Kafkas Sätze (14)

„Im Süden ist, glaube ich, alles möglich“

Von Hanns Zischler
 - 09:00

An einem Sonntag im Juli 1913 schreibt Kafka aus der Sommerfrische der Familie in Radeschowitz diesen Satz an seine Verlobte nach Berlin. Er nähert sich, wie ein Forschungsreisender, dem gefürchteten Terrain der Ehe. Dieser „Süden“ ist auf keiner Landkarte verzeichnet. Spätestens seit Goethe ist es die Himmelsrichtung der Eskapisten. Doch so wie Kafka auf fast schon rätselhafte Weise die historische, südliche Grenze des Habsburgerreiches zu Italien (Mailand, Venedig) nie überschreiten wird, blickt er von der Schwelle dieses Satzes in ein gelobtes Land, das er nie betreten wird: Dort lägen, unerreichbar, das Glück der Ehe und die wohlgeordneten Verhältnisse.

Was wir Gedankengang nennen, dessen Artikulation sich dem Wollen entzieht, wenn der bedrängende Wunsch dahinter diesen Gang überfällt, tritt bei Kafka beängstigend unverhüllt zutage. So vermag er, durch die Einschränkung des „glaube ich“, das Pathos einer rettenden, gemeinsamen Perspektive zum Stocken zu bringen. Er scheint es weniger zu vermögen, als dass es ihm aus der Feder fährt. Kaum ist der Satz, der „Plan“, in den er sie noch eingeschlossen wissen will, niedergeschrieben, hat sich die Glorie des Mittags verdunkelt. Und er übertreibt alsgleich seinen Plan, indem er dieses Leben nur als das eines vegetarischen Tieres gelten lassen will.

Bekenntnis zur Nacht

Tatsächlich wird er ihr in diesen Tagen die Ehe antragen, aber unter diesen Vorzeichen muss das Vorhaben postwendend in Frage gestellt werden. Mit dem nächsten Satz ist alles zurückgenommen: „Aber ich brauche nicht einmal sehr tief in mich hineinzuschauen, und ich will nicht einmal nach Süden fahren.“ Der Absatz nach diesem zunächst verheißungsvollen Auf- und dann enttäuschenden Abschwung endet mit einer vernichtenden Absage an die Verlobte – und einem Selbstbekenntnis, das man sich nur als Aufschrei vorstellen kann: „Nur die Nächte mit Schreiben durchrasen, das will ich.“

Im Süden ist, glaube ich, alles möglich. Dort abgeschlossen leben und
von Gras und Früchten sich nähren.

Hanns Zischler, Jahrgang 1947, ist Schauspieler, Dramaturg, Hörspielsprecher, Übersetzer und Essayist. Zuletzt gab er mit Jörg Probst den Band „Großes Kino, kleines Kino. 1968 Bilder“ (Merve Verlag, Berlin 2008) heraus.

Quelle: F.A.Z.
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