Kafkas Sätze (16)

Die riskanten Kalküle der Moderne

Von Tobias Döring
 - 10:14

Der Satz klingt wie der Eintrag eines Ethnologen in sein Feldforschungstagebuch: Beobachtungen zur Erfindung einer Tradition, die durch Wiederholung und Gewöhnung aus dem zufälligen Einbruch ungezähmter Kräfte herrührt. Doch was uns dieser Aphorismus - der sich mit vielen anderen, fein säuberlich mit Tinte auf numerierte Zettel notiert, in Kafkas Nachlass fand - am Ende erzählt, ist nichts weniger als eine Anfangsgeschichte der Moderne.

In vier einfach gereihten Hauptsätzen entwirft er ein Szenario, das kühl und beinah teilnahmslos veranschaulicht, worauf sich heutige Gewissheit diesseits religiöser Letztbegründungshoffnung allein stützt. Denn wo selbst Tempel ungeschützt und Opferkrüge nicht mehr sicher sind, muss die Moderne mit der ständigen Gefährdung leben lernen und alles Unvorhergesehene dadurch zu bändigen versuchen, dass sie es in ihr Kalkül mit aufnimmt. Es ist daher kein Zufall, dass der bürgerliche Roman zur selben Zeit wie die Wahrscheinlichkeitsrechnung aufkommt und dass seine Leserschaft ihre größten Helden in Schiffbrüchigen wie Robinson Crusoe findet.

Ritualisierung des Unfassbaren

Noch dem Einbruch tödlichster Gewalt und schlimmster Kontingenzerfahrung mutig trotzen, indem man aus dem Strandgut eine Hütte baut und Kerben in den Pfosten zur Datumsberechnung schlägt: Das ist der Selbstbegründungsheroismus einer aufgeklärten Zeit, die ständig Jahrestage feiern und Gedenkjahre begehen muss - und so durch Mutmaßung wie durch Gewöhnung, Prognostik wie Berechnung immer wieder das Unfassliche zu einem Teil ihrer Zeremonien und Geschichten machen will.

Franz Kafka, der Unfall-Versicherungsbeamte, wird ihr unbestechlichster Protokollant, wenn er die Mechanik solcher Selbsterzählungen nach außen stülpt. Ob Einbruch in den Tempel oder Aufbruch nach Amerika, ob unbegründete Verhaftung oder unerklärliche Verwandlung: Er zeigt, was nach dem Ende unverbrüchlicher Gewissheit bleibt. Denn selbst noch wilden Tieren ausgeliefert, richten wir uns provisorisch gern auch im Riskanten ein. Was aber, wenn die Leoparden eines Tages nicht mehr wiederkommen?

Leoparden brechen in den Tempel ein und saufen die Opferkrüge leer; das wiederholt sich immer wieder; schließlich kann man es vorausberechnen, und es wird ein Teil der Zeremonie.

Quelle: F.A.Z.
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