Schriftsteller Yavuz Ekinci

„Kurden werden als Terroristen dargestellt“

Von Karen Krüger
 - 14:33

Herr Ekinci, bezeichnen Sie sich als türkischer oder als kurdischer Schriftsteller?

Weder noch. Ich sehe mich als Kurde, schreibe aber auf Türkisch. Ich denke, ich bin ein bisschen kurdischer und ein bisschen türkischer Autor.

Liberale türkische Intellektuelle erleben derzeit ein Maß an Repression, wie sie kurdische Intellektuelle und Künstler schon seit Jahrzehnten erleben müssen.

Man ist noch nicht auf einer Ebene, denn kurdische Intellektuelle werden einfach ermordet. Zudem sind fast alle kurdischen Zeitungen, Zeitschriften und andere kurdische Medienerzeugnisse verboten worden. Wir haben unsere Stimme eingebüßt. Ich hoffe, dass die türkischen Intellektuellen zu begreifen lernen, dass das ein grundsätzliches Unrecht ist und auch ihre Freiheit bedroht. Aber ich bin mir nicht ganz sicher, dass das passieren wird.

Warum nicht?

Als Cizre, Sirnak, Nusaybin, Diyarbakir und Sur, Städte in denen vor allem Kurden wohnen, 2015 zu Kriegsgebieten gemacht wurden und es furchtbare Übergriffe auf Zivilisten gab, haben die türkischen Intellektuellen kaum reagiert. Sie denken über so vieles nach und reden darüber. Sie sind sehr wortstark, wenn ihnen selbst etwas zustößt. Doch wenn es Kurden betrifft, sind sie eher still. Es gibt dann in der Türkei immer eine einzige große Koalition. Alle sind plötzlich miteinander, und sei es nur, dass sie das Schweigen eint.

Warum ist das so?

Es gibt sehr viele Vorurteile gegen Kurden. Die meisten Intellektuellen wollen deshalb nicht an der Seite kurdischer Intellektueller stehen. Und wenn sie es doch tun, dann geschieht es oft mit diesem unschönen Gestus, man setze sich jetzt mal großzügig für den Kurden ein. Es hat dann etwas Erniedrigendes. Ich kann für mich sagen, dass ich ganz bestimmt kein Mitleid will. Und es muss sich auch niemand für mich einsetzen. Was ich aber von einem Intellektuellen erwarte, das ist, dass er eine eigene Position zu politischen Fragen findet, eine klare Haltung hat und diese auch ausdrückt.

Ich finde, ein Schriftsteller oder Künstler kann per definitionem nicht in den Reihen der Machthaber stehen. Er muss sich mit den Unterdrückten solidarisieren, egal um wen es sich handelt. Es ist wirklich seltsam: Viele scheinen zu glauben, es sei für Kurden normal, Leid zu erfahren. Als sei das ihr unausweichliches Schicksal. Menschen, die so denken, glauben noch an ihren Staat. An Newroz, dem kurdischen Neujahr, ist in Diyarbakir ein Junge von höchstens achtzehn Jahren von der Polizei in aller Öffentlichkeit hingerichtet worden. Ich habe in den sozialen Medien gesehen, dass viele Freunde diese Nachricht nicht einmal geteilt haben.

So gut wie jeder Kurde in der Türkei kann einen Angehörigen oder Freund nennen, der durch türkische Sicherheitskräfte getötet wurde. Die kurdische Sprache war lange verboten, die kurdische Kultur ist bedroht. Wenn man als Kurde so aufwächst, glaubt man da nicht selbst irgendwann, dass das Entrinnen vor neuem Leid unmöglich ist?

Ich bin im Südosten in einer solchen Atmosphäre aufgewachsen. In den neunziger Jahren wurde unser Nachbardorf zerstört. Und ja, die Menschen haben oft den Eindruck, dass es kein Entrinnen gibt. In dem Dorf, in dem meine Eltern leben, liegen auf dem Friedhof vierzehn Generationen meiner Vorväter. Als es das erste Mal hieß, es werde vom türkischen Militär evakuiert, sagte mein Vater: Wir können ja vielleicht weg, aber was ist mit unseren Toten? Die Menschen in dieser Region sind sehr verwurzelt. Ihre Welt besteht aus dem Ort, an dem sie sind und schon immer waren. Sie können sich nicht vorstellen, dass es einen anderen für sie gibt. Wir hoffen sehr, dass dieser Krieg irgendwann ein Ende finden kann.

Sie sind Schriftsteller und Lehrer. Sie haben Schüler, die keine kurdischen Wurzeln haben. Was wissen türkische Kinder und Jugendlichen über Kurden?

Sie wachsen vor allem mit Medienbildern auf, die sich nie zu ändern scheinen. Kurden werden als Terroristen und Separatisten dargestellt. In Istanbul, wo ich unterrichte, gibt es allerdings eine große kurdische Community. Die Reaktionen der Kinder sind deshalb weniger ablehnend als andernorts. Zudem liegt meine Schule in einem sogenannten benachteiligten Viertel. Ich habe sie ganz bewusst gewählt. Es gibt dort einen hohen Anteil von Roma-Kindern. Roma sind in der Türkei eigentlich noch schlechter dran als Kurden.

Während der Gezi-Prosteste 2013 demonstrierten Türken und Kurden Seite an Seite. Die meisten türkischen Medien verschwiegen die massive Polizeigewalt, mit der man den Protest niederschlug, und stellten die Aktivisten als Terroristen dar. Einige berichteten überhaupt nicht. Damals war von türkischen Intellektuellen zu hören, man verstehe nun, wie es den Kurden seit Jahrzehnten gehe. Das Gemeinschaftsgefühl war aber nicht von Dauer.

Ich war im Südosten, als die Gezi-Revolte ausbrach, und bin extra nach Istanbul gereist, um daran teilzunehmen. Ich glaubte damals fest daran, dass das türkisch-kurdische Miteinander im Gezi-Park etwas verändern würde. Als dann im Sommer 2015 wieder die Gewalt in den kurdischen Regionen ausbrach, erlebten wir dort Dinge, die jenseits des Beschreibbaren sind. Doch wieder war es, als ginge das die übrige Türkei nichts an. Ich habe Mails geschrieben, dazu aufgerufen, dass wir etwas unternehmen. Die meisten Leute haben nicht einmal geantwortet. Da habe ich mich einsam gefühlt wie ein gesunkenes Schiffswrack.

Die türkische Schriftstellerin Asli Erdogan, der gerade der Prozess wegen ihrer Mitarbeit bei der kurdischen Zeitung „Özgür Gündem“ gemacht wird, ist sicherlich von dieser Kritik auszunehmen.

Auf jeden Fall. Sie macht es genau richtig. Sie bemitleidet die Kurden nicht, sondern hat ihre eigene Position formuliert und diese unter anderem in „Özgür Gündem“ zum Ausdruck gebracht. Nachdem sie verhaftet wurde, wollten wir einen Text veröffentlichen, um sie zu unterstützen. Doch kaum ein Autor wollte mitmachen. Sie sagten: Wenn „Özgür Gündem“ erwähnt wird, sind wir draußen. Das andere Problem war, dass die Kampagne, die schließlich entstand, sich kaum um die anderen inhaftierten Journalisten und Autoren von „Özgür Gündem“ bemühte. Die meisten Menschen kennen nicht einmal ihre Namen, da sie nicht in die Kampagne eingebunden wurden. Ich glaube also nicht, dass äußere Repression oder Schicksal uns zusammenbringen werden. Ich glaube, die Menschen müssen das Bewusstsein entwickeln, dass es darum geht, nicht auf der Seite der Machthaber zu stehen, sondern auf der Seite der Unterdrückten. Niemand sollte sich engagieren, als ginge es um einen persönlichen Gefallen.

Sie erwarten ein grundsätzliches Engagement gegen Krieg und Menschenrechtsverletzungen?

Genau. Aus Prinzip gegen Krieg zu sein heißt ja, dass einem das wichtigste Menschenrecht das Recht auf Leben ist und dass man auf dem Recht besteht, nicht gefoltert zu werden. Man ist dann gegen die Aberkennung von zivilen Rechten und gegen die Konfiszierung persönlichen Eigentums und besteht auf Meinungsfreiheit. Das alles sind Rechte, die gerade bei Kurden immer wieder außer Kraft gesetzt werden. Es darf kein Unterschied gemacht werden, ob es um Kurden oder Türken geht.

Trotzdem hat die Solidaritätskampagne für Asli Erdogan ihren Fall und die Zeitung, für die sie schrieb, über die Grenzen der Türkei hinaus bekannt gemacht hat. Ist das nichts?

Doch, aber wenn man sich auf eine Person konzentriert, dann kann man vielleicht diese eine Person retten. Aber was passiert mit den anderen? Eigentlich müsste unser Ansatz sein zu sagen: Wir überlassen euch keinen einzigen. Denn wenn man einen Menschen aufgibt, den sie geholt haben, dann werden die anderen auch geholt. Kommt eine Person mit Hilfe einer Einzelfallkampagne frei, entsteht der Eindruck, als sei jetzt alles wieder in Ordnung. Das ist es aber nicht. Ich fände es besser, die Kampagnen auf ein Thema zu konzentrieren, beispielsweise die Pressefreiheit.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Haben Sie in diesem Sinn die Kampagne für Asli Erdogan unterstützt?

Ich gehöre zu den Initiatoren. Wir waren zu siebt, als wir sie starteten. Wir hatten zu einer Versammlung in einem algerischen Restaurant eingeladen, und niemand kam. Auch bekannte Schriftsteller wie Murathan Mungan, die sich angekündigt hatten, tauchten nicht auf. Wir haben da lange rumgesessen und gewartet. Irgendwann haben wir gesagt, wir fangen jetzt einfach an. Später entwickelte die Kampagne dann eine Eigendynamik. Wissen Sie, an dem Tag, als „Özgür Gündem“ geschlossen wurde, bin ich hin und habe vor dem Gebäude protestiert. Genauso habe ich gehandelt, als es Verhaftungen und Razzien bei der Zeitung „Cumhuriyet“ gab. Ich habe das gemacht, obwohl ich sie wirklich nicht leiden kann. Aber es geht mir ums Prinzip. Ohne Prinzipien geht es nicht.

Can Dündar, der ehemalige Chefredakteur der „Cumhuriyet“, hat in Berlin das Nachrichtenportal „Özgürüz“ gegründet, das mit Berichten aus der Türkei über die Repressionen aufklären will. Doch viele schrecken davor zurück, dort zu schreiben. Sie wollen lieber nichts zu tun haben mit einem Mann, den Ankara als Terroristen ansieht.

Das Team von „Özgürüz“ hat vor dem Launch auch mich gefragt, ob ich für sie schreiben würde. Und ich habe für sie geschrieben, obwohl ich normalerweise nicht für Medien schreibe. Und ich muss sagen, dass eigentlich alle Leute in meinem Umfeld gesagt haben: Lass es lieber sein, Yavuz, schreib nicht für die. Aber ich finde, wenn jemand in so einer schwierigen Lage ist, muss man ihm beistehen.

Die Vorgänge im türkischen Südosten, die Sie eingangs angesprochen haben, halten bis heute an. Menschen verschwinden, werden gefoltert, Stadtteile wochenlang belagert, ganze Städte dem Erdboden gleichgemacht – ähnlich wie schon in den neunziger Jahren, nur dass es damals vor allem kurdische Dörfer traf. Die türkische Regierung sagt, sie bekämpfe den Terrorismus. Wieso werden dann aber Städte zerstört und Zivilisten gefährdet?

Der Terrorbegriff des Staates ist mittlerweile dehnbar wie Kaugummi. Wenn es ihm gerade passt, werden auch Journalisten und Wissenschaftler unter dem Begriff des Terrorismus gefasst. Er wird ständig ausgeweitet und inhaltlich verändert. Abgesehen davon finde ich, dass wir uns auf eine falsche Fährte begeben, wenn wir nach der Begründung eines Staates fragen, der Städte belagert oder zerstört. Denn so etwas ist nicht begründbar.

Übersetzung aus dem Türkischen von Oliver Kontny.

Quelle: F.A.S.
Autorenporträt / Krüger, Karen (kkr)
Karen Krüger
Redakteurin im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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