Formel für Schönheit

Daniel Craig mit Pony

Von Niklas Maak
 - 14:46

In Primo Levis Erzählung „Das Maß der Schönheit“ fotografiert ein Herr Simpson, Handelsvertreter eines amerikanischen Büromaschinenkonzerns, an einem italienischen Strand allerlei Leute, kleine, alte, junge, dicke und dünne. Die Fotografien dienen der Entwicklung des „Kalometers“, einer Maschine, mit der man Schönheit berechnen kann und die zunächst ein großer Flop wird, weil die Kunden sich von ihren Ergebnissen gedemütigt fühlen, weswegen Simpson sie so umprogrammiert, dass sie nur noch – als Wissenschaft verkleidete – Komplimente macht.

Als Levi die Geschichte schrieb, wurde sie als Satire, als Parabel auf die Unmöglichkeit gelesen, jenseits sehr allgemeiner Aussagen zum eher Ebenmäßigen Kriterien für Schönheit zu entwickeln, auf deren Basis ein Algorithmus ermitteln kann, wer wie schön ist. Die Frage nach der Schönheit bleibt oft schon in erheblichen Definitionsproblemen stecken, die mit individuellen und kulturellen Vorlieben und Prägungen zu tun haben: Einer findet ein Gewitter „schön“, der andere nennt es „erhaben“ und findet einen stillen See schön, den ein Dritter wiederum langweilig oder bloß „hübsch“ findet, weil die Tiefe fehle oder das Aparte, das Schönheit brauche. Das schön tropisch bunte Kleid ist für Minimalisten bloß geschmacklos und schrill.

Tests mit manipulierten Fotos

Die einen erwarten Sanftheit, Harmonie und Beruhigung von der Schönheit, die anderen Spannung, das Lexikon bemerkt kleinlaut, dass „eine Abgrenzung gegenüber sinnlicher Überwältigung oder dem nur Hübschen, dem das Besondere fehlt, nicht immer leicht“ sei. Levi konnte jedenfalls nicht ahnen, dass gut drei Jahrzehnte nach seinem Tod Studien angefertigt werden, die energischer als seine Kalometriker behaupten, eine allgemein anzuerkennende Formel für Schönheit gefunden zu haben. Entscheidend sei nämlich „ein bestimmter Abstand zwischen Augen, Mund und Ohren“, dekretieren kanadische Wissenschaftler um den Forscher Kang Lee.

Bei Tests mit manipulierten Fotos sei herausgekommen, dass ein Gesicht als besonders schön gelte, wenn der Abstand zwischen Mund und Augen exakt bei 36 Prozent der gesamten Gesichtslänge liege, gemessen vom Kinn bis zum Haaransatz. In der Waagerechten sei ein Gesicht schön, wenn der Augenabstand 46 Prozent betrage, gemessen von den Ohren. Sollte sich diese Ansicht durchsetzen, brechen goldene Zeiten für Friseure an, die leichterdings das Haar bis auf 46 Prozent an die Augen heranschneiden können, wenn noch welches da ist.

Sollte die sich hartnäckig haltende Unsitte, einen Pony in der Mitte der Stirn so abzuschneiden, dass das Ergebnis aussieht wie ein halb hochgezogener, dem Träger ein Aussehen zwischen Schläfrigkeit und Dauerverblüffung verpassender Vorhang, als neurowissenschaftlich unterstützbare Anstrengung erklärbar sein, durch Stirnflächenreduktion den Abstand zwischen Mund und Augen exakt auf 36 Prozent der gesamten Gesichtslänge zu bekommen? Andere Schönheitsforscher sind da skeptisch. Das Londoner Centre For Advanced Facial Cosmetic And Plastic Surgery hat soeben die Gesichtszüge aller bisherigen James-Bond-Darsteller mittels eines „Face Mapping Tools“ analysieren lassen, wobei das Gesicht digital vermessen und mit antiken griechischen Schönheitsidealen abgeglichen wird.

Ergebnis: Sean Connery ist am schönsten, bei Daniel Craig (Lippen zu dünn, Nase) sehen die Schönheitschirurgen am meisten Schneide- und Spritzbedarf. Zu dem Ergebnis, dass Connery irgendwie griechischer aussieht als der blonde Craig, wäre man zwar auch ohne Face Mapping Tools gekommen, aber zusammengenommen sind beide Studien sensationell: Nichts und niemand auf der Welt kann demnach schöner sein als Daniel Craig mit nach vorne gekämmtem Halbpony und antikisch aufgespritzten Lippen.

Quelle: F.A.Z.
Niklas Maak
Redakteur im Feuilleton.
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