Kafkas Sätze (56)

Verirrungen mit Mädchen

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„Fräulein Irma Stein zum kleinen Dank für viele Freundlichkeit.“

Als Franz Kafka zu Beginn des Ersten Weltkriegs aus familiären Gründen sein Zimmer in der elterlichen Wohnung in Prag aufgeben musste, übersiedelte er zunächst in vorübergehend leerstehende Wohnungen seiner Schwestern, bis er sich im Februar 1915 bei einer Witwe einmietete. Doch gab er diese Behausung, in der er sich erstmals als Zimmerherr etablierte, nach vier Wochen wieder auf und zog in das Haus „Zum goldenen Hecht“, in dem er knapp zwei Jahre blieb. Allerdings nahm er die beiden Hauptmahlzeiten weiterhin zu Hause bei den Eltern ein, und seit November 1916 stand ihm mit dem Häuschen in der im Burgbereich gelegenen Alchimistengasse ein weiteres Quartier zur Verfügung, das ihm seine Schwester Ottla zur Verfügung gestellt hatte: als Schreibklause in den Abendstunden

Bei dem Domizil im vierten Obergeschoss des Hauses „Zum goldenen Hecht“, in dem zumindest das Prosastück „Ein Traum“ sowie Teile der „Blumfeld“-Erzählung entstanden sind, handelte es sich, wie Kafka im Februar 1917 schrieb, um ein am Ende eines „sehr langen“ Flurs liegendes, recht großes, „bequemes freundliches“ Eckzimmer mit Balkon, das „äußerlich“ genügend „abgesondert“ von den Wirtsleuten war und ihm nach zwei Seiten eine weite Aussicht auf die Häuser und Türme der Prager Altstadt gewährte, die er besonders schätzte und nicht missen wollte. Die Vermieter, der jüdische Handelsvertreter Salomon Stein, seine Frau Mathilde sowie deren im Haushalt lebende unverheiratete Tochter Irma waren ihm „erträgliche Leute“, die er „bei einiger Übung“ überhaupt nicht sehen musste.

Verirrungen mit Mädchen

Andere Quellen zeigen freilich, dass er sich von seinen Wirtsleuten keineswegs fernhielt, sondern ganz im Gegenteil bald in ein freundschaftliches Verhältnis zu der sieben Jahre jüngeren Irma Stein trat. Denn schon zwei Monate nach seinem Einzug unternahm er mit ihr einen Spaziergang zu einem Prager Vorort und zwei Tage später einen Sonntagsausflug nach Ostböhmen, wobei Ottla mit von der Partie war. Dass es mit diesen anfänglichen Kontakten keineswegs sein Bewenden hatte, zeigt ein Schreiben an Felice Bauer vom Dezember 1915, in dem er seiner Braut mitteilte, Salomon Stein sei gerade zu Besuch bei seinem Schwiegersohn Dr. Siegfried Friedlaender in Berlin - der Justizrat hatte Irmas Schwester Olga geheiratet - und könne die Fotos nach Prag bringen, die sie ihm in Aussicht gestellt habe: Da Kafka Verzögerungen durch die Militärzensur fürchtete, falls die Bilder mit der Post übersandt würden, schien dem Ungeduldigen die Überbringung durch einen Kurier die bessere Lösung.

In seinen Lebenszeugnissen, die gerade für die Zeit, während der er im „Goldenen Hecht“ wohnte, fast vollständig versiegen, wird Irma Stein zwar nicht mehr namentlich erwähnt, doch könnte sie in einer allerdings in ihrem Realitätsgehalt oszillierenden Notiz vom 2. Juni 1916 mitgemeint sein, in der er sein damaliges Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht reflektiert und für die zurückliegenden zwölf Monate von „Verirrungen“ mit mindestens sechs Mädchen spricht, denen gegenüber er allerdings „nur innerliche Schuld“ habe: „Ich kann nicht widerstehn, es reißt mir förmlich die Zunge aus dem Mund, wenn ich nicht nachgebe eine Bewunderungswürdige bis zur Erschöpfung der Bewunderung (die ja geflogen kommt) zu lieben.“

Ein schwer zu durchleuchtendes Verhältnis

Ein unlängst aufgetauchtes Dokument erlaubt es, Kafkas Beziehung zu Irma Stein genauer zu beleuchten: Als er Ende Februar 1917 seine Behausung im „Goldenen Hecht“ aufgab und in eine Zweizimmerwohnung auf der Prager Kleinseite zog, schenkte er ihr zum Abschied Goethes Versepos „Hermann und Dorothea“, das er mit folgender Widmung versehen hatte: „Für Irma Stein / zum kleinen Dank für viele Freundlichkeit / Dr. F. Kafka / 23 II 17“. Es handelt sich hier um einen der ganz wenigen Fälle, dass Kafka jemandem mit Hilfe eines Buchgeschenks Dank abstattete. Natürlich lässt sich die „viele Freundlichkeit“, die ihm entgegengebracht wurde, nur schwer konkretisieren, darf man doch, nimmt man die damals in Prag herrschenden Verhältnisse auch in diesem Fall als gegeben, keineswegs davon ausgehen, Irma habe ihm morgens das Frühstück gebracht, Feuer gemacht und sein Zimmer gereinigt.

Kafka hatte sich dafür entschieden, eine Pantheon-Ausgabe zu verschenken. Es handelte sich dabei um eine vom S. Fischer-Verlag betreute, ihm längst bekannte Reihe. Das für Irma Stein bestimmte Exemplar von „Hermann und Dorothea“ ist in rotes Chagrinleder gebunden, das Goldprägungen aufweist. Dreiseitiger Kopfgoldschmuck, ein Leserbändchen und ein durch ein Schutzpapier gesichertes Frontispiz, das einen Ausschnitt aus Tischbeins Goethe-Bild zeigt, vervollständigen die Ausstattung. Außerdem gab es eine ausführliche, von dem Goethe-Forscher Max Morris stammende Einleitung sowie wissenschaftliche Anmerkungen. Eine literarisch anspruchsvolle Gabe also, die von der Empfängerin durchaus geschätzt worden sein dürfte, hatte diese doch in den Jahren 1901 bis 1906 fünf Klassen des Deutschen Mädchenlyzeums in Prag durchlaufen, wo sie nicht nur Französisch- und Englischunterricht erhalten hatte, sondern auch „Minna von Barnhelm“, „Maria Stuart“, die „Jungfrau von Orleans“ und „Wilhelm Tell“ kennenlernte. Goethes Versepos vervollständigte gewissermaßen ihre literarische Bildung, denn es stand auf dem Lehrplan der von ihr nicht mehr besuchten Abschlussklasse.

Weltliteratur für Mädchenklassen

Gleichwohl ist anzunehmen, Kafka habe sich bei der Wahl seines Geschenks von Max Brod anregen lassen. Als nämlich in den ersten Kriegsmonaten galizische Flüchtlinge in Massen nach Prag strömten, wurde in der Stadt eine Notschule eingerichtet, in der Brod in einer Mädchenklasse wöchentlich anderthalb Stunden Weltliteratur unterrichtete, und zwar öfter in Anwesenheit seines Freundes Kafka, der sich mit einzelnen, teilweise schon volljährigen Schülerinnen anfreundete. Wie ein Bericht erkennen lässt, den Brod 1916 in der „Jüdischen Rundschau“ über diese Lehrtätigkeit veröffentlichte, behandelte er dabei ausführlich „Hermann und Dorothea“: „Der Einfluss Homers, die religiöse und nationale Stimmung Goethes, sein Leben und Schaffen, vor allem seine Beziehung zu Schiller wurden vorgetragen und diskutiert. I

m Ferialkurs wurde die Lektüre dieses Epos fortgesetzt und, teilweise durch Privatlektüre und selbständige und Referate der Schülerinnen, beendet.“ Kafka hatte sich also durch eigene Anschauung und aufgrund von Erzählungen Brods davon überzeugen können, dass dieses Werk für ein literarisch interessiertes Mädchen geeignet war.

Skepsis gegenüber dem eigenen Frühwerk

Die Art und Weise, in der er seine Dankesworte auf dem Titelblatt plazierte, gibt Anlass zu widmungskundlichen Erwägungen: Unter den wenigen Dedikationen Kafkas in nicht von ihm selbst stammenden Büchern befindet sich keine einzige, die im Zentrum der Seite, also zwischen Titel und Verfassername, zu stehen gekommen wäre. Vielmehr quetschte er seine Zuneigung wie im vorliegenden Fall an den oberen Rand des Titelblattes, auch wenn an anderer Stelle mehr Platz war, oder schrieb sie auf den Schmutztitel oder den Vorsatz.

Der Grund für dieses Vorgehen ist aus einem auf den 24. November 1912 datierten Brief an Felice Bauer erschließbar, in dem er auf eine entsprechende Rückfrage der Adressatin erklärt, warum er ihr Flauberts „Education sentimentale“, die ihm jahrelang nahestand wie kein anderes Buch, ohne Widmung überlassen hatte: „In den Flaubert habe ich absichtlich nichts hineingeschrieben, es ist ein Buch, in das keine fremde Schrift hineingehört.“ Mit anderen Worten: Sich auf dem Titelblatt eines verehrten Autors breitzumachen, als wäre man selbst der Verfasser, hätte Kafka als Anmaßung empfinden. Ganz anders bei eigenen Werken, wo er durchaus selbstbewusst und infolgedessen entsprechend raumgreifend unter der Titelformulierung bewidmete, mit Ausnahme allerdings einer für Gertrude Thieberger bestimmten „Betrachtung“, die er, wohl als Zeichen dafür, wie weit er sich inzwischen von seinem Erstling distanziert hatte, dessen Veröffentlichung er von Anfang an skeptisch gegenübergestanden hatte, wie ein fremdes Werk behandelte.

Das verschollene Geschenk

Wie das für Irma Stein bestimmte Goethe-Bändchen, das Spuren unsachgemäßer Behandlung zeigt, überlebt und den Weg in ein deutsches Antiquariat gefunden hat, bleibt ein Rätsel. Da sie selbst und ihr unehelicher, 1925 geborener Sohn Karl im Jahr 1942 nach Theresienstadt deportiert wurden - beide kamen im darauffolgenden Jahr in Auschwitz ums Leben - , muss sie das ihr zweifellos am Herzen liegende Erinnerungsstück bereits angesichts drohender Verschleppung und in dem Wunsch, es möge erhalten bleiben, an die auf dem Titelblatt zeichnende Nachbesitzerin weitergegeben haben, die sich in Prag aber nicht nachweisen lässt. Irmas Schwester Olga Friedlaender war bereits am 17. November 1941 nach Kowno deportiert und wenige Tage später ermordet worden.

Falls die Nachkommen Monika Menczels, die das Widmungsexemplar in den Handel gebracht haben dürften, diesen Beitrag lesen, mögen sie sich melden. Sie könnten die Überlieferungsgeschichte des Buches und der drei Friedlaender-Kinder aufklären helfen, die in den Wirren und Schrecken der Naziherrschaft verschollen sind.

Hartmut Binder, Jahrgang 1937, zählt zu den führenden Kafka-Forschern. Zuletzt erschien sein Band „Kafkas Welt. Eine Lebenschronik in Bildern“.

Quelle: F.A.Z.
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