Kill Bill, Vol. 2

Die Braut trug Schwert

Von Claudius Seidl
 - 17:02
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Quentin Tarantino hat ein Problem, und dieses Problem ist so speziell und einzigartig, daß ihm keiner dabei helfen kann. Niemand teilt dieses Problem, niemandem kann er es mitteilen, und vermutlich tut sich Tarantino sogar schwer damit, das Problem gelegentlich mit sich selber zu besprechen. Denn Quentin Tarantinos Problem heißt Quentin Tarantino: Er ist der beste Filmregisseur der Welt.

Das ist als Aussage natürlich ein bißchen unseriös, tarantinoesk geradezu - und eine Frechheit gegenüber Clint Eastwood und Michael Mann (seinen großen Antipoden), Martin Scorsese und Abel Ferrara (seinen Vätern in Waffen), Steven Soderbergh, Terrence Malick, David Lynch, Blake Edwards und den fünfundsiebzig anderen, die einem sofort einfallen, wenn man an die Genies des (amerikanischen) Kinos denkt. Und natürlich hat so mancher von ihnen schon Figuren erfunden, die größer, Schicksale, die grausamer, Gefühle, die tiefer empfunden waren.

Visuelle Begabung, vergleichbar mit dem absoluten Gehör von Musikern

Was Tarantino von den anderen unterscheidet, ist sein sicherer Blick, ist eine visuelle Begabung, die man vielleicht mit dem absoluten Gehör von Musikern vergleichen kann - er inszeniert einfach besser, schärfer und genauer, und wie das wirkt, konnte man am deutlichsten in dem kleinen Film "Four Rooms" erkennen; da gab es drei Episoden von anderen Regisseuren und am Schluß eine von Tarantino, und es war, als hätte jemand die Leinwand geputzt, die Vorhänge weggezogen, die Patina von den Bildern gekratzt und die Schärfe endlich richtig eingestellt.

Tarantino, so scheint es, kann alles, und er konnte es von Anfang an: Das Kammerspiel der Gewalt in "Reservoir Dogs". Das Ballett der Zeiten und den Showdown der Sprache in "Pulp Fiction". Und in "Jackie Brown" inszenierte er ohne alle Tricks und nur mit der richtigen Soulmusik im Hintergrund die fragile Liebesgeschichte zweier Menschen, die eigentlich die Pensionsgrenze für Kinohelden längst überschritten hatten. Es schien ihm alles so leichtzufallen, daß er weit unter seinem Niveau geblieben wäre, wenn er in "Kill Bill" (beide Teile waren ja ursprünglich als ein Film angelegt) nicht mindestens das Unmögliche gewollt hätte.

Enttäuschung und Offenbarung zugleich

Wobei die Frage, was Tarantino eigentlich will mit "Kill Bill", nicht ganz leicht zu beantworten ist - das beweisen die amerikanischen Kritiken, die zum Filmstart am Freitag erschienen sind, und man weiß nicht recht, was einen wütender macht: jene Verrisse, die vom Plot nur die Oberfläche und in den Bildern nur die Vorbilder sehen und sich dann beschweren über hohle Figuren, eine dumme Story und blutige Bilder. Oder jene Hymnen, die den Tanz der Pop- und Kinozitate und das Spiel mit den Verweisen so heftig bejubeln, daß man fragen möchte: Hallo, kann es sein, daß es sich noch nicht überall herumgesprochen hat, daß seit "Pulp Fiction" schon zehn Jahre vergangen sind?

Und vermutlich wird man beim Lesen schon deshalb so zornig, weil man beiden zustimmen und beiden ganz entschieden widersprechen möchte - für den Liebhaber des Tarantinokinos ist "Kill Bill" (den man auch weiterhin als einen Film nehmen sollte) zugleich eine Enttäuschung und eine Offenbarung, und vermutlich wird es einem mit dem ganzen Film so gehen wie mit "Kill Bill", dem ersten Teil, der, wenn er zu Ende ging, im Zuschauer eine Erschütterung zurückließ, aber auch die Frage, ob dieser Film nicht ein Rückschritt sei, nach dem reifen, unangestrengten "Jackie Brown". Und in der Erinnerung (und im zwangsläufigen Vergleich mit dem Computerkino der "Matrix" und des "Herrn der Ringe") verblaßten die Bilder nicht etwa, sondern wurden schärfer und stringenter - es war schließlich so, als hätte man selber geträumt von dieser Braut, die von den Toten aufersteht und sich an ihren eigenen Mördern rächt.

Die Story ist nicht bloß trivial

Denn es stimmt ja nicht, daß die Story bloß trivial wäre, kaum der Rede wert, reiner Vorwand für Tarantinos Tricks und Effekte. Diese Frau, die vom Vater ihres ungeborenen Kindes erschossen wird, weil sie ihn verlassen und einen anderen heiraten wollte; diese Frau, die den Schuß überlebt und nach vier Jahren aus einem Koma erwacht und sich rächt an denen, die ihr die Hochzeit verdorben haben - diese Figur könnte, nur zum Beispiel, von Cornell Woolrich erfunden worden sein, dem großen Existentialisten der amerikanischen Kriminalliteratur, und in der Verfilmung von Truffaut hätte Jeanne Moreau die Braut gespielt, und in Hitchcocks Verfilmung wäre es wohl Kim Novak gewesen, und weil Tarantino all das kennt und mitbedenkt, inklusive der Zuschauer, die selber die Köpfe voller Bilder haben: Deshalb inszeniert er "Kill Bill" genau so, als ob das sogenannte postmoderne Kino schon wieder Gegenstand von Retrokult und Revivals wäre.

"Kill Bill" verhält sich zu "Pulp Fiction" und "True Romance" (zu dem Tarantino das Drehbuch schrieb) ungefähr so, wie sich die "Austin Powers"-Filme zu den siebziger Jahren verhalten. Damals, vor unendlichen zehn Jahren, spielten auch andere das Spiel der Zitate und Referenzen, aber Tarantino hatte die beste Begründung dafür. Er guckte seinen Helden direkt in die Köpfe - und er sah, daß deren Welt sich aus ziemlich wenig eigener Erfahrung zusammensetzte.

Und aus einem Überfluß von Bildern, Tönen und Figuren aus der populären Kultur, welche diese Helden aber genauso gut kennen und genauso ernst nehmen, wie das ein altmodischer Europäer mit seinem Shakespeare tut. Insofern war es nur schlüssig, daß dem hamlethaften Helden von "True Romance" in den Momenten des Zweifels nicht etwa der Geist seines Vaters erschien, sondern ein golden schimmernder Elvis Presley.

Uma Thurman in Tarantionos Kopf

"Kill Bill" ist der Blick Tarantinos in den eigenen Kopf. Und was wir da sehen dürfen, ist zuallererst Uma Thurman, die schöne, die verehrte, die verletzliche Uma Thurman, die Braut, die Rächerin, und dann sehen wir Filme, Hunderte von Filmen, solche, die jeder kennt, und solche, die nur Tarantino kennt, Western von John Ford und Budd Boetticher, Italowestern von Corbucci und Leone, Shaolin-Filme, Kung-Fu-Filme, Horror, und der erste Verdacht ist natürlich der, daß Tarantino sein Herz hinter all den Bildern versteckt, daß er den ganzen Zauber nur veranstaltet, weil er zu schüchtern ist, Uma Thurman direkt anzusprechen und ihr, statt eines Samurai-Schwerts, vielleicht ein paar Blumen zu schenken.

Und der andere Verdacht, der zu Tarantinos Gunsten, ist der, daß er das Kino, die Filme und gerade auch die mißlungenen und die illegitimen Werke der scheinbar abseitigsten Genres vor allem deshalb so liebt und immer wieder herbeizitieren muß, weil es ihm sonst zu einsam würde da droben auf der Höhe seiner Könnerschaft.

Was vor und was nach „Kill Bill, Vol. 1“ geschah

"Kill Bill, Vol.2" erzählt, was vor und was nach "Kill Bill, Vol.1" geschah, wie die Braut ihre Hochzeit schon mal probte in einer Hochzeitskapelle in Texas, und dann gab es ein Massaker; wie sie, noch ein paar Jahre vorher, ihre Ausbildung in China bekam; und dann, wie sie sich an den verbliebenen Mitgliedern der "Deadly Viper Assasination Squad" rächt, an Budd (Michael Madsen) und an Elle (Daryl Hannah), und wie sie am Schluß dann Bill (David Carradine) gegenübersteht, ihrem Feind, ihrem Ex-Geliebten, dem Vater ihrer Tochter und, beinahe, ihrem Mörder, und die beste Methode, mit diesem Film auf Augenhöhe zu bleiben, ist es, das ganze Gerede über Pop und Zitate zu vergessen, sich alle Ironie zu versagen und die Bilder ganz für sich zu nehmen.

Ganz am Anfang schaut der Film aus der dunklen Hochzeitskapelle hinaus in die Wüste, die Silhouette von Uma Thurman und dann auch die von David Carradine zeichnen sich davor ab, und das ist, einerseits, ein fast wörtliches Zitat aus John Fords "The Searchers", und andererseits funktioniert es ganz ohne diese Referenz; man braucht keine Zentnerlasten von Kontext, um von dieser Szene ergriffen zu sein, und wer sich aber an John Ford erinnert, spürt die volle Wucht des Deja-vu - und das ist ein ganz und gar unironisches Gefühl. Und genau das ist es, was Tarantino mit all seinen Zitaten und Anspielungen in "Kill Bill" beweist: Es gibt, wenn einer so präzise inszeniert, keine Filme aus zweiter Hand. Jedes Bild, jede Szene ist unmittelbar zum Zuschauer, ganz unabhängig davon, ob das Ganze sich an die üblichen Normen von Plausibilität und Lebensähnlichkeit hält.

In der vergangenen Woche, ein paar Tage vor dem Start des Films, war in der "Los Angeles Times" zu lesen, daß Arnold Schwarzenegger, der Gouverneur von Kalifornien, seinen offiziellen Besuchern gern ein riesiges Schwert zeigt und sie mit der Bemerkung, damit habe er in "Conan, der Barbar" einen prähistorischen Schurken erledigt, dazu ermuntert, die Waffe in die Hand zu nehmen und ein bißchen durch die Luft zu schwingen.

Womöglich ist Tarantino ja doch ein Naturalist.

"Kill Bill, Vol.2" kommt am Donnerstag in die deutschen Kinos. Im Mai erscheint die vierte, erweiterte und aktualisierte Auflage von "Quentin Tarantino" von Peter Körte, Robert Fischer und Georg Seeßlen (Bertz Verlag, Berlin, ca. 400 Seiten, 19,90 Euro).

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 18.04.2004, Nr. 16 / Seite 25
Autorenporträt / Seidl, Claudius (cls)
Claudius Seidl
Verantwortlicher Redakteur für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.
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