Kafkas Sätze (30)

Ein Wunsch, der ins Leere geht

Von Heinrich Detering
 - 10:27

„Wenn man doch ein Indianer wäre, gleich bereit, und auf dem rennenden Pferde, schief in der Luft, immer wieder kurz erzitterte über dem zitternden Boden, bis man die Sporen ließ, denn es gab keine Sporen, bis man die Zügel wegwarf, denn es gab keine Zügel, und kaum das Land vor sich als glatt gemähte Heide sah, schon ohne Pferdehals und Pferdekopf.“

Dies ist der erste Satz in Kafkas erstem Buch und, unter der Überschrift „Wunsch, Indianer zu werden“, auch gleich dessen erster Prosatext. Was er entwirft, ist eine abenteuerliche Filmszene in rascher Bewegung und schnellen Schnitten: ein Sehnsuchtsblick in die Welt der einsamen Helden, der Pfadfinder und Pioniere, „gleich bereit“. Restloser allerdings könnte ein Wunsch nicht enttäuscht werden. Nicht genug damit, dass „man“ (denn das Wünschen reicht nicht einmal zum „Ich“) kein Indianer zu Pferde ist - da ist überhaupt kein Pferd, kein Reitgeschirr und „kaum“ das weite Land. Denn dieser Film läuft rückwärts. Der „Wunsch, Indianer zu werden“ (nicht einfach „zu sein“), beginnt mit seiner imaginären Erfüllung und dreht sich dann zurück bis in die enttäuschende Abwesenheit, aus der sich der Wunsch erst ergab. Auf ein Ausrufezeichen zielen die ersten Worte; mit einem lakonischen Punkt endet fast kleinlaut der Satz. Erst der Optativ, dann der Indikativ: Das einzig Gewisse in dieser Welt ist das Verneinte. Keine Sporen, kein Zügel, kein Pferd - nur der Wunsch, der vom ersten Wort an den Satz regiert und mit dessen plötzlichem Ende noch immer unerfüllt weiterlebt.

Kafkas Satz überführt die Wunschökonomie ins Sprachmaterial. „Bis“ schreibt er, als handelte es sich um eine bloß zeitliche Abfolge und nicht um einen schrittweisen Widerruf der Voraussetzungen. Ein „denn“ steht da zweimal, wo ein „aber“ doch allenfalls plausibler gewesen wäre: als hätte „man“ die Sporen gelassen und die Zügel weggeworfen, weil es sie gar nicht gab, als sollte die Enttäuschung, dass das Erträumte sich als Schimäre erweist, kompensiert werden durch die Vorstellung, wenigstens dies wäre das Ergebnis der eigenen Tat. So überführt Kafkas Kürzestgeschichte die Knaben- und Kinoträume in die kalkuliert verwirrende Logik einer schrägen Grammatik. Mit diesem Satz also beginnt sein erstes Buch. Wo der Wunsch ins Leere geht, fängt das Erzählen an.

Quelle: F.A.Z.
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