Kehlmann kritisiert Baker

Feuer und Rauch

Von Lorenz Jäger
 - 16:02

Ich bin verleumdet worden, sagt der Brandstifter. „Man hat Bosheiten über mich verbreitet, gehässige Dinge, Lügen. Die Menschen wurden mit Vorurteilen genährt.“ Daniel Kehlmann gab vor zehn Jahren in seiner Erzählung „Pyr“ dem Feuerteufel eine Stimme. Ein kleiner Mann, der sich zu Großem berufen fühlt. Immerhin hat er Kurse besucht, um seine Technik zu verbessern, um die Brände zu planen, zu kontrollieren; er arbeitet mit Kerosin und kleinen Mengen von Sprengstoff, die an einen Zeitzünder angeschlossen sind. „Ich brauche nur eine ganz kleine und zahme Explosion, ein Hüsteln bloß, sozusagen das Zündholz, das ich ins Stroh werfe.“

Mit acht Jahren hatte unser Mann einen Initialtraum, der ihm seine Berufung wies: „Es war sehr warm. Um mich breiteten sich Häuser aus und Häuser und Häuser, alle mit Schornsteinen, und aus einigen davon stieg Rauch, trotz der Hitze.“ Einmal verbrennt auch eine alte Frau, was mit einer kurzen Geste des Bedauerns quittiert wird. Rauch wird nicht erwähnt.

Ein schädliches Buch, findet Kehlmann

Das Buch „Human Smoke“, menschlicher Rauch, stammt von Nicholson Baker, es ist in diesem Frühjahr in den Vereinigten Staaten erschienen und noch nicht übersetzt worden. Es handelt von der Brandstiftung im Großen, von Bombenangriffen und Feuerstürmen, von der Vorbereitung des eigentlichen Feuers durch Sprengbomben, von der wissenschaftlichen Berechnung, welche deutschen Städte wegen ihres leicht brennbaren mittelalterlichen Kerns die dankbarsten Ziele abgeben würden, von den zweiten Angriffswellen, wenn die Rettungskräfte gerade angelangt waren. Das Ziel der Angriffe bildeten ausdrücklich Wohngebiete, um die „Moral“ der feindlichen Bevölkerungen zu erschüttern.

Daniel Kehlmann, der dem kleinen Brandstifter eine Stimme gab, hat in der Juni-Ausgabe des Magazins „Cicero“ das Buch über die großen Brände knapp besprochen. Hat er in den Planern des strategischen Bombenkriegs seinen Zundelfrieder wiedererkannt, ins Tausendfache vergrößert? Nichts davon. „Schädlich“ sei das Buch, „schlau arrangiert“ gewiss, auch finde man „schockierende Details“ über die britischen Angriffe. Welche Details das aber sind, fragt man Kehlmann besser nicht. In der Tendenz, so der Rezensent, sei Bakers Werk ein künftiger Klassiker naiver Pazifisten oder der Rechtsradikalen, ja „aller Feinde der Demokratie“.

Wir wollen Kehlmanns Urteil einmal so zusammenfassen: „Ich bin verleumdet worden“, sagt der Luftmarschall Arthur Harris, genannt „Bomber Harris“. „Man hat Bosheiten über mich verbreitet, gehässige Dinge, Lügen. Die Menschen wurden mit Vorurteilen genährt.“

Quelle: F.A.Z.
Lorenz Jäger - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Lorenz Jäger
Redakteur im Feuilleton.
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