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Iranische Literatur in Berlin

Soll Lachen Verrat sein?

Von Christiane Pöhlmann
 - 21:43
Er machte den Glauben wieder groß, aber die Schriftsteller hielt er klein: Ajatollah Chomeini kehrt 1979 nach Iran zurück. Bild: Corbis, F.A.Z.

Es war einmal eine twitterfreie Zeit, da wussten bunte Heftlein von einem Pfauenthron zu berichten, auf dem saß ein Mann ohne Turban. Ging er auf Reisen, hörte er allenthalben „Applaus! Applaus! Applaus!“ Alsbald indes erbarmte man sich im der bunten Hefte des Pfauenthrons: Niemand sollte hinfort auf ihm sitzen, weshalb man brachte einen Mann mit Turban, welcher kam ohne dies Möbel aus.

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Gedankensplitter, Erinnerungsfetzen, Impressionen. Die Fatwa über Salman Rushdie, das Todesurteil eines iranischen Ajatollahs, gefällt über einen indischen Autor; erst im Februar letzten Jahres ist das „Kopfgeld“ noch einmal erhöht worden. Der anschwellende Selber-schuld-Chor. Religion first, life second. Ein regenfeuchter Abend in Berlin. Vor der Schaubühne stehen Grüppchen rauchender Frauen und Männer, allerlei Nationalitäten, nirgends ein Kopftuch. Wenig später zündet sich Mahmud Doulatabadi auf der Bühne eine Zigarette an.

Geschichte als Pathologisierung

Der große Star der iranischen Literatur, 1940 geboren, ist einer von drei Autoren, die in einer vom Goethe-Institut in Kooperation mit dem Literarischen Colloquium Berlin konzipierten Reihe auftreten; weitere Künstler und Künstlerinnen bringen deutschen Besuchern iranische Musik und Theater nahe. Doulatabadi hat sich für seine Lesung den Titel „Fremdheitsgefühle“ gewünscht. Die hat er immer wieder empfunden: Als er in jungen Jahren auf der Suche nach Obdach durch Teheran streifte und, ganz stranger in the night, nur vor verschlossenen Türen stand, aber auch als Selbstentfremdung, als universelles Grundgefühl, ähnlich dem „Fremden“ von Camus. Doch wurde Doulatabadi, dem Bauern, Autodidakten und akademischen Underdog, das Etikett auch angesteckt. „Seit fünfzig Jahren“, so sagt er in der Schaubühne, führe er nun „ein Leben in Einsamkeit“.

Sein umfangreichstes Werk, „Kelidar“, ist auf Deutsch nur als Auszug erhältlich, sein beeindruckendstes, „Der Colonel“, nicht auf Persisch; in Iran liegt es seit Jahren bei der Zensurbehörde. Doulatabadi lässt häufig in der Schwebe, zu welcher Zeit eine Geschichte spielt, ob in einem Gefängnis unter dem Schah oder den Ajatollahs gefoltert wird. Subtile Kontinuitäten prägen die Beziehung zwischen Peinigern und Opfern und ziehen sich über Jahre hin. Geschichte als Pathologisierung. Im „Colonel“ heißt es: „Bei Menschen, die in einem Netz von Problemen gefangen sind und ihre Würde verloren haben, kann sich der Egoismus und das Gefühl, allem außer sich selbst fremd zu sein, bis zum Wahnsinn verstärken.“ Es gilt: „Lachen ist Verrat, Trauer und Weinen wird gepriesen.“

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Irgendwann verschwanden die hellen Farben

Der Sturz des Schahs bleibt zentrales Motiv. Und der Schock, was aus dem notwendigen Dagegen geworden ist, weil man sich uneins über das Dafür war. Amir Hassan Cheheltan, geboren 1956, ist durch seine Kolumnen („Teheran Kiosk“) und seine Teheran-Romane bekannt, sein originellstes Werk jedoch ist „Der Kalligraph von Isfahan“, das vor historischer Folie die Bigotterie des schiitischen Klerus schildert und bei der iranischen Zensur gar nicht erst eingereicht wurde. Da Wörter feststehen, verleiht die Titelfigur des Buchs den Buchstaben Individualität und somit sinnlich-subversive Kraft; der Kalligraph „betrieb ein Liebesspiel mit Wörtern, und die Wörter trieben es miteinander“.

Mit Shahriar Mandanipur, Jahrgang 1957, hätte man eigentlich durch den Berliner Wedding flanieren müssen. Um zu hören, wie das Straßenbild auf ihn wirkt. In seinem einzigen bisher auf Deutsch vorliegenden Roman, „Eine iranische Liebesgeschichte zensieren“, schreibt Mandanipur urkomisch und mit durchgestrichenen Passagen gegen Zensur an, skizziert er minutiös die Entwicklung nach der Islamischen Revolution: Als der Erzähler seiner Tochter ein Märchen vorliest, stellt er entsetzt fest, „dass Schneewittchen ein Kopftuch trug und ihre bloßen Arme von zwei schwarzen Balken verdeckt waren“; und dann, irgendwann, „verschwanden die hellen, fröhlichen Farben jäh aus dem Straßenbild“.

Iranische Literatur wird heute unter anderem auf Deutsch, Englisch (Ramita Navais „Stadt der Lügen“), Niederländisch (Kader Abdolah) und Persisch verfasst oder erst veröffentlicht, häufig in Klein- oder Spezialverlagen (wie dem Sujet Verlag). Sie kennt traditionelle Erzählformen ebenso wie (post-)moderne. Sie ist düster, witzig, mehrdeutig, pointiert und überraschend. Wer hätte gedacht, dass ein Transsexueller kaum Probleme hat? Der heteronormative Schein wird ja gewahrt ... Wichtige Werke der eigenen Schriftsteller können in Iran aber nicht erscheinen, selbst eine Publikation auf Farsi im Ausland ist riskant. Der Dialog muss deshalb a priori international erfolgen. Das ist Last und Lust gleichermaßen. Doch weltweit erstarkt die Repression. Die Meinungsfreiheit wird oft kurzsichtig dem vermeintlich friedlichen Zusammenleben geopfert. Nur gut, dass Lachen eben kein Verrat ist.

Quelle: F.A.Z.
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