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Ukraine-Konflikt

„Der Versuch, das Russische abzuschaffen, war eine Dummheit“

 - 19:32
Gerd Hentschel ist für Professor Slavistische Sprachwissenschaft an der Universität Oldenburg Bild: Gerd Hentschel, F.A.Z.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion wurde in der Ukraine das Russische durch das Ukrainische als einzige Amtssprache ersetzt. 2012 ließ Präsident Viktor Janukowitsch Russisch als Regionalsprache zu. Nach der Majdan-Revolution stimmte das Parlament – als eine seiner ersten Handlungen – für die Abschaffung dieser Reglung. Auch wenn Übergangspräsidenten Turtschinow das entsprechende Gesetz am Ende nicht unterzeichnete, sorgte der Beschluss für viel Aufregung. Es entstand der Eindruck, der Konflikt in der Ukraine sei ein Sprachenkonflikt. Ist das richtig?

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Aus meiner Sicht war der Versuch, das Gesetz abzuschaffen, eine große Dummheit. Denn die ukrainische Bevölkerung ist durchaus bereit, Russisch in den Gegenden, in denen es gesprochen wird, als gleichberechtigte Amtssprache zu dulden. Eine Umfrage des Kiewer internationalen Instituts für Soziologie vom April dieses Jahres deutet darauf hin. Es gibt in der Ukraine auch keine grundsätzlichen Vorbehalte der einen oder anderen Sprache gegenüber. Belastbare Daten aus einem mehrjährigen Projekt der Deutschen Forschungsgemeinschaft zeigen, dass die überwältigende Mehrheit in allen Teilen der Ukraine der Meinung ist, ein Bürger ihres Landes sollte sowohl Russisch als auch Ukrainisch sprechen
In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, die Regelung von 2012 sei durch den Parlamentsbeschluss aufgehoben worden.

Wie sehr unterscheiden sich denn die beiden Sprachen? In etwa so wie Niederländisch und Deutsch?

Grundsätzlich ist das Ukrainische dem Russischen näher als das Niederländische dem Deutschen. Wobei jemand, der nur mit Russisch groß geworden ist, schon Probleme hat, einen komplexeren Text auf Ukrainisch zu verstehen. Das liegt vor allem am Wortschatz. Da große Teile der Ukraine jahrhundertelang im polnischen Einflussbereich lagen, gibt es sehr viele polnische Lehnwörter und andere Gemeinsamkeiten.

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Mal abgesehen von der offiziellen Regelung - welche Sprache sprechen die Menschen im Alltag?

Das hängt von den Regionen ab. Der Westen, das heißt, grob gesagt, der Großraum Lemberg, stand bis 1945 nie unter russischer Herrschaft. Da hat sich das Ukrainische sehr gut gehalten und wird ganz selbstverständlich auch im Alltag gesprochen. Im Donbass-Gebiet und im Süden ist das Russische als Alltagssprache verbreitet. Was übrigens nicht immer mit der Nationalität einhergeht. Es gibt dort viele Menschen, die sich als Ukrainer sehen, aber Russisch sprechen. In der Zentralukraine, die die Hälfte des Territoriums ausmacht, gibt es keine eindeutige Orientierung auf die eine oder andere Sprache. Dort spricht man im Alltag häufig eine Mischsprache aus beidem - den Surzhyk.

Was genau ist der Surzhyk?

Der heutige Surzhyk ist entstanden, als ukrainische Bauern vor und nach dem Zweiten Weltkrieg vom Land in die großen Industriestädte zogen, wo natürlich Russisch die dominierende Sprache war. Weil sie wussten, dass ihren Kindern in der sowjetischen Gesellschaft Russisch schneller und besser weiterhelfen würde als die ukrainische Mundart, haben sie versucht, so gut Russisch mit ihnen zu reden, wie sie es konnten. Ähnlich wie bei Kreolsprachen sind die Kinder bereits mit der gemischten Sprache aufgewachsen.

Der Dialekt beeinflusste aber auch die Sprache der Stadtbewohner. Das kann man gut verstehen, wenn man sich bei uns Nord- und Süddeutschland ansieht: In Norddeutschland, wo man auch auf den Dörfern nicht mehr Niederdeutsch, sondern Hochdeutsch spricht, gibt es in den Städten keine Mischformen. In Süddeutschland hingegen findet man bis heute noch funktionierende Mundarten in den Dörfern. Deswegen gibt es auch Stadtdialekte, die nichts anderes sind als eine Mischung aus Hochdeutsch und den Dialekten vom Land.

Dass der Surzhyk von Bauern herrührt, ist natürlich ein Grund für das Vorurteil, dass er die Sprache der Ungebildeten sei. Auch sein Name ist abwertend: Surzhyk meint ursprünglich Weizenmehl, dem Roggenmehl beigemischt wurde, oder Roggenmehl, das durch Gersten- oder Hafermehl gestreckt wurde. Wobei man bedenken muss, dass Weizenmehl für Kuchen und Weißbrot und Roggenmehl für dunkles Brot die größte Wertschätzung genoss. Der Surzhyk wird also mit schlechtem Mischbrot gleichgesetzt.

Ist denn der Surzhyk heute mehr als nur eine Sprache der Ungebildeten?

Selbstverständlich gibt es in der Zentralukraine, wo der Surzhyk hauptsächlich vorkommt, einige Bildungsferne, die Ukrainisch oder Russisch nie richtig gelernt haben und in allen Situationen Surzhyk verwenden. Nichtsdestoweniger sprechen sehr viele der Leute, die durchaus in der Lage sind, gutes Russisch beziehungsweise Ukrainisch zu sprechen, ebenfalls Surzhyk. Und zwar zu Hause in der Familie und generell in inoffiziellen Kontexten.

Für Weißrussland, wo Russisch die dominierende Sprache ist und es auch eine Mischform gibt, habe ich das mit Unterstützung der Volkswagenstiftung bereits genauer untersucht. Die Mischform ist dort umso häufiger anzutreffen, je mehr der Kommunikationskontext durch Bekanntschaftsverhältnisse geprägt wird. Das heißt, wenn man in einer kleinen Stadt aufs Amt geht und man den kennt, der hinter dem Schreibtisch sitzt, spricht man mit ihm durchaus in der gemischten Form. Mit Fremden aber redet man Russisch.

Für die Ukraine kann ich das noch nicht genau sagen. Dis bisherige Forschung zum Surzhyk hat sich vor allem darauf beschränkt, interessante Einzelfälle zu sammeln. Und unser Forschungsprojekt, das eine breite empirische Basis schaffen soll, hat gerade erst begonnen.

Bei Ihrem Projekt geht es auch um die Frage, ob der Surzhyk für bestimmte Teile der Bevölkerung ein Identifikationspotential bietet. Wie könnte das aussehen?

Nun, es gibt beispielsweise unter den jüngeren Kunstschaffenden in der Ukraine eine Tendenz zu sagen: „Wir wollen weder das Russische als Medium unserer Wortkunst wählen noch das Ukrainische.“ Das hängt damit zusammen, dass sich die ukrainische Standardsprache wegen der Dominanz des Russischen nicht dynamisch entwickeln konnte und als veraltet gilt. Der Surzhyk, den sie im Alltag als Umgangssprache verwenden, scheint ihnen passender, um in Liedern und Literatur von ihrem Leben zu erzählen.

Grundsätzlich gibt es eine Reihe von Möglichkeiten, wie sich Sprachgruppen über so eine Umgangssprache ohne Schriftform definieren können. In der deutschsprachigen Schweiz beispielsweise ist das Schwyzerdütsch die klassische Identifikationssprache. Auch wenn die Direktoren der größten Schweizer Banken zusammensitzen und einen Deal über eine Milliarde oder mehr abschließen, dann werden sie schwyzerdütsch miteinander sprechen.

Es ist das Mittel zur Kommunikation aller Deutschschweizer. Das ist das Maximum, was eine rein mündliche Sprache erreichen kann. Das Minimum ist das, was wir in Weißrussland beobachten, wo die gemischte Umgangssprache zur Kommunikation mit dem Familien- und Bekanntenkreis dient. Dazwischen gibt es ein riesiges Spektrum, in dem sich auch der Surzhyk in der Ukraine wiederfinden wird. Es geht dabei darum, wie die Menschen die Gruppen definieren, von denen sie sagen: „Hier sind wir unter uns.“

Gerade deswegen könnte der Surzhyk ja auch als Bedrohung gesehen werden, weil er die Versuche unterläuft, Lager anhand der Sprache zu bilden.

Eine gewisse Gefahr der Polarisierung ist da, und der Surzhyk war auch immer Zielscheibe der russischen wie ukrainischen Sprachpuristen. Aber ich sehe das nicht so dramatisch. Ich war vor ein paar Wochen in Kiew und auch auf dem Majdan. Bei den Ansprachen, die ich dort gehört habe und die durchgehend pro-ukrainisch waren, war es keineswegs so, dass die auch nur auf Ukrainisch gehalten worden wären.

Ich erinnere mich zum Beispiel an einen Redner, der zunächst Ukrainisch sprach und dann sagte, er fühle sich wesentlich sicherer im Russischen und werde daher ins Russische wechseln. Da gab es überhaupt keine negativen Reaktionen. Der Konflikt zwischen den Sprachen wird zwischen politisch Interessierten ausgetragen. Ich sehe aber keine Gefahr, dass in der breiten Bevölkerung die russischsprachigen Ukrainer - ob Ukrainer oder Russen - jetzt als Vaterlandsverräter verdammt werden.

Die Fragen stellte Christoph Borgans.

Hinweis: In einer früheren Version dieses Artikels wurde fälschlicherweise behauptet, die Regelung von 2012 sei durch den Parlamentsbeschluss aufgehoben worden. Dies haben wir am 20. Juli korrigiert.

Quelle: F.A.Z.
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