Kolumne „Bild der Woche“

Ikarus mit dem Fallschirm

Von Katja Petrowskaja
 - 15:39

Das Foto von Willi Ruge „Dieser Augenblick war entscheidend ...“ (1931) stammt aus der Serie „Ich fotografiere mich beim Absturz mit dem Fallschirm“. Ein grotesker Witz. Ruge riskiert, springt und landet. Warum nennt er das „Absturz“? Ein Spiel mit dem Betrachter? Erhöhung der Spannung? Cliffhanger? Selbst das Wort „Fallschirm“ beinhaltet etwas Falsches.

Wir sehen ein verzerrtes weibliches Gesicht, aber es ist Willi Ruge selbst, etwas Clowneskes liegt darin, hier wird in der Tat gespielt. Die Lippen scheinen geschminkt, die Gesichtszüge fein, selbst die Ansicht ist erotisch. Merkwürdige Schatten legen sich von unten auf ihn, als wären sie ein Tribut an die surrealistischen Fotos der Zeit. Der Kopf wird zum Zentrum der Blume, der Fallschirm zum Blütenkelch. Auch der Titel „Dieser Augenblick war entscheidend ...“ deutet auf den romantischen Ton des Untertitels im Stummfilm. Der freie Fall wird mit einem Ruck beendet: Der Fallschirm öffnet sich und bildet einen Heiligenschein der Ekstase. Der Held und Abenteurer Willi Ruge drückt auf den Auslöser seiner Kamera.

In dieser Zeit rast Willi Ruge schon seit zwanzig Jahren durch seinen Beruf. Er ist ein Journalist der neuen Zeit, hat Gespür für Sensationen. Im Ersten Weltkrieg selbst ein Pilot, macht er Sport- und Luftbilder, begleitet die berühmtesten Kunstflieger. Bei der ersten alpinen Flugzeug-Landung ist er dabei, beim ersten europäischen Autorennen sitzt er neben dem Sieger, dokumentiert einen Flug auf Rekordhöhe von 9000 Metern und publiziert alles in Illustrierten. Er ist überall dort, wo die Zeit beschleunigt wird. In seinen Collagen wetteifern nicht nur Menschen; es ist der Fortschritt selbst: ein Zug und ein Flugzeug „rennen“ um die Wette. Er jagt den Bewegungen nach. Dadurch entstehen oft Serien, Sequenzen von Bewegungen. In seiner „Absturz“-Serie verwandelt sich Willi Ruge selbst in ein aerodynamisches Objekt, wird zum Helden seiner eigenen Abenteuer.

Zwei Wochen lang bereitet Ruge sich in einem Kurs auf diesen Sprung vor. Auch eine Polizeigenehmigung wird benötigt. Der Polizei verrät er aber nicht, dass er die Tragikomik des Fallens und Fliegens dokumentieren möchte.

Vor und nach dem Flug wird Ruge von einem Kollegen fotografiert. Er selbst fotografiert den Piloten, sein eigenes Gesicht, und auch seine Füße, die über Berlin schweben. Ein weiterer Fotograf macht aus einem zweiten Flugzeug Bilder, wie Ruge in die Luft stürzt, die Hände leicht zur Seite, den Kopf nach unten, der Fallschirm noch zu. In diesem Augenblick sieht der kleine fallende Ruge wie ein Kampfflugzeug aus, das in einer kämpferischen Pose auf die friedliche Erde zujagt. Das nächste Bild, wie im Stummfilm: Menschen auf der Erde schauen alarmiert nach oben, eine Frau hält ein Kleinkind. Es könnte eine Inszenierung sein, aber die Frau ist tatsächlich die Ehefrau von Ruge, der Säugling ist ihr gemeinsames Kind. Später destilliert er weitere Flug-Witze in der Serie „Traum von Ikarus“: ein Mann in voller Pilotenausrüstung rast auf Skiern durch den Himmel.

Dieser Artikel ist aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung
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Was in den Bildern von Ruge „echt“ ist und was als Collage entstanden ist, bleibt oft unklar. Sein Berliner Studio mit allen Negativen wurde im November 1943 zerbombt – dank der Luftfahrt. In den dreißiger Jahren fotografierte Ruge die Wehrmacht, besonders aber die Luftwaffe: Ausbildung, Übungen in der Luft. Er fotografiert den Krieg zwischen Paraguay und Bolivien, dann den Spanischen Bürgerkrieg, auf Francos Seite natürlich, „unsere Kampfflugzeuge“. Eines der Bilder zeigt Willi Ruge in Pilotenuniform mit seiner Kamera. Der Titel lautet: „Erstes Angriffsziel: der Hafen von Valencia. Willi Ruge in der Maschinen-Gewehr-Kanzel“. Der Krieg ist eine logische Weiterentwicklung seines Abenteuers. Fotokamera und „Maschinen-Gewehr“ schießen in dieselbe Richtung.

Der Spanische Krieg ruft auch einen anderen „Kriegsabenteurer“ zur „Waffe“: Robert Capa, der für immer im Krieg bleibt und im Krieg stirbt, wie auch der Republikaner auf seinem berühmtesten Foto, der in den Tod stürzt. Im Zweiten Weltkrieg fotografiert Ruge in Polen, Norwegen und Deutschland und arbeitet gleich nach dem Krieg für die US-Armee, als wäre sein Beruf unantastbar und mit dem roten Kreuz gesegnet. Ein Mann fällt vom Himmel und bleibt schweben – Rätsel eines fotografischen Äquilibriums.

Noch bis zum 3. Dezember 2017 zeigt c/o Berlin eine Retrospektive mit 140 Werken von Willi Ruge: „Fotoaktuell“. Alle weiteren Informationen unter www.co-berlin.org

Quelle: F.A.S.
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