Kafkas Sätze (5)

„Es war kein Traum“

Von Marion Poschmann
 - 09:00

Dies behauptet lakonisch die Erzählstimme, kurz nachdem Gregor Samsa sich, „aus unruhigen Träumen erwacht“, zu einem „ungeheuren Ungeziefer“ verwandelt findet. Als Albtraum vielleicht noch hinzunehmen, wird hier die Tierverwandlung zu einer monströsen, gleichwohl verwirrenden Wirklichkeit. „Es war kein Traum.“ Was aber ist es dann? Um simple Einbildung kann es sich nicht handeln, das Tier ist deutlich körperhaft, braucht Nahrung, verletzt sich. Es ist keine Tagtraum und keine Vision, vor allem: die anderen Familienmitglieder sehen es auch. Also eine gesamtfamiliäre Halluzination?

Der Realitätsgrad von Tierverwandlungen ist zu Zeiten der Hexenprozesse viel diskutiert worden, und man kam zu dem Schluss: reale Verwandlungen kann nur Gott bewirken, daher ist eine ungeheure Verwandlung als Trugbild aufzufassen, kraft der Macht des Teufels vorgespiegelt. Der überraschte Gregor Samsa ähnelt in seiner Ohnmacht einem Besessenen, dem etwas widerfährt, was er nicht allein zu verantworten hat. Die Reaktion der Familie schwankt entsprechend zwischen Mitleid und Abscheu. Besser, es wäre ein Traum geblieben, sei es auch ein Wunschtraum, wie ihn die Superhelden vorträumen, die, immer aufgrund einer causa, als Spinne oder Katze oder Krake aus der engen, spießbürgerlichen Realität, in der sie unscheinbare Verlierertypen darstellen, in eine Fiktion ihrer selbst flüchten, von ihren Liebsten unerkannt.

Ein teuflischer Satz

All das ist bei Samsa nicht der Fall, es gibt keine causa seines Schicksals, es gibt keine Erklärung, und sei sie auch noch so abwegig und gleichzeitig so beruhigend folgerichtig wie der Biss einer radioaktiven Spinne. Wer aber kann in einer Situation, die alle Merkmale eines Traums aufweist, starke Bildhaftigkeit, starke Gefühlsbesetzung, völlige Unlogik bei gleichzeitig größter Plausibilität, einfach konstatieren: „Es war kein Traum.“

Ein teuflischer kleiner Satz, mit dem uns Kafka wie selbstverständlich in die Geschichte hinein- und den Boden unter den Füßen wegzieht, Dreh- und Angelpunkt der „Verwandlung“, mit dem alles Rätselhafte noch rätselhafter wird. Wenn es kein Traum ist, was ist es dann? Ein Lehrstück über die diabolische Macht der Literatur.

Marion Poschmann, geboren 1969, veröffentlichte zuletzt den „Schwarzweißroman“ (2005).

Quelle: F.A.Z.
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