„Atomic Blonde“ im Kino

Der Knall von 99 Luftballons

Von Verena Lueken
 - 11:03

In der besten aller Welten wäre „Atomic Blonde“ nicht der Rede wert. Denn James Bond wäre längst eine Frau, und jemand hätte Charlize Theron nach ihrem furiosen Auftritt in „Mad Max: Fury Road“ ein Franchise auf den Leib geschneidert, wie es Matt Damon mit „Bourne“ erging und Tom Cruise mit „Mission Impossible“ und „Jack Reacher“ und sogar Keanu Reeves mit „John Wick“. In der besten aller Welten wäre ein Film wie „Atomic Blonde“ nur eines unter vielen besseren Actionvehikeln für diese Schauspielerin.

Bekannterweise leben wir nicht einmal in der zweitbesten aller Welten. Und insofern ist „Atomic Blonde“ eine willkommene Abwechselung im Actiongeschäft, weil einmal eine Frau ballert, prügelt, trinkt und einsteckt, was das Zeug hält, und zwar mit Stil, manchmal Glamour, immer mit Chuzpe und erheblicher Schlagkraft. Und nie auf eine Weise, die dem männlichen Publikum Anlass zur Herablassung oder zum Schenkelklopfen bieten würde. Diese Frau kennt alle Tricks, sei es, ein Telefonkabel als Lasso und Würgeschlinge zu benutzen, durch Türen zu schießen, ihrem Gegner einen Korkenzieher in den Hals oder einen Schlüssel in die Wange zu stechen, und das, bevor sie ihre Künste im Kickboxen unter Beweis stellt.

Theron bietet mehr als nur eine Comicadaption

Charlize Theron macht ihre Stunts selbst. Ihr Rollenname ist Lorraine Broughton, aber wie alle guten Actionstars überstrahlt sie alles, was die Rolle, die aus einem Comic stammt, zu bieten hat. Und zwar ohne Anstrengung, mit hocherhobenem Kopf, das blaue Auge hinter einer Sonnenbrille verborgen. Sie ist in allem deutlich souveräner als ihr Gegenüber James McAvoy in der Rolle eines Agenten namens David Percival.

Er bleckt die Zähne in seinem breiten Grinsen ein paar Mal zu häufig, um seine dürftigen Sätze, oft motivlosen Handlungen und sein teilweise ungelenkes Hin und Her in Straßen, verlassenen Häusern oder einer vollgemüllten riesigen Wohnung zu orchestrieren. Wer ist dieser Mann, der Lorraine bei ihrem Auftrag zur Seite stehen soll, aber offenbar eine eigene Agenda verfolgt? Am Ende scheint es klar zu sein. Doch es folgt ein zweites Ende, in dem es ganz anders aussieht, und ein drittes, das nocheinmal eine Kehrtwende macht.

Ein Aufgebot an Feindschaften aus Zeiten des Mauerfalls

Tatsächlich ist es völlig einerlei, wie der Film ausgeht, was verhandelt wird und ob unterwegs sinnvolle Sätze gesagt werden. Was in „Atomic Blonde“ erzählt wird, ist einerseits so abgenutzt, dass man versucht ist, das alte Wort fadenscheinig hervorzukramen, und andererseits von einer nicht geringen Dämlichkeit, was ebenso die augenblicklich durchschaubaren wie die aus dünner Luft hervorgezauberten Plotvolten angeht. Eine Spionagegeschichte in den Tagen des Mauerfalls in Berlin. Muss mehr gesagt werden?

Die Mitspieler sind alle da, die Russen, die Amerikaner, die Franzosen, die Stasi, die anderen Deutschen. Und die Engländer mit MI6. Zu denen gehört Charlize Theron alias Lorraine Broughton. Ein Uhrmacher, gespielt von Til Schweiger, fungiert als Drehkreuz von Informationen. Berlin in den Tagen des Mauerfalls ist hier eine Stadt im Aufruhr, einerseits, von dem man aber nur hin und wieder etwas sieht oder hört.

Andererseits ist es eine Stadt, in der auf allen Seiten mit härtesten Bandagen gekämpft wird, als ließe sich am Lauf der Geschichte doch noch etwas drehen, wenn alle nur schnell genug agieren. Berlin ist hier wieder, was es in Filmen nach dem Zweiten Weltkrieg war, und sieht, von einigen zeitgemäßen Accessoires abgesehen, auch fast so aus: Teilweise eine Ruinenstadt voller Künstler und halbseidener Gestalten, mit einem riesigen Schwarzmarkt im Ostteil der Stadt und glamourösen Nachtclubs im Westen. Arm, aber sexy, das wissen wir ja.

Kinotrailer
„Atomic Blonde“
© dpa, Universal Pictures Germany

Mit der Geschichte nimmt es der Film nicht so genau. Nur die Musik, die ist tatsächlich aus jenen Jahren. „99 Luftballons“ mit tödlichem Ausgang, Led Zeppelin, Blondie, The Clash, alles dabei, und wenn David Bowie am Anfang des Films seinen Song „Cat People“ singt, während Lorraine, grün und blau geschlagen, nach einem Bad im Eis ein Foto verbrennt, macht sich gewaltige Wehmut breit. Für ihn.

Um das Ganze komplexer aussehen zu lassen, hat sich der Drehbuchautor Kurt Johnstad, der vor Jahren für Zack Snyder „300“ und seine Fortsetzung geschrieben hat, für „Atomic Blonde“- Regisseur David Leitch eine Rückblendenstruktur einfallen lassen. Die Mauer ist gefallen. Lorraine hat ihren Auftrag überlebt. Nun sitzt sie in einem Raum mit ihrem Chef vom MI6 und einem Mann von der CIA (John Goodman und Toby Jones), hinter dem üblichen Spiegel beobachtet von ihrem russischen Kollegen, und erzählt, was vorgefallen ist. Ihre Version zumindest.

Das Ganze ist lächerlich. Aber die Frage, ob eine Frau wie Charlize Theron einen Actionfilm stemmen kann, die beantwortet er hinreichend. Jetzt müssen nur noch die Filme auf ihr Niveau klettern.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lueken, Verena (lue.)
Verena Lueken
Redakteurin im Feuilleton.
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