Kafkas Sätze (31)

Sie legen alles in den Augenblick

Von Karl Heinz Bohrer
 - 09:10

Schauspieler sind Akteure in theatralischen Situationen. Kafka war ihr besessener Beobachter im Leben und in der Kunst, nicht zuletzt Beobachter seines eigenen Körpers. Die Sinnlichkeit, der Erotismus seiner Beschreibungen von Tänzerinnen, Sängerinnen, Schauspielern – keine abgedunkelte Achselhöhle, kein roter Mundausdruck blieb aus – sind stupend. Warum? Es geht immer um Gegenwart, die schiere Gegenwart ohne Vergangenheit und Zukunft. Deshalb, sagt er, überzeugten ihn die Schauspieler. Von was? Eben von ihrer absoluten, schieren Erscheinungsform. Kafkas Schrecken gilt der Möglichkeit, dass seine Beschreibung der theatralischen Szene ihren Moment zum aere perennius verwandeln könnte! Das Falsche, das sich immer einschleicht bei unseren Wahrnehmungen, ist das Verfehlen des schieren Phänomens zugunsten einer subjektiven Hochrechnung ins Wertende.

Augenblicksbeobachtung, so Kafkas Einsicht anlässlich einer Reisebeschreibung Goethes, kommt aus moderner Erfahrung: „Die Zuschauer erstarren, wenn der Zug vorbeifährt.“ Aber nicht infolge eines äußeren Situationismus, sondern wegen jener grundsätzlichen Verweigerung jeder finalen Synthese. Deshalb hat Kafka den sinnlichen Augenblick nicht der Ewigkeit gewidmet. Sein Augenblick hat emphatischen Ausdruck, aber keinen epiphanen Sinn: nur keine Illusionen unterhalten! Wenn sich in die Beschreibung der Erscheinung der Schauspieler ein Falsches einschliche, dann, so Kafkas Verdacht, weil die Beschreibung des Phänomens „abgelenkt“ wurde. Das ist ihm die intellektuelle Todsünde. Er schrieb einmal: „Böse ist das, was ablenkt.“ Für sich bleibt der Satz rätselhaft, denn wir verstehen das Wort eigentlich theologisch oder moralisch. Für Kafka aber ging es nicht um Sinnstiftung, sondern um Wahrnehmungsschärfe. Von ihr hing alles ab: der Himmel sinnlicher Gegenwart oder die Hölle falscher Theologie.

Die Schauspieler überzeugen mich durch ihre Gegenwart immer wieder zu meinem Schrecken, daß das meiste, was ich bisher über sie aufgeschrieben habe, falsch ist.

Von Karl Heinz Bohrer, Jahrgang 1932, erschien zuletzt, in zweiter Auflage, „Ekstasen der Zeit: Augenblicke, Gegenwart, Erinnerung“ (Carl Hanser Verlag, München 2008).

Quelle: F.A.Z.
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