Kafkas Sätze (8)

Die Fatalität des Denkens

Von Hans Magnus Enzensberger
 - 18:25

Müssen wir aus jedem seiner Worte das Große und Ganze hervorzaubern, so als hätten wir es mit einer pluripotenten Stammzelle zu tun? Empfiehlt sich nicht bei solchen interpretatorischen Kunststücken, ähnlich wie bei den Verheißungen der neuesten Biotechnologien, ein wenig Bescheidenheit, eine gewisse Skepsis? Vielleicht sollte man eher auf die Goldwaage legen, was Kafka selber solchen Eifernden zu sagen hat: „Nichts, wenn man es überlegt, kann dazu verlocken, in einem Wettrennen der erste sein zu wollen.“

Freilich wäre es naiv, die Bescheidenheit, die sich in diesem Satz auszudrücken scheint, für bare Münze zu nehmen; denn es ist ein junger, ein sehr ehrgeiziger und selbstbewusster Autor, der hier spricht. Kurt Wolff, der Verleger der Betrachtung, hat das sehr wohl verstanden. Deshalb ist er auf Kafkas Wunsch eingegangen, der ihm, kaum war das Manuskript angenommen, schrieb: „Nur bitte ich um die größte Schrift.“ Wolff hat dem Debütanten ein Buch spendiert, das luxuriöser nicht hätte ausfallen können. Der splendide Handsatz in 16-Punkt-Schrift wurde von der Leipziger Offizin Poeschel & Trepte auf erstklassigem Papier gedruckt; ein Teil der winzigen Auflage von achthundert numerierten Exemplaren wurde sogar in Halbleder gebunden. Kaum bekam der Autor sein Buch zu Gesicht, so begann er schon an ihm zu zweifeln. Die Schrift, die er selbst verlangt hatte, fand er „zweifellos ein wenig übertrieben schön“ und meinte, sie würde besser zu den Gesetzestafeln Mosis passen als zu seinen „kleinen Winkelzügen“. Sobald ein Freund die Betrachtung lobte, fühlte er sich „überschätzt“.

Wenn man zu überlegen beginnt

Auf die Idee, dass nichts dazu verlocken könne, in einem Wettrennen der erste zu sein, kommt man allerdings nur dann, „wenn man es überlegt“. Daran hat Kafka es nie fehlen lassen. „Zum Nachdenken für Herrenreiter“ überschrieb er ein „Stückchen“, wie er es nannte, das er lange vor dem Erscheinen seines ersten Buches verfasst hat. Damit waren gewiss nicht in erster Linie die Mitglieder des Jockey Clubs gemeint. Selbst dann, wenn von Maulwürfen oder Hungerkünstlern die Rede ist, geht es bei Kafka immer auch um seine eigene Sache, die Literatur; um die gnadenlose Selbstbefragung eines Schriftstellers, der schon, bevor die erste Zeile dasteht, nur allzu gut weiß, worauf er sich einlässt. Der Ruhm, dessen er sicher ist, „freut zu stark, als dass sich am Morgen danach die Reue verhindern ließe“, und die stellt sich sogleich „beim Losgehen des Orchesters“ ein. Auch müsse der Neid der Gegner schmerzen, bei denen es sich um listige, ziemlich einflussreiche Leute handle. Und sobald das Rennen beendet ist, „fängt es gar aus dem trüb gewordenen Himmel zu regnen an“.

Das alles gibt Kafka sich und allen anderen, die sich an einem Wettrennen um den ersten Platz beteiligen, zu bedenken. Er bringt es fertig, in ein und demselben Satz zu über- und zu untertreiben. Der Ruhm, den er erwähnt, hat bekanntlich auf sich warten lassen. Von der ersten Auflage seines ersten Buches sind wahrscheinlich nur vierhundert Exemplare verkauft worden. Später hat er testamentarisch verfügt: „Die paar Exemplare der Betrachtung mögen bleiben, ich will niemandem die Mühe des Einstampfens machen, aber neu gedruckt darf nichts daraus werden.“ Die Nachwelt hat sich, wie üblich, an diese Vorschrift nicht gehalten. Immerhin ist Kafka der Lärm des Orchesters, den er fürchtete, zu seinen Lebzeiten erspart geblieben.

Herren der Welt

Aber geht es bei dem Wettrennen, von dem hier die Rede ist, wirklich nur um die Literatur? Das zu glauben fällt schwer. Denn von allen, die immer und unbedingt die ersten sein wollen, sind die Schriftsteller, auch wenn es ihnen an Größenwahn nicht fehlen mag, wohl die harmlosesten. Auch wäre der „Aushilfsbeamte“ bei der Arbeiter-Unfall-Versicherungs-Anstalt für das Königreich Böhmen der letzte gewesen, der sich zu den Herren der Welt gezählt hätte. Nein, ganz andere Reiter sind es, damals wie heute, die mehr Grund zum Nachdenken als Kafka hätten, bevor sie an den Start gehen.

Der Lyriker und Essayist Hans Magnus Enzensberger, Jahrgang 1929, veröffentlichte zuletzt „Hammerstein oder Der Eigensinn“.

Quelle: F.A.Z.
  Zur Startseite
Ähnliche ThemenHans Magnus Enzensberger