Kafkas Sätze (20)

Der magische Ursprung einer Schuld

Von Annette Pehnt
 - 10:00

„Es war eben mein Fehler, dass ich kein Inhaltsverzeichnis mitgeschickt habe, und das Schlimme ist, dass ich diesen Fehler gar nicht gutmachen kann.“ So schreibt Kafka im Oktober 1912 an seinen Verlag. Es geht um die Zusammenstellung einer Folge von Erzählungen, Dank an den Drucker für „die wunderschöne Satzprobe“, falsche Seitenzahlen in den Korrekturfahnen und die Reihenfolge der Texte, die nicht Kafkas Vorstellungen entspricht. Und da fällt dieser Satz, der aus der Nüchternheit eines Lektoratsgesprächs ausschert und eine Verzweiflung aufreißt, die man sofort beschwichtigen möchte: Natürlich kannst du den Fehler gutmachen, du schreibst einfach ein Inhaltsverzeichnis, schickst es an Rowohlt, und die Sache ist erledigt, wie man es bei Kindern tut, die sich manchmal hineindenken in eine Schuld beinahe magischen Ursprungs: auf einen Riss im Asphalt getreten, nicht rechtzeitig die Finger überkreuzt, einmal dem Fehlläuten der Nachtglocke gefolgt. Eine Verfehlung genügt, und sei sie noch so gering, es ist niemals gutzumachen.

Dieses „niemals“ ist nicht dahingesagt, nicht aufzulösen und auch nicht wegzutrösten, verwandt dem „nevermore“ bei Poe, eine neue unwiderrufliche Ordnung, in der ich schuldig bin und immer schon war; eine Ordnung, die Kafka erzählerisch aufbaut, ohne selbst der Souverän zu sein. Denn in ihrem Bannkreis, so verrät es uns der aus dem Rahmen gefallene Satz, steht er nicht nur als Erzähler; sie ist mehr als ein literarisches Thema, sie wartet auch im Alltag auf den nächsten kleinen Fehler, um sich hochzufahren und ihre Gültigkeit zu behaupten. Dann schließlich schläft das Kind doch ein; am nächsten Tag ist alles verblasst, aber nicht vergessen. Man kann so tun, als wäre nichts gewesen, man kann Inhaltsverzeichnisse nachreichen, Korrekturfahnen durchsehen und endlich eine Reihenfolge für den Erzählungsband festlegen. Am Anfang: „Die Kinder auf der Landstraße“. Am Schluss: „Unglücklichsein“.

„Es war eben mein Fehler, dass ich kein Inhaltsverzeichnis mitgeschickt habe, und das Schlimme ist, dass ich diesen Fehler gar nicht gutmachen kann.“

Quelle: F.A.Z.
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