„Göttin von Morgantina“

Neue Räuber

Von Andreas Rossmann
 - 10:39

Es war ein symbolträchtiges Ereignis, als am 17. März 2011 die „Göttin von Morgantina“ an Italien restituiert wurde: Auf den Tag genau 150 Jahre nachdem Viktor Emanuel II. in Turin zum König proklamiert worden war, erhielt das Land, das von Meran bis Marsala das Jubiläum der nationalen Einheit feierte, einen der bedeutendsten Kunstschätze der Antike zurück. Zehn Jahre zuvor hatte das Gericht in Enna einen Hehler aus dem Tessin zu zwei Jahren Gefängnis und einer Geldstrafe von vierzig Milliarden Lire verurteilt, dem es nachweisen konnte, dass er die Statue Anfang der achtziger Jahre für 400.000 Dollar an eine Firma in London verkauft hatte, wo sie die Getty-Stiftung 1986 für mutmaßlich achtzehn Millionen Dollar ersteigerte, um sie von 2006 an in ihrem Museum in Malibu auszustellen.

Einer der spektakulärsten Kriminalfälle der Kunstgeschichte, der 1979 begonnen hatte, als Grabräuber die Plastik aus Kalkstein und Marmor entwendet, in drei Teile zersägt, nach Frankreich verschifft und in die Schweiz verbracht hatten, war gelöst. Am 17. Mai 2011 wurde die Göttin, die auch als „Venus von Morgantina“ bekannt ist, doch nach neuen Erkenntnissen eher Demeter darstellt, im Regionalen Archäologiemuseum in Aidone der Öffentlichkeit übergeben. Die Kleinstadt im Herzen von Sizilien, vor deren Toren mit Morgantina die landschaftlich schönste Grabungsstätte der Magna Graecia liegt, sollte zu den ersten Touristenzielen der Insel aufschließen – vor allem zur Villa Casale mit ihren römischen Mosaiken im zehn Kilometer entfernten Piazza Armerina.

Doch der Besucherstrom floss an Aidone vorbei, nur Kenner nahmen die Abzweigung auf die kurvenreiche Bergstraße und fanden dann oft das Museum nicht. Erst 2015 wurde, auf die Initiative eines Mitarbeiters hin, ein Schild über der Tür des umgewidmeten Kapuzinerklosters angebracht. „Im Getty hatte die ,Göttin‘ anderthalb Millionen Besucher im Jahr, in Aidone sind es zehn im Monat“, wetterte, polemisch wie immer, der neue Kulturminister der Region Sizilien, Vittorio Sgarbi, kürzlich und kündigte an, die Statue in den Quirinalspalast nach Rom zu überführen, damit alle sie sehen könnten; mit Staatspräsident Mattarella, einem Sizilianer, habe er sich schon verständigt.

Womit der exzentrische Kunsthistoriker, der die Parteibücher und Posten so häufig wechselt wie die Maßanzüge, sich nicht nur selbst widersprach, hatte er doch in einer Art Neujahrsrede erklärt, dass archäologische Schätze in der Nähe des Fundorts verbleiben sollen. Er ist auch bereit, sich über das Dekret hinwegzusetzen, das die Göttin als „unbewegliches Denkmal“ einstuft. Seither befindet sich das Fünftausend-Seelen-Nest in heller Aufregung. Dabei rudert Sgarbi inzwischen zurück und schlägt vor, die Statue nur für ein paar Wochen an das Museum Salinas in Palermo auszuleihen. „Wir sind ratlos und haben Angst“, gibt sich der Bürgermeister, der dem bei der Regionalwahl unterlegenen Partito Democratico angehört, kleinlaut, während die Bürger fordern, dass die Regierung, statt ihnen ihren größten Schatz wegzunehmen, endlich in Infrastruktur und Werbung investiert. In dem Gefühl, dass es sich bei den Grabräubern der Mafia und den Beutemachern aus der Hauptstadt um die gleiche Sorte handelt, sehen sie sich bestätigt.

Quelle: F.A.Z.
Andreas Rossmann
Redakteur im Feuilleton.
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