Kafkas Sätze (26)

Es ist nur ein Arzt

Von Klaus Wagenbach
 - 10:00

Freuet euch, Ihr Patienten, Der Arzt ist euch ins Bett gelegt!

Das ist eine der vielen Spruchweisheiten, mit denen uns Franz Kafka immer wieder überrascht und erfreut. Sie steht in der Erzählung „Ein Landarzt“ und ist eigentlich ein Lied, gesungen von einem Schulchor. Vorangegangen war ihm ein anderes Lied: „Und heilt er nicht, so tötet ihn! / ’S ist nur ein Arzt, ’s ist nur ein Arzt.“ Zwar gelingt es dem Arzt zu entfliehen, aber er ist dennoch betrogen und „irrt im Froste dieses unglückseligen Zeitalters umher“.

Kafkas Lieblingsonkel, Dr. Siegfried Löwy, war Landarzt, im mährischen Triesch. Er war nicht nur der einzige Intellektuelle in der Kafkaschen Großfamilie aus Kaufleuten, Buchhaltern und Eisenbahnprokuristen, sondern auch eine Art Lebensberater für den nur sechzehn Jahre jüngeren Neffen: ein allem Neuen aufgeschlossener Mann, sportlich, Freiluftfanatiker und (darauf war der junge Kafka besonders scharf) Besitzer einer größeren Bibliothek und eines Motorrads. Schon zum Abitur verreiste er mit seinem Neffen ins „Herrensonnenbad“ auf Norderney und machte den Studenten auf das kurze Zeit zuvor eröffnete „Lahmanns Naturheilsanatorium“ bei Dresden aufmerksam.

Einführung in die moderne Welt

In Triesch und Umgebung war Siegfried Löwy beliebt und angesehen; er besorgte Ammen, plombierte (als erster) Zähne, unterstützte die jüdische Gemeinde und war zudem Betriebsarzt in drei örtlichen Tuchfabriken – er war also auch vertraut mit den Kosten der schönen neuen Welt, den Arbeitsunfällen, die Kafka bereits wenige Jahre später als Beamter der „Arbeiter-Unfallversicherungsanstalt“ beschäftigen sollten. Siegfried Löwy war zweifellos derjenige, der Kafka in die Welt der Moderne einführte, die ihn sein Leben lang interessierte, vom Sozialismus zu Erziehungsfragen, von den „Aeroplanen“ zu den Möbeln der Deutschen Werkstätten, vom Zionismus bis zum Gartenbau.

Bei der Vorbereitung meines Bildbandes besuchte ich auch Triesch. Vor einem kleinen Krankenhaus saß in der Sonne ein wohlgenährter Herr, der sich als Chefarzt entpuppte und dem ich mein Begehr, Näheres über Siegfried Löwy zu erfahren, vortrug. Er wusste, dass Kafka verboten sei, kannte auch einige Texte, nicht aber den „Landarzt“. Auf seine Bitte erzählte ich also dem Landarzt von Triesch Kafkas „Landarzt“. Er hörte aufmerksam zu und sagte am Ende: „Schöne Geschichte! Und stimmt! Sie haben gesagt, alles soll können der Arzt mit zarter Hand. Stimmt! Wenn ich komme zu alter Dame, muss ich erst reparieren elektrische Leitung, dann alte Dame. Alles soll können der Arzt!“ Und er konnte selbstverständlich auch mein Begehr erfüllen.

Ohne Botschaft

Nicht nur der Arzt, sondern auch der Autor als Demiurg – so muss sich Kafka vorgekommen sein, als er im Dezember 1916 seinen „Landarzt“ schrieb, einen der ersten Texte (und spätere Titelgeschichte) des gesamten Bandes. Schreibort war ein Häuschen in der Alchimisten- oder Goldmachergasse auf dem Prager Hradschin, der kaiserlichen Burg, einer leeren Burg. Franz Josef, der berühmteste Kaiser der damaligen Welt, war einige Wochen (wenn nicht Tage) zuvor gestorben. Eine Botschaft hat er nicht hinterlassen, jedenfalls hat sie uns nicht erreicht.

Siegfried Löwy, der später als Pensionär nach Prag zog, war nicht nur ein kluger, sondern auch ein tapferer Mann: In der Nacht vor der Deportation (19./20. Oktober 1942) bringt er sich mit einer Morphiumspritze um. Seine beiden Nichten, die von der Deportation noch nicht bedroht waren und später dem Holocaust entkamen, hielten ihm die Totenwache.

Klaus Wagenbach, Jahrgang 1930, gründete und leitet den Wagenbach-Verlag, bezeichnet sich selbst als „Kafkas dienstälteste Witwe“ und veröffentlichte zuletzt in erweiterter Auflage „Franz Kafka. Bilder aus seinem Leben“.

Quelle: F.A.Z.
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