Kafkas Sätze (27)

Vom Kampf gegen die Erlösung

Von Eckhard Heftrich
 - 09:05

In seinem Zimmer suche ich meine Demut, die ich nicht fühlen kann, durch Aufsuchen eines lächerlichen Platzes für meinen Hut zu zeigen; ich lege ihn auf ein kleines Holzgestell zum Stiefelschnüren.

Auf dem so breiten wie flachen Strom der Zeitströmung treiben nach 1900 auch viele Boote unter der Flagge von Theosophie und Okkultismus: alles Menschenfischer auf der Jagd nach Gläubigen. Das größte dieser Schiffe wird von einem allwissenden Magier namens Rudolf Steiner gelenkt. Als er im März 1910 wieder einmal in Prag anlandet, beobachtet der Dr. F. Kafka ihn bei seinen Vorträgen und lässt sich sogar zu einer Privat-Audienz verleiten - und bleibt auch hier Beobachter. Zwar meint er zu fühlen, wie ein Teil seines Wesens zur Theosophie hinstrebt, hat aber davor „die höchste Angst“. Fürchtet er davon doch die Vermehrung seines „gegenwärtigen“ Unglücks. Ahnt er bereits, dass der Widerstreit zwischen dem Leidenschaftsglück des Schreibens und familiärer und bürgerlicher Existenz sein bleibendes, am Ende tödliches Unglück sein wird?

Die Unerlösbarkeit wird ihn immer neue Metamorphosen finden lassen. So entstehen die universellen Parabeln von höchstem, weltliterarischem Rang. Aber schon die groteske Steiner-Audienz gerät ihm zur Ur-Szene, in der die Kunst der Beschreibung zur Waffe wird, mit deren Hilfe er über den Magier triumphiert. Nicht einmal eine Andeutung fällt, wie oder ob überhaupt Steiner auf die Unglücksfrage eingegangen ist. Wohl aber, entsprechend dem Anfang mit der Hutablage, am Ende: „Er hörte äußerst aufmerksam zu, ohne mich offenbar im geringsten zu beobachten, ganz meinen Worten hingegeben. Er nickte von Zeit zu Zeit, was er scheinbar für ein Hilfsmittel einer starken Koncentration hält. Am Anfang störte ihn ein stiller Schnupfen, es rann ihm aus der Nase, immerfort arbeitete er mit dem Taschentuch bis tief in die Nase hinein, einen Finger an jedem Nasenloch.“

Quelle: F.A.Z.
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