Kafkas Sätze (9)

„Was willst du in unserer Welt?“

Von Marcel Beyer
 - 10:00

'Was willst du in unserer Welt?' hatte ich Lust zu fragen, hockte mich vor den Vogel nieder und sah ihm in seine ängstlich zwinkernden Augen.“ Alles wirkt ausgedacht in diesem Fragment, das Franz Kafka im achten Oktavheft notiert: Bei seiner abendlichen Heimkehr findet der Erzähler im Zimmer ein riesiges Ei, aus dem ein storchenartiges Wesen schlüpft, es bekommt eine Wurstschnitte serviert, verlangt aber nach Fisch, den es so lange erhalten soll, bis es ausgewachsen ist und den Erzähler auf seinem Rücken in den Süden tragen kann.

Der Mensch taucht den Vogelschnabel in Tinte und führt ihn über das Papier, einen Pakt schließend. Der junge Storch wehrt sich nicht, nein, er hängt am Erzähler, als wäre der ein Elternvogel, folgt ihm, lässt sich füttern, bald beginnen die Flugübungen, die beiden steigen auf den Tisch, dann den Schrank, da segeln sie, mit ausgebreiteten Armen, ausgebreiteten Flügeln – und es tut sich eine Welt auf. Nicht die südlichen Länder, sondern die Welt der zeitgenössischen Zoologie.

Kafka schildert, wie man einen Vogel auf einen Menschen prägt: Das erste nach dem Schlüpfen erblickte Lebewesen wird unwillkürlich zum Kumpan. Die beiden haben tatsächlich einen Pakt geschlossen. Mehr noch, Kafka erzählt – so der irritierende Eindruck – aus dem Alltag eines jungen Tierfreundes, der zur selben Zeit südlich von Wien seinen Zöglingen das Fliegen beibringt, in Erinnerung an den kindlichen Wunsch, wie Nils Holgersson mit den Wildgänsen zu ziehen. Kafka berichtet aus Altenberg. Wie Franz Kafka einmal aus der Jugend von Konrad Lorenz erzählt. „Was willst du in unserer Welt?“ hatte Kafka Lust zu fragen, hockte sich vor Konrad nieder und sah ihm in seine neugierig zwinkernden Augen.

Was willst du in unserer Welt?

Marcel Beyer veröffentlicht zuletzt den Roman „Kaltenburg“

Quelle: F.A.Z.
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