Kafkas Sätze (4)

„Ich zerreiße dich wie einen Fisch.“

Von Hans-Ulrich Treichel
 - 11:51

Früher einmal war es üblich, dass der Vater dem Sohn die Ohren langzog. Gelegentlich wurde auch geohrfeigt, und manchmal musste der Sohn sich bäuchlings auf einen Stuhl legen, um mit einem Rohrstock verprügelt zu werden. Wenn ein Hund im Haus war, dann konnte der Rohrstock schon mal durch die Hundeleine ersetzt werden. So ging es in deutschen und vor allem auch protestantischen Familien gewöhnlich zu.

Nicht aber im Hause Kafka. Dort herrschten andere Sitten. Dort gab es auch keinen Hund und keine Hundeleine. Dort drohte der Vater dem Sohn mit einem Satz, der in einem protestantischen Elternhaus niemals gefallen wäre: „Ich zerreiße dich wie einen Fisch!“ Das war eine ganz andere Aussage als das übliche „Ich ziehe dir die Ohren lang“, „Ich scheuere dir eine“ oder auch „Ich prügele dich grün und blau“.

Sich selbst zerreißen

Dieses „Ich zerreiße dich wie einen Fisch“ war im Grunde gar keine Drohung, sondern eine literarische Aussage, die reinste Poesie war das, und wir wissen nicht, wie viel Angst sie Kafka wirklich bereitete. Zwar betont er in seinem „Brief an den Vater“, wie schrecklich ihm dieses „Ich zerreiße dich wie einen Fisch“ gewesen war, andererseits weiß er aber auch, „daß dem nichts Schlimmeres nachfolgte“, wobei er freilich hinzufügt: „. . . als kleines Kind wußte ich das allerdings nicht.“

Doch konnte Kafka trotz seiner kindlichen Ängste zeitlebens vor dem Zerrissenwerden durch den Vater sicher sein. Nicht aber vor dem durch sich selbst. In der Zeit nach dem Ausbruch seiner Tuberkulosekrankheit notiert er in seinen nachgelassenen Oktavheften: „Falls ich in nächster Zeit sterben oder gänzlich lebensunfähig werden sollte - diese Möglichkeit ist groß, da ich in den letzten zwei Nächten starken Bluthusten hatte -, so darf ich sagen, daß ich mich selbst zerrissen habe. Wenn mein Vater früher in wilden, aber leeren Drohungen zu sagen pflegte: Ich zerreiße dich wie einen Fisch - tatsächlich berührte er mich nicht mit einem Finger -, so verwirklicht sich jetzt die Drohung von ihm unabhängig.“

Es war nicht der Vater, sondern die Krankheit, die zur gewalttätigen, zerreißenden Macht in Kafkas Leben wurde. Von allen anderen Zerreißungen speziell in Kafkas Verhältnis zu den Frauen einmal abgesehen. Und da die Krankheit in ihm war, durfte er sagen, dass er sich selbst zerriss. Der von Blutstürzen und Hustenanfällen gequälte Kafka wurde, um ein Hegelwort zu paraphrasieren, der Zerreißende und der Zerrissene selbst.

Der Lyriker und Erzähler Hans-Ulrich Treichel, geboren 1952 im westfälischen Versmold, veröffentlichte zuletzt den Roman „Anatolin“.

Quelle: F.A.Z.
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