Kafkas Sätze (21)

Das Papier ist die Bühne

Von Silke Scheuermann
 - 10:04

„Teaterdirektor, der alles von Grund auf selbst schaffen muss, sogar die Schauspieler muss er erst erzeugen.“

Eigentlich ist dies kein vollständiger Satz, obwohl ein Punkt am Ende steht; aber das macht die Aufzeichnung Franz Kafkas, der ein h weggelassen hat, nur noch mehrdeutiger, geheimnisvoller. Ich habe die Textstelle – sie stammt aus einem seiner späteren Tagebücher und ist datiert auf den 18. Februar 1922 – immer als perfekte Selbstbeschreibung des Autors gelesen. Er war ein Theaternarr, in all seinen Tagebüchern wimmelt es von Notizen zu Theaterbesuchen, zu einzelnen Schauspielern, besonders ostjüdischen, von besuchten Theater-Vorträgen sowie seinem eigenen, wie er es nennt, „Nachahmungstrieb“. Eine der großartigsten Szenen im erzählerischen Werk ist jene im Roman „Der Verschollene“ über das „Naturtheater von Oklahoma“, in dem alle Menschen Schauspieler sind und genialerweise dieselbe Rolle wie im wirklichen Leben spielen.

Nur einmal aber hat Kafka selbst versucht, ein Stück für das Theater zu verfassen, und das ist Fragment geblieben. „Der Gruftwächter“ ist im Winter 1916/17 entstanden. Als Figuren werden ein Kammerherr, ein Obersthofmeister, ein Fürst und ein Gruftwächter eingeführt, zuletzt taucht noch eine „Fürstin“ auf. Im Mittelpunkt steht der Dialog zwischen Fürst und Gruftwächter. Der Gruftwächter erzählt von seiner Arbeit, die paradoxerweise im Bewachen der Lebenden durch die Toten besteht, nicht umgekehrt, wie der Fürst annimmt. Die Toten, so erzählt der Gruftwächter, drängten nachts hinaus: „hinaus wollen alle. Nach Mitternacht kannst du alle Grabesstimmen um mein Haus versammelt sehen. Ich glaube, nur weil sie sich so aneinanderdrängen, fahren sie nicht sämtlich, mit allem, was sie sind, mir durch das enge Fensterloch herein.“

Ein Kopftheater

Das klingt doch schon einmal sehr kafkaesk. Aber der Autor brach das Experiment nicht nur ab; er behauptete sogar, wie sein Freund Oskar Baum überliefert, das einzig „Nicht-Dilettantische an dem Stück“ sei, dass er es nicht vorlese. Woher kommt diese Unzufriedenheit, die selbst für diesen selbstkritischen Autor ziemlich groß ist? Der Satz oben, der kein richtiger Satz ist, gibt die Antwort. Kafka kann nicht weniger sein als der „Teaterdirektor, der alles von Grund auf selbst schaffen muss, sogar die Schauspieler muss er erst zeugen“. Charakteristisch in seiner Arbeit sind die Darstellung von Mimik und Gestik der Figuren, die Brechung des Textes durch ein Erzählerbewusstsein.

Wie hätte Kafka, Kontrollfreak, der er war, „echten“ Schauspielern, Menschen aus Fleisch und Blut, einem „echten“ Regisseur, Kostümbildnern, Komponisten die Inszenierung seiner Idee überlassen können? Er schuf stattdessen ein Kopftheater, eine eigene, in sich geschlossene, theaterhafte Welt, angesichts derer wir alle vergessen, dass „nur“ erzählt wird. Die uns verfolgt, Traum und Albtraum in einem. In der Totalität dieser Welt ist das Papier, die Bühne.

Von Silke Scheuermann erschien zuletzt der Roman „Die Stunde zwischen Hund und Wolf“ (Schöffling & Co., Frankfurt am Main 2007).

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFranz KafkaOklahoma