschen, sie gehört ihren Herzen.

Sie sind vor kurzem 30 Jahre alt geworden, und in Kürze feiern Sie ihr 20-jähriges Bühnenjubiläum. Würden Sie Ihr eigenes Leben als ein privilegiertes beschreiben?

Ja. Ich hatte schon ganz besondere Möglichkeiten. Ich hatte das Glück, schon sehr früh von bedeutenden Musikern gefördert zu werden. Ihr Einfluss war mir sehr wichtig, ihr Zugang zur Musik, ihr Wissen, ihre Wärme. Meine ganze Ausbildung war ein Privileg. Übrigens auch mein Studium. Und meine Familie, die mich sehr unterstützt hat. Auch heute zu leben, die Luft zu atmen, die Musik ... - ein Privileg. Ich bin sehr glücklich.

Seit 20 Jahren auf der Bühne - das heißt, Sie waren sehr jung, als Sie angefangen haben zu musizieren. Welche Opfer muss man bringen, wenn man schon als Kind eine künstlerische Karriere beginnt?

Jedes Kind ist einzigartig. Ich werde häufig gefragt: Wie fühlt es sich an, ein Wunderkind zu sein? Ich habe mir darüber nie Gedanken gemacht. Für manche ist es schwer auszuhalten, wenn so große Erwartungen an ihre Entwicklung geknüpft werden. Das sind bestimmt nicht die besten Voraussetzungen. Für mich war es gut, schon so früh auf der Bühne zu stehen. Es ging mir gut damit.

Das Gespräch führte Fridtjof Küchemann

Quelle: @kue
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