Kafkas Sätze (6)

Man kann diese Gedanken nicht befestigen

Von Werner Spies
 - 11:50

Es gibt ungezählte Sätze bei Kafka, mit denen man nicht Freundschaft, sondern Fremdheit schließen kann. Dem verwirrenden Odradek begegnen wir in der Erzählung „Die Sorge des Hausvaters“. Sie erschien 1919 in dem Band „Ein Landarzt“. Eine flache sternartige Zwirnspule streift, wie ein Kobold, durch Treppenhaus und Flur. Das verwickelte, männliche Wesen tut dies, darauf verweist der Text, mit einer solchen Behendigkeit, dass es sich nicht erhaschen und untersuchen lässt. Man wisse deshalb so gut wie nichts über diesen Odradek, selbst die Herkunft des Namens sei unsicher. Der Autor folgert, nur eines lasse sich mit Gewissheit sagen: „Das Ganze erscheint zwar sinnlos, aber in seiner Art abgeschlossen.“

Gegen ein solches Urteil soll zudem keine Berufung zugelassen werden. Denn Odradek, lesen wir, werde nie sterben und auch in Zukunft vor den Füßen von Kindern und Kindeskindern die Treppe hinunterkollern. Sinnlicher als mit dem Hinweis auf die Mobilität, mit der Odradek Haus und Kopf durchgeistert, ließe sich die nutzlose „Sorge“ um den fliehenden Sinn nicht zum Ausdruck bringen. Sicher, man kann sich mit dem Hinweis auf die Spule der Parze begnügen. Doch Kafkas Schilderung der Spule mit ihren mehrfarbigen Fäden erscheint aus der Rückschau mehr als eine Parabel zu sein. Sie liefert richtiggehend die Anleitung zur Konstruktion eines Gegenstands, der auf beklemmend präzise Weise der Zeit zugehört, in der dieser Text entstand.

Bewegung ins Leere

Odradek lässt an die textilen Arbeiten und an die Objekte denken, die im Umkreis von Dada den Kunstbetrieb aufsprengen. Vor allem die Readymades bieten sich zum Vergleich an. Nichts zeigt dies besser als das „Fahrradrad“, das Duchamp damals umgekehrt auf einen Hocker montiert und mit dem er im Wohnatelier spielt. Die Bewegung verläuft sich, funktionslos, ins Leere.

Die Surrealisten spüren die Nähe zu Odradek. In den Jahren, da sie sich mehr und mehr der Präsentation unerklärlicher, fragender Dinge zuwenden, widmet Max Ernst dem aussichtslosen Rätsel Odradek eine Illustration. So wenig wie Kafka ging es dem Surrealismus um Hermeneutik und Sinnfrage. Sie wollen das Unbegreifliche rein, ohne falsche Vertiefung in die Realität übernehmen. Ihnen geht es um das, was Camus über seine Lektüre von Kafka notiert: „Man kann sich nicht genügend wundern über diesen Mangel an Verwunderung.“

Quelle: F.A.Z.
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Werner Spies
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