Kafkas Sätze (7)

„Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr“

Von Michael Krüger
 - 16:30

Ich habe in meinem bisherigen Leben vier Ausgaben von Kafkas Tagebüchern „verbraucht“, alle sehen so zerfleddert aus, als hätten sie mich auf gefährlichen Weltreisen begleitet: Sie sind voller Anmerkungen, Anstreichungen, Eselsohren, eingelegten Zetteln, Verweisen. In der ersten Taschenbuchausgabe finden sich noch gepresste Blumen und Gräser und eine Fliege, die nun für immer mit Kafka leben muß. Viele meiner Lieblinssätze habe ich auf den Vorsatzblättern notiert, ohne Seitenangabe, ein Vademecum schroffer Aussagen, die mich trotz ihres auf den ersten Blick abweisenden oder auch nur enigmatischen Charakters schon in meiner Jugend „angesprochen“ haben, mir „nachgegangen“ sind und mich schließlich nicht mehr „losgelassen“ haben.

„Von einem gewissen Punkt gibt es keine Rückkehr mehr. Dieser Punkt ist zu erreichen.“ Wenn man nicht wüßte, dass dieser Satz von Kafka ist und nicht einmal etwas von Kafkas Leben wüßte, dem ausssichtslosen Kampf zwischen Leben und Schreiben, wie sollte man diesen „talmudischen“ Satz verstehen? Als eine Selbstermunterung, immer weiter zu gehen? Als ein ästhetisches Programm – oder doch eher als ein ethisches? Und wer bestimmt eigentlich den „gewissen Punkt“? Man selbst? Das Leben? Oder – ganz banal – der Tod? Oder ist der „gewisse Punkt“ das Ziel eines Lebens,von dem Kafka sagt: „Es gibt nur ein Ziel, keinen Weg. Was wir Weg nennen, ist Zögern.“

Zögern, Innehalten, Stolpern, Verstummen, um das Ziel nicht zu erreichen? „Stummheit“ – auch das ein Satz des mit sich hadernden Kafka – „gehört zu den Attributen der Vollkommenheit.“ Welcher Satz könnte heute wahrer sein? Wer es damals mit der Literatur ernst meinte – ich rede von 1968 -, der musste Kafka lesen: „In Wirklichkeit kann man zu einem ästhetischen Genießen des Seins nur durch ein demütiges sittliches Erleben gelangen.“

Michael Krüger, Jahrgang 1943, leitet den Carl Hanser Verlag. Er schreibt Romane, Essays und Gedichte. Zuletzt erschien der Lyrikband „Unter freiem Himmel“.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenFranz Kafka