Karneval in Brasilien

Alles Diebe

Von Elena Witzeck
 - 12:43

Im vergangenen Jahr kursierte in Brasilien während des Karnevals ein Lied. „Der Präsident von Transsilvanien“ beschrieb den Präsidenten Michel Temer als nach Blut lechzenden Vampir, der die Regierung mit Gestalten besetzt, die ihm von Friedhöfen nachlaufen. „Ich suche dort, wo der Boden fruchtbar für das Böse ist“, hieß es zum Zupfen einer Gitarre. Das Lied wurde zu einem der beliebtesten des Jahres. Wenn Diktatoren ihn nicht gerade verboten, war der Karneval in Brasilien stets politisch. Kritik an den gesellschaftlichen Verhältnissen wird, wie es der lateinamerikanischen Kultur entspricht, in Humor und Ironie verpackt und selbstbewusst vorgetragen. Stoff für die Texte gibt es genug.

Evangelikale Spaßbremse

Die Absonderlichkeiten des politischen Geschehens bringen Marchinhas, kurze Stücke im Marschrhythmus, die sich seit fast hundert Jahren großer Beliebtheit erfreuen, zum Ausdruck. Es geht um Fragen der Sicherheit, der Umwelt und Bildung: „Alles Diebe“ – das ist eine der wichtigsten Botschaften.

In diesem Jahr verspricht der Karneval, der am Wochenende in Rio de Janeiro und in hunderten anderen Städten Brasiliens beginnt, besonders politisch zu werden, denn 2018 ist das Jahr der Präsidentschaftswahlen. Und weil Rio de Janeiros Bürgermeister Marcelo Crivella eine evangelikale Spaßbremse ist und eine fünfzigprozentige Kürzung der städtischen Mittel für die Sambaschulen beschlossen hat, bekommt auch er seinen Teil ab. „Ob mit oder ohne Geld, ich habe meinen Spaß“, singen die Musiker der Sambaschule Mangueria.

Umgekehrt haben die Politiker das Potential des Karnevals für den Wahlkampf erkannt. Fast alle politischen Parteien hätten Karnevalsgruppen gegründet, die zu ihren Gunsten singen und tanzen, beklagen mehrere Sambaschulen. Auch Luiz Inácio Lula da Silva, der wegen Korruption und Geldwäsche zu zwölf Jahren Haft verurteilte ehemalige Amtsinhaber, der Ambitionen auf eine neue Präsidentschaft hegt, ließ sich die Gelegenheit nicht entgehen. Seine Arbeiterpartei entschied, dass sein Image nur bei einer Gelegenheit wiederhergestellt werden könne: beim Karneval.

Im vor kurzem veröffentlichten Lied „Wo ist der Beweis?“ heißt es, begleitet vom typischen Sambarhythmus, ein Fehlverhalten sei ihm schlicht nicht nachzuweisen. Nie habe man bei Lula einen Koffer voller Geld gefunden, wie es bei anderen Präsidenten schon passiert sei. Auf diese Sichtweise werden die unabhängigen Sambaschulen am Wochenende sicherlich eine Antwort finden. Sie werden sich den Karneval nicht auch noch stehlen lassen.

Quelle: F.A.Z.
Elena Witzeck
Redakteurin im Feuilleton.
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