Kommentar zu Katalonien

Spielausgang offen

Von Paul Ingendaay
 - 11:06

Über zehn Kilometer hinweg streift die breite Avenida Diagonal in Barcelona einige der berühmtesten Punkte der Stadt. Gleich im Osten, am Meer, den Park des „Forum“, eine immer noch junge Ausgehzone mit einem populären Club und Platz für große Musikfestivals. Dann die riesige Plaça de les Glòries Catalanes, die dem Ruhm des katalanischen Volkes gewidmet ist, mit Barcelonas neuem Designmuseum und gleich nebenan dem wimmelnden Straßenmarkt Encants. Ein Stückchen weiter unten, nur einen Steinwurf von der Diagonal entfernt, folgt Gaudís unvollendete Sagrada Familia, Kataloniens meistbesuchte Sehenswürdigkeit. Etwas weiter westlich streift die Diagonal den schönen Macaya-Palast (1901) des Architekten Josep Puig i Cadafalch, und weiter geht’s mit feinen Hotels, feinen Läden, angesagten Bars, zahlreichen Banken – und über Letztere muss jetzt doch einmal geredet werden.

Denn kurz bevor die Avenida Diagonal im Westen in die unmittelbare Nähe des Stadions Camp Nou führt, die Spielstätte des FC Barcelona, der das Motto „Mehr als ein Klub“ vor sich herträgt und dessen vier Präsidentschaftskandidaten sich vor zwei Jahren allesamt für die Unabhängigkeit von Spanien aussprachen – sonst hätten sie ihre Kandidatur nämlich gleich vergessen können –, kurz vor diesem Punkt befinden sich die Hauptsitze der beiden katalanischen Geldhäuser Banco Sabadell (Avenida Diagonal Nummer 407) und Caixabank (Nummer 621–29). Die beiden größten Banken Kataloniens haben angekündigt, im Falle einer einseitig verkündeten Unabhängigkeit ihren Firmensitz aus Barcelona nach Palma de Mallorca beziehungsweise Valencia zu verlegen. Damit haben sie aus der Mär, die katalanische Wirtschaft stünde hinter der Unabhängigkeit, erbarmungslos die Luft herausgelassen.

Erstmals seit langem machen Katalanen wieder von sich reden mit einem ihrer bekanntesten Züge: der Kunst zu rechnen. Aber die Ironie reicht noch tiefer. Der Architekt der imposanten Türme der abtrünnigen Banken, Francesc Mitjans, hat nämlich ebenfalls das Stadion Camp Nou geplant, und der Diktator Francisco Franco half Mitte der sechziger Jahre mit, dass der Klub den schwierigen Bauprozess ohne Bankrott überstand. Der FC Barcelona übrigens, der so vehement für die Unabhängigkeit Kataloniens eintritt, ließ verlauten, er werde im Fall der Sezession selbstverständlich weiter in der spanischen Liga spielen. Und den spanischen Vereinspokal, die Copa del Rey, wolle er auch bestreiten. Wie das gehen soll, wissen wir zwar nicht, nehmen es aber als gute Nachricht: Die Weltgeschichte, heißt das, hat sich noch nicht entschieden, ob das Ganze als gravierende Staatskrise enden soll oder als Operette.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Ingendaay Paul
Paul Ingendaay
Europa-Korrespondent des Feuilletons in Berlin.
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